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Eine Ode an die Gangway

Das hatte noch Stil, als man früher Flugzeuge stets über eine Treppe bestieg. Ganze Generationen von Stars badeten in Glamour, wenn sie bei Ankunft die Stufen hinabschritten. Heute sind Treppen die große Ausnahme geworden.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. © airliners.de

Neulich war ich in London in einer Fotoausstellung über 50 Jahre Rolling Stones. Gleich am Eingang hing eine große Schwarzweiß-Aufnahme der Band von 1964, damals posierten die noch ziemlich unbekannten Jungs schon professionell auf der eingebauten Treppe einer Vickers Viscount von BEA, das Foto zeigt sehr schön das damalige BEA-Logo, die rote Box, und die ovalen Fenster der Viscount. Wenige Schritte ein anderes Bild – die Stones ein paar Jahre später, jetzt schon ziemlich berühmt, daher angetan mit Sonnenbrillen, Schlaghosen und Keith Richards mit weißem Pelz-Umhang. Ort: Die Gangway einer Boeing 707 von TWA bei Ankunft auf dem Flughafen Heathrow. Bilder aus einer anderen Zeit – nicht nur weil die Stones noch so jung waren, sondern auch weil jeder Passagier sein Flugzeug über eine herangerollte oder bordeigene Gangway verließ – und nicht durch meist dunkle Fluggastbrücken-Röhren eingesaugt und wieder ausgespuckt wird wie heute.

Von Stars vor allem der 1960er Jahre gibt es unzählige berühmte Bilder, auf denen stets Flugzeuge und Flughäfen zu sehen sind, sozusagen Spotter-Fotos der anderen Art. Auch die Beatles waren eine vielreisende Band, unvergessen die Bilder ihrer ersten Ankunft im Februar 1964 in New York vor Tausenden Fans, noch etwas einschüchternd für die Fab Four beim Hinabsteigen der Gangway aus der Pan Am-Boeing 707.

Der Hamburger Flughafen hat letztes Jahr zu seinem 100. Geburtstag einige tolle Motive aus der Schatzkiste gezogen, die Beatles in Hamburg, in einer JAL DC-8 aus Tokio gelandet. Die Stones – sich lasziv aus einer Air France-Caravelle schälend. Oder die „Queen of Jazz“ Ella Fitzgerald in einem unfassbaren Kleid mit passendem Käppi –alles im Leoparden-Muster- vor einer Lufthansa Vickers Viscount. Momente wahrlich für die Ewigkeit.

Und heute? Da posieren abfliegende Olympia-Teams zumeist nur noch in schummrigem Licht am Gate, bevor sie vom Brückenrüssel an Bord gepustet werden. Oder, wie am heutigen Mittwoch, kommt die deutsche Olympiamannschaft aus London gleich per Schiff nach Hause mit der MS „Deutschland“ und kann sich im nassen Hamburger Hafen auf einen großen Empfang freuen. Nur die beiden deutschen Beachvolleyball-Golddjungs sind geflogen,mit Germanwings. Die ließ die beiden Helden am Montag stolz auf einer – Gangway!- posieren in Köln, für ein gestelltes PR-Foto.

Wenn es bei besonderen Fluggästen sonst mal eine Gangway sein soll wird es heute schnell peinlich, es fehlt offenbar die Übung. So wie neulich, als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zur EM nach Danzig flog. Nach der Landung der nagelneuen Lufthansa-Boeing 747-8 dann erwartungsvolle Blicke vom unteren Ende der Treppe nach oben – wo minutenlang nichts passierte. Die Tür klemmte.

Wenn Stars heute unterwegs sind nehmen sie meist gleich einen Privatjet, die Stones zum Beispiel reisten zuletzt mit einer Boeing 757 der Privat Air in Hamburg an. Da posiert dann niemand mehr auf der Gangway, sondern das Gelände ist abgeriegelt, bebrillte Bodyguards eskortieren die berühmten Herren direkt in einen Konvoi aus abgedunkelten Kleinbussen, und weg sind sie. Aufnahmen von Stars auf Flughäfen gibt es immer noch, aber meist sind es Paparazzi-Abschüsse aus langen Korridoren oder hässlichen Terminalecken. Das Ende der Gangways auf den meisten Flügen bedeutete auch das Ende dieses kultivierten Genres der Starfotografie.

Ich kann mich auch an eigene Sternstunden mit Flugzeugtreppen erinnern. So am 1. Dezember 1989 nach dem Erstflug Dresden-Hamburg mit der Interflug Tu-134, kurz nach dem Mauerfall. An Bord war eine Dresdner Delegation inklusive OB. Irgendwie konnte man sich vor dem Aussteigen nicht einigen, ob die Presseleute erst aussteigen oder hinter den Offiziellen. Wir schlüpften zuerst raus, das wusste am anderen Ende der Treppe aber wohl niemand. Ich wurde also als waschechter Hamburger überschwänglich vom damaligen Bürgermeister Voscherau begrüßt, der ja nicht wußte, dass ich nur meine Heimatstadt besuchte und nicht zu den Brüdern und Schwestern „von drüben“ gehörte.

Ein Gefühl wie wahrscheinlich damals bei den Stones oder Beatles bekam ich im Juni 2003 auf dem Flughafen Karlsruhe/Baden. Derartig viele Menschen, es müssen Tausende gewesen sein, jubelten mir und anderen zu, als wir die hohe Gangway herunterkamen. Ein echtes Gänsehaut-Gefühl. Dabei galt das gar nicht uns, sondern dem Flugzeug dem wir entstiegen – der Concorde Fox Bravo von Air France, die anschließend ins Museum nach Sinsheim kam. Spätestens seit diesem Tag vermisse ich irgendwie die Ära der Gangways. Auch wenn man damals häufiger nass wurde beim Einsteigen und ich heute selbst über zeitraubende Außenpositionen in Frankfurt oder Paris-CDG fluche.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de Jetzt Gastautor werden

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