Easyjet halbiert Berliner Basis und streicht innerdeutsche Routen

Sowohl die Zahl der in Berlin stationierten Flugzeuge als auch die Arbeitsplätze in der Hauptstadt will Easyjet nahezu halbieren. Die innerdeutschen Routen sollen wegfallen. Verdi ruft nach der Politik.

Flugzeuge von Easyjet. © AirTeamImages.com / Matthieu Douhaire

Easyjet will im Zuge von Corona ihre Präsenz in Berlin deutlich reduzieren. Das Unternehmen habe Gespräche mit der zuständigen Personalvertretung "zur Verringerung der Zahl der in Berlin stationierten Flugzeuge und Mitarbeiter" aufgenommen, teilte ein Sprecher am Mittwoch auf Anfrage mit.

Laut interner Mitteilungen wird Easyjet zum Winterflugplan 16 der 34 in Berlin stationierten Flugzeuge abziehen und die Mitarbeiterzahl an der größten Basis in Deutschland deutlich reduzieren. Die Planungen sehen auch einen Netzumbau vor. Man werde künftig nur noch europäische Städte- und Urlaubsziele anbieten, schreibt Easyjet, die seit dem Air-Berlin-Aus der größte Anbieter in der Hauptstadt ist.

Damit fallen dem Rückbau auch die innerdeutschen Easyjet-Verbindungen zum Opfer. "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt planen wir keine Inlandsflüge in Deutschland", heißt es. Diese sollten eigentlich zum 7. September wieder aufgenommen werden, sind jedoch aktuell nicht mehr buchbar.

Teilrückzug des Air-Berlin-Nachfolgers

Der Arbeitsplatzabbau ist aus Verdi-Sicht besonders bitter, da Easyjet seit 2017 die Nachfolge von Air Berlin am Flughafen Tegel angetreten hat und damals viele Angestellte des insolventen Platzhirschen übernommen habe.

Als "schwarzen Tag" für den Berliner Luftverkehr bezeichnete Verdi-Luftfahrsekretär Holger Rößler die Ankündigung der Low-Cost-Airline. Der Rückbau bedeute den Arbeitsplatzverlust für 738 der derzeit 1540 Mitarbeiter in Kabine und Cockpit.

"Easyjet hat damit geworben, ein sozial verantwortlicher Arbeitgeber zu sein. Jetzt werden wir das Unternehmen an den eigenen Ansprüchen messen und erwarten, dass die Kürzungspläne überdacht werden. Wir werden um die Arbeitsplätze in Berlin kämpfen".

Berliner Verluste können vom restlichen Netzwerk nicht mehr aufgefangen werden

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) berichtet, dass Easyjets Country-Manager für Deutschland, Stephan Erler, die Entscheidung intern mit Verlusten aus dem Berlin-Engagement begründet.

"Die Herausforderungen, die es bisher unmöglich gemacht haben, in Berlin profitabel zu sein, bestehen weiter und wurden durch Covid-19 verschärft", heiße es in der Mitteilung. Das übrige Netzwerk sei nicht mehr in der Lage, die erheblichen Verluste, die die Berliner Basen verursachten, auszugleichen.

© dpa, Salvatore Di Nolfi Lesen Sie auch: Easyjet stellt Netzwerk und Basen auf den Prüfstand

Die Begründung trifft bei Verdi auf Unverständnis. "Diese Entscheidung ist für uns nicht nachvollziehbar und auch nicht mit den Pandemie-Folgen zu erklären. Der BER wird im Herbst ans Netz gehen und dies eröffnet für den Flugverkehr von und nach Berlin neue Chancen", so Rößler. Warum die Fluggesellschaft jetzt ihre Präsenz in Berlin halbierte, bleibe im Dunkeln. Die Entscheidung würde jedoch wirtschaftliche Folgen für den BER haben und Berlins Anbindung verschlechtern. Daher müsse sich auch die Berliner Landesregierung einschalten.

Easyjet werde die Basis in Berlin keinesfalls ganz schließen, betonte CEO Johan Lundgren: "Berlin bleibt ein strategisch wichtiger Teil unseres Netzwerks, in den wir erhebliche Investitionen getätigt haben, und obwohl wir Berlins größte Fluggesellschaft bleiben werden, müssen wir unseren Flugplan an die Nachfrage nach der Pandemie anpassen und uns auf profitables Fliegen konzentrieren." Dennoch bleibe man der Basis und ihrem langfristigen Erfolg voll verpflichtet.

In einem Interview mit airliners.de Ende Mai hatte auch Erler die Rolle Berlins betont und sagte, dass am Aufbau einer Instandhaltungsbasis in Berlin festgehalten werde. Die Hauptstadt war bislang der größte Standort von Easyjet außerhalb Großbritanniens. Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup sagte am Mittwoch, Easyjet habe angekündigt, dass dies auch so bleiben.

© dpa, Bernd Settnik Lesen Sie auch: "Es ist zu früh für konkrete Prognosen zu einzelnen Easyjet-Standorten" Interview

Die Airline gibt an, mit den Personalvertretungen in Verhandlungen zur Zukunft der Berliner Mitarbeiter eingetreten zu sein. Gleiches gelte für die Mitarbeiter im Ursprungsland Großbritannien. Dort stehen mit London Stansted, London Southend und Newcastle gleich drei Basen zur Disposition.

Im Rahmen einer Vielzahl von Maßnahmen zur Stärkung der Liquidität in der Corona-Krise hatte Easyjet bereits Ende Mai angekündigt, dass bis zu 30 Prozent der Arbeitsplätze unternehmensweit abgebaut werden sollen. Die Flotte soll gegenüber der ursprünglichen Planung um 51 Flugzeuge auf 302 bis Jahresende schrumpfen.

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Britische Gewerkschaften warnen vor "Überreaktion"

Die britische Pilotenvereinigung Balpa hatte die Fluggesellschaft bereits am Dienstag vor "übereilten Entlassungen" gewarnt. Zuvor hatten in Großbritannien die Verhandlungen begonnen. Laut Balpa könnten 727 Easyjet-Piloten in Großbritannien ihren Job verlieren. Das sei eine "exzessive Überreaktion", wie die Pilotengewerkschaft kritisierte. Easyjet werde Schwierigkeiten haben, genügend Piloten zu finden, wenn sich die Luftfahrtbranche in den kommenden zwei Jahren wieder erhole, warnte die Gewerkschaft.

Auch die Gewerkschaft Unite, die das Kabinenpersonal bei Easyjet im Heimatland vertritt, zeigte sich enttäuscht über den geplanten Abbau von knapp 1300 Stellen. Verantwortlich mache Unite dafür teilweise die Regierung in London, die "im starken Kontrast" zu beispielsweise Frankreich und Deutschland, kein Rettungspaket für die Luftfahrtbranche aufgelegt habe.

Von: dk, dh mit dpa

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