ÖPSV Gastautor werden

Eine Weihnachtsvision zum regionalen Luftverkehr

Ulrich Stockmann (SPD) hat zu Weihnachten eine Vision. Darin geht es um einen neuartigen regionalen Luftverkehr - der nicht nur zur Adventszeit dafür sorgt, dass sich Familien und Freunde öfter sehen.

Eine ATR schaut gerade noch über einen Schneeberg. © AirTeamImages.com / Jorgen Syversen

Sie alle kennen den Spruch von Helmut Schmidt: Wer in der Politik Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen. Heute könnte man ihm antworten: Wer in der Politik keine Zukunftsvorstellungen hat, dem kann auch ein Arzt nicht mehr helfen. Hier also meine Weihnachtsvision, sozusagen als Abschluss zu meiner Serie über einen ÖPSV (Öffentlicher Personen-Schnellverkehr) hier auf airliners.de:

Es ist Adventszeit. Nicht heute, sondern in einer nahen Zukunft. Es ist 2039 und meine Enkel erklären mir, sie könnten in diesem Jahr zu Weihnachten nur kurz bei mir vorbeischauen, weil sie als Patchwork-Kinder so viele Verwandte besuchen wollen und dazu noch ihre Freunde aus dem Erasmusstudium. Und ob sie nicht als Geschenk einen Zuschuss zum ÖPSV-Ticket bekommen könnten.

Auf meine Antwort: "OK.- als ich in Eurem Alter war, konnte ich mir so eine Rumfliegerei aber nicht leisten, da gab es noch keinen ÖPSV", wurde ich - wohl eher aus Höflichkeit- aufgefordert, zu erzählen, wie es zum europaweitem ÖPSV kam.

"Ja also", begann ich und setzte mich in den Sessel, "damals war die politische Konstellation günstig." Ich erklärte weiter: Die vorhandenen Verkehrsinfrastrukturen kollabierten Zusehens. Auf den Straßen gab es kein vernünftiges Baustellenmanagement und noch keine Maut, die über variable Preise den Verkehr steuerte. Die Slot-Vergabe für die großen Flughäfen war noch nicht an Flugzeuggrößen gebunden und die Akzeptanz für den Bau neuer Infrastruktur ging gegen Null. Auch die Bahn schwächelte und konnte ihre Vorteile im grenzüberschreitenden Verkehr nicht nutzen, weil noch immer eine Interoperabilität der Systeme fehlte und dazu nur jeder fünfte ICE funktionsfähig war.

Über den Autor

Ulrich Stockmann

Ulrich Stockmann (SPD) war Mitglied der ersten freigewählten Volkskammer der DDR und bis Dezember 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages. Den Großteil seiner politischen Laufbahn verbrachte er im EU-Parlament in Brüssel. Zunächst als Beobachter für Sachsen-Anhalt, von 1994 bis 2009 als ordentliches Mitglied im im Europäischen Parlament. Er war Mitglied des Verkehrsausschusses. Aktuell engagiert er sich politisch für Regionalflughäfen und die allgemeine Luftfahrt.

"Da kamen drei glückliche Umstände zusammen", erläuterte ich den Kids. Ich erzähle, wie sich die Politik auf ihre Verantwortung für die Entwicklung der metropolfernen Regionen besann. Eine große Firma entwickelte kleineres Fluggerät und dachte an eine Luftmetro. Und der synthetische CO2-neutrale Kraftsoff wurde entwickelt, den man dezentral herstellen kann. "Wisst ihr, vorher galt Fliegen als umweltschädlich." - Jaja…

Nach all den früheren Pleiten bei Verkehrsprojekten der Zukunft, wollte sich die Politik der Bitte um eine Referenz- und Teststrecke nicht verschließen. Das war der Anfang. "Ich glaube mich zu erinnern, dass die erste Metro-Flugstrecke von Jena über Erfurt, Halle, Magdeburg, Schönhagen oder Straußberg und dann weiter nach Rostock und Lübeck führte."

Ich war in Fahrt gekommen, merkte aber an der beginnenden Unruhe meiner Enkel, dass ich besser keine Vorlesung halten sollt. "Kurz, dann kam die Phase, in der über ein ÖPSV- Netzwerk nachgedacht wurde. Das erforderte viele Bedarfsanalysen und Strecken- und Logistikarchitektur. Das war die kritischste Phase."

Ich erinnerte, wie einige Verbände und private Monopolisten (ich nannte sie damals die "Ritter- des -Status-quo") gegen das neue Angebot lobbyierten. Meine Idee, das Netzwerk unter der Überschrift „Daseinsvorsorge“ wie den ÖPNV laufen zu lassen, wurde skeptisch beäugt, weil klar war, dass wir dann auch „Regionalisierungsmittel“, wie der Bund sie den Ländern für regionale Zugverbindungen, Schulbusse und so weiter zur Verfügung stellt, beanspruchen konnten.

Dabei betrug unsere Finanzierungslücke grade mal 20 Prozent und nicht über die Hälfte, wie beim ÖPNV. Na ja, ein anderes Problem war: sobald das neue Fluggerät auf dem Markt war, gab es neue Unternehmen, die sich die Rosinen aus dem angedachten Streckennetzwerk pickten. Vor allem einige grenzüberschreitende Destinationen waren attraktiv. Ich bemerkte eine zunehmende Unruhe der Kids. "Bitte lasst mich heute mal meine Lieblingsgeschichte zu Ende erzählen." - Mmm…

"Der Durchbruch kam, als sich die entnervten regionalen Flughäfen entschlossen, eine eigene genossenschaftliche Fluggesellschaft zu gründen. Warum sollen sich nur Airlines an Flughäfen beteiligen und nicht auch umgekehrt, wurde damals gesagt. Ich glaube in Deutschland gibt es inzwischen drei Genossenschaften an denen auch lokale Wirtschaftsunternehmen beteiligt sind."

Der letzte Schritt war die europaweite Ausbreitung des Netzwerkes. Das Europaparlament war von vorherein aufgeschlossen. Seit seinem Bemühen um die Weiterentwicklung der Transeuropäischen Netze, waren grenzüberschreitende Verkehre in seinem Fokus. Auch politisch kam das Projekt eines europaweiten ÖPSV grade recht, angesichts zunehmender Renationalisierungstendenzen.

Die Kommission war sogar begeistert, hatte sie doch schon vor Jahren gefordert, dass 80 Prozent aller Bürger in Europa bis 2050 innerhalb von vier Stunden jeden beliebigen europäischen Ort erreichen können sollten. "Jetzt war ihre Zukunftsvision realistischer geworden", beendete ich meine historische Abhandlung.

Die Kinder wollten weg. Ich wünschte ihnen noch gute Flüge in der Weihnachtszeit.

Und genau das wünsche ich auch Ihnen!

Ulrich Stockmann

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Von: Ulrich Stockmann für airliners.de Jetzt Gastautor werden

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