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Schiene, Straße, Luft (40) Gastautor werden

Einigeln ist keine Lösung

Reisen aller Art wirft immer mehr Fragen auf. Gerade schienen die ökonomischen gelöst, da tauchten die ökologischen auf. Jetzt kommen auch noch gesundheitliche dazu. Ein bisschen mehr Nachdenken beim Reisen kann so oder so nicht schaden, meint Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

Ein Mitarbeiter testet im klinischen Labor des Leishenshan Krankenhauses in China Coronavirus-Proben von Patienten. © dpa / Cheng Min/XinHua

Bis vor kurzem war Verreisen, egal mit welchem Verkehrsmittel, für die meisten von uns kein Problem. Es kostete wenig, man hatte genug Urlaub – kurz, ein paar Klamotten in den Weekender geworfen und ab ging‘s. Oder ein paar Monate im Voraus eine Kabine gebucht, ein paar größere Koffer gepackt und die Weltreise angetreten. Doch dann kam die Klimadebatte. Flugreisen wurden als erstes problematisiert. Es folgten Kreuzfahrten und der Autoverkehr, selbst mit E-Autos. Manche Leute stellten das Reisen plötzlich in Frage. Aber das wirkte sich nicht nennenswert auf die Zahlen im Flugverkehr aus.

Nun veröffentlichte der Verband der Technischen Überwachungsvereine (VdTÜV) eine Pressemeldung mit dem Titel "Flugscham führt zu Flugverzicht". Ein bisschen gewagt, denn der Beleg für die These ist eine repräsentative Umfrage des Ipsos-Instituts, der zufolge 17 Prozent der Deutschen aufgrund des Klimawandels bereits auf Flugreisen verzichtet haben. Sie wurden zwar befragt, ihre Angaben wurden höchstwahrscheinlich nicht verifiziert.

Mit der Bahn nach Paris

Ich gehöre auch zu den 17 Prozent, bin ich doch vor kurzem von Berlin nach Paris und zurück mit der Bahn gefahren anstatt zu fliegen. Motivation war in erster Linie Spaß, aber auch Recherche-Interesse. Wenn mich jemand fragt, sage ich auch "aufgrund von Flugscham". Insofern hat die Umfrage nur belegt, dass viele Menschen für Flugverzicht Flugscham angeben, aber nicht, dass das auch stimmt.

Daran sind nämlich Zweifel angebracht, denn ehrlicherweise fügt der VdTÜV hinzu, dass sich die Ergebnisse der Umfrage (noch?) nicht in den Statistiken der tatsächlichen Flüge abbilden. Die Frage "Würden Sie es wieder tun?" stellten die Leute von ipsos auch nicht. Im Falle meines Berlin-Paris-Trips wüsste ich auch jetzt nicht so genau, wie ich sie beantworten würde. Die Fahrt war nicht gerade eine Reklame für Komfort und Präzision grenzüberschreitenden Zugverkehrs.

Aber die Umfrage zeigt, dass Reiselustige über ihre Motive mehr nachdenken als früher. Die Unverbesserlichen, die es nicht tun, müssen dann eben unreflektiert unter den Gesetzen leiden, die jetzt "aufgrund von Klimaschutz" verabschiedet werden und in Kraft treten.

Neben den juristischen Regeln gibt es aber auch andere, geschriebene und ungeschriebene, die zur Nachdenklichkeit vor der Reise anregen. So tragen die Auswirkungen des Coronavirus wahrscheinlich mehr zum Klimaschutz im Flugverkehr bei als alle Diskussionen über Flugscham. Vorschriften, Ratschläge und Ängste, ob berechtigt oder nicht, lassen die Menschen von Reisen Abstand nehmen. Die Ereignisse erinnern an Zeiten, da Deutschland und Europa weltweit als Umweltvorreiter glänzen konnten, weil in den neuen Bundesländern und anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks die Wirtschaft zusammenbrach und damit nennenswerte Treibhausgasproduzenten ausfielen.

Globalisierung nicht mit negativen Vorzeichen versehen

Diesmal betrifft es weniger die stationäre Industrie als vielmehr die Mobilitätswirtschaft, und hier nicht nur die Luftverkehrsbranche, sondern auch erd- oder wassergebundene Massenverkehrsmittel. Bei manchen mag man stillschweigend denken, das sei auch ganz gut so. Aber dahinter liegt jenseits aller wirtschaftlichen Überlegungen eine größere Gefahr, die in den Diskussionen mit extremen Klimaschützern auch schon zutage tritt: Die überhitzte Bearbeitung von Themen wie Klimaschutz oder Epidemie birgt die Gefahr, dass die Globalisierung mit negativen Vorzeichen versehen wird. Das wäre ein Rückfall in finstere Zeiten.

Es wäre verfehlt, jetzt das Zuhause-Bleiben zu propagieren, denn allein mit Medienkonsum lässt sich die Welt nicht entdecken. Vielleicht muss man nicht die Pyramiden sehen, denn es gibt so viele Bilder davon. Aber einmal durch die Innenstadt von Kairo, das ist schon ein Erlebnis. Wer nur noch daheim bleibt und sich einigelt, wer den Begriff "fremd" negativ belegt, diskreditiert damit die größten Errungenschaften der Zivilisation, von denen auch er Zuhause profitiert. Neugier statt Abwehr sollte die Losung sein. Gerade das Interesse am Unbekannten, Fremden bildet nämlich die Grundlage für Wissenschaft und Forschung, aber auch für Verständnis des Andersseins. Außerdem erkennt der Reisende in der Fremde, dass er dort selbst fremd ist.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig Jetzt Gastautor werden

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