airliners.de Logo

Ehemaliges Tegel-Gelände soll zum Industriepark werden

Ende Oktober ist die Eröffnung des BER geplant. Wenig später wird im Gegenzug der Flughafen Berlin Tegel schließen. Auf dem Gelände soll dann ein modernes Quartier für Institute, Industrie und Hochschulen entstehen. Nicht jeder hält das für sinnvoll.

Illustration zur Nachnutzung von Berlin Tegel. © Tegel Projekt GmbH

In drei Monaten wird der Flughafen Berlin Tegel geschlossen. Am 8. November soll es soweit sein - nach der jahrelang verschobenen und nun für Ende Oktober erwarteten Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens BER.

Auf dem Tegel-Gelände soll dann das "Schumacher-Quartier" entstehen. Die Tegel Projekt GmbH hat den Auftrag, das neue Stadtquartier mit mindestens 5000 Wohnungen und Platz für 10.000 Menschen und den benachbarten Forschungs- und Industriepark zu entwickeln. Das Gelände ist rund fünf Quadratkilometer groß - so wie der Berliner Stadtteil Tiergarten.

Das Schumacher-Quartier

Im neuen Schumacher-Quartier sollen sich zwei Radschnellwege kreuzen, im Inneren sind Autos tabu. Stattdessen sind an den Rändern sogenannte Mobility Hubs geplant, an denen Bewohner vom Auto auf Rad oder ÖPNV umsteigen können. Die beiden Haltestellen der U6 Scharnweberstraße und Kurt-Schumacher-Platz sind zu Fuß zu erreichen, eine Straßenbahnverbindung soll den Planern zufolge dazu kommen.

Die Häuser sollen in Holzbauweise gebaut werden, vorwiegend von Berlins landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, Genossenschaften und privaten Baugruppen. So schnell geht es allerdings nicht los: Nach der Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens muss Tegel noch sechs Monate betriebsbereit gehalten werden. Anschließend gilt eine Dreimonatsfrist, die die Flughafengesellschaft zur Verfügung hat, um sicherheitsrelevante Anlagen zurückzubauen.

Erst danach kann die Tegel Projekt GmbH übernehmen - voraussichtlich zwischen Mai und August 2021. Die ersten Arbeiten sollen noch im selben Jahr beginnen, die ersten Hochbauarbeiten 2023. "Die Corona-Krise hat auf uns keine Auswirkungen. Für uns hat sich nichts verschoben", sagt Philipp Bouteiller, der bereits seit April 2012 Geschäftsführer der GmbH ist - damals gingen die Berliner noch davon aus, der neue Hauptstadtflughafen würde zwei Monate später eröffnen. "Mit den ersten Bewohnern im Schumacher-Quartier rechnen wir für 2026." Das gesamte Projekt braucht noch deutlich mehr Zeit. "Wir rechnen mit 20 bis 30 Jahren", sagt Bouteiller.

Die Urban Tech Republic soll Industrie, Forschung und Studenten zusammenbringen

Der Industrie- und Forschungspark hat den futuristisch klingenden Namen Urban Tech Republic. Die Projektgesellschaft will dort Gründer, Studenten, Investoren, Industrielle und Wissenschaftler zusammenbringen. Dort sollen einmal 800 kleine Unternehmen und Institute ihren Platz finden.

Das bisherige Terminal A wird zum Hochschulstandort - dort zieht voraussichtlich die Beuth Hochschule mit 2500 Studierenden ein. Die Tegel Projekt GmbH geht davon aus, dass weitere Hochschulen und Institute dazu kommen und es dort in der Zukunft insgesamt einmal 5000 Studierende geben wird.

© Tegel Projekt GmbH, Andreas Schiebel Lesen Sie auch: Tegel-Projektbetreiber wollen schnell mit Umbau starten

Das Interesse an der Urban Tech Republic ist Bouteiller zufolge spürbar: "Die Unternehmen, die vor der Corona-Krise Flächen gesucht haben, suchen immer noch Flächen. Die Anfragen kommen in eher steigender Frequenz", sagt er. Mehr als 100 habe es bereits gegeben.

Wolf-Christian Strauss vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin findet das Konzept vielversprechend: "Wenn man hier innovative Techniken und produzierendes Gewerbe ansiedelt, das nicht stinkt und raucht, dann hat das seinen Sinn, weil sich diese Unternehmen gegenseitig befruchten." Andere Städte machten es genauso. "Aber das wächst sehr langsam."

Berliner FDP kritisiert Tegel-Schließung

Einer anderen Meinung ist Berlins FDP-Fraktionsvorsitzender Sebastian Czaja. Er hält die in drei Monaten geplante Schließung des Flughafens Tegel gerade angesichts der Corona-Krise für falsch. "Die Berliner Wirtschaft, insbesondere die Tourismus-, Hotel-, Gastro- und Veranstaltungsbranchen sind darauf angewiesen, dass schnell wieder Besucher nach Berlin kommen", sagte Czaja der Deutschen Presse-Agentur. "Es ist ein fataler Fehler, in so einer Situation Berlins einzigen funktionierenden Flughafen zu schließen."

Der Berliner Senat ignoriere stur einen erfolgreichen Volksentscheid zur Offenhaltung des Flughafens - "obwohl Berlin TXL mehr denn je braucht".

Czaja geht davon aus, dass sich das Flugaufkommen mittelfristig normalisiert. Der neue Hauptstadtflughafen BER werde deshalb ein Kapazitätsproblem haben, erst recht angesichts höherer Auflagen bei der Abfertigung aufgrund von Abstands- und Hygieneregeln und verpflichtenden Corona-Tests. "Die Schließung des Flughafens Tegel wird die Stadt ins Chaos stürzen", warnte Czaja. "Zumal TXL die Cashcow der kriselnden FBB ist, deren finanzielle Stabilität noch immer nicht geklärt ist."

© Berliner Flughäfen, Lesen Sie auch: Berliner Flughafen Tegel wird nicht vorzeitig geschlossen

Das vollmundige Versprechen des Senats, aus den Plänen für das Gelände werde irgendwann ein "Quartier der Zukunft" entstehen, sei angesichts der vermurksten Stadtentwicklungspolitik zynisch. "Die Linkskoalition verhindert in der ganzen Stadt Innovationen und Investitionen, aber in Tegel soll es auf einmal funktionieren?"

Czaja hat sich jahrelang für den Erhalt des Flughafens Tegel engagiert. Die Berliner FDP startete 2015 gemeinsam mit dem Verein Pro Tegel eine Volksinitiative, 2017 bekam ein entsprechender Volksentscheid in Berlin fast eine Millionen Stimmen und eine knappe Mehrheit.

Von: Andreas Heimann, dpa, lr

Lesen Sie jetzt

Lesen Sie mehr über

Politik Rahmenbedingungen Berlin-Tegel Infrastruktur BER Berlin Verkehr Flughäfen