Easa will Boeing 737 neuem Zulassungsprozess unterwerfen

Nach dem Grounding der Boeing 737 Max will die Easa die Baureihe einem erneuten Zulassungsprozess unterziehen. Zuvor war man in Europa der US-Zulassungsbehörde FAA im Wesentlichen blind gefolgt.

Ein Testflugzeug des Typs Boeing 737 Max steht auf dem Boeing-Werksflughafen in Seattle. © dpa / Ted S. Warren/AP

Die europäische Agentur für Flugsicherheit Easa will die Boeing 737 Max einem erneuten Zulassungsprozess unterziehen. Easa-Chef Patrick Ky versprach am Dienstag, die Boeing 737 Max würden in Europa einer zusätzlichen Kontrolle zu unterzogen, bevor sie die Zulassung für den Betrieb in Europa zurückerhielten.

Vor der Zertifizierung der Max-Flugzeuge im Jahr 2017 habe die Easa die von der FAA für sicher erklärten Flugsteuerungsfragen nicht separat überprüft, räumte Ky vor dem Ausschuss für Verkehr und Fremdenverkehr des Europäischen Parlaments ein. Nun garantiere er, dass die 737 Max von der Easa nicht erneut freigegeben werde, bis alle Fragen geklärt sein, "ungeachtet dessen was auch immer die FAA macht".

EU-Parlamentarier kritisieren die Easa nun zum teil scharf. Die Zulassungsbehörde habe offenbar seit dem ersten Absturz einer Boeing 737 Max 8 im Oktober von dem Problem gewusst, das mutmaßlich auch zum zweiten Unglück geführt habe, erklärte der verkehrspolitische Sprecher der Europa-CSU, Markus Ferber, in Brüssel. "Eine Flugsicherheitsbehörde, die einen Softwarefehler erst als Risiko einstuft, wenn schon zwei Flugzeuge abgestürzt sind, stellt für den Bürger selbst ein Risiko dar", erklärte der Politiker

Zur Verteidigung seiner Behörde führte Ky an, der EASA sei die Beteiligung an den Untersuchungen der Abstürze untersagt gewesen. Da es sich um eine Maschine aus US-Produktion handle, leite die US-Flugsicherheitsbehörde FAA die Ermittlungen. "Wir mussten uns ausschließlich auf öffentliche Informationen und Informationen der FAA verlassen", sagte Ky.

FAA steht wegen Zertifizierungs-Outsourcing unter Druck

Nach den jüngsten Abstürzen von Flugzeugen des Typs Boeing 737 Max 8 steht die US-Luftfahrtbehörde FAA wegen ihrer Zertifizierungspraktiken unter Druck. Während des vergangenen Jahrzehnts ließ sie neue Flugzeuge großteils von externen Experten und den Herstellern selbst testen. So halfen auch Boeing-Mitarbeiter dabei, die Maschinen des US-Konzerns sowie die Trainings-Prozesse für Piloten zu genehmigen.

Wegen Budgetkürzungen und dem stetig zunehmenden Luftverkehr habe die FAA immer mehr Prüfprozesse ausgelagert, berichteten Quellen aus der Branche der Nachrichtenagentur AFP. Boeing habe bei der Zertifizierung seines Unglücksmodells 737 Max besonders Druck gemacht, weil Konkurrent Airbus mit seiner A320-neo-Familie kurz zuvor ein vergleichbares Mittelstrecken-Modell auf den Markt gebracht hatte. Die 737 Max wurde als Variante ihres Vorgängers 737 NG zertifiziert, obwohl sich ihre Motoren und Flug-Kontrollsysteme deutlich von dieser unterscheiden.

Die Untersuchungen der Abstürze legen nahe, dass ein Softwarefehler des Trimmsystems MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System) in beiden Fällen der Auslöser gewesen sein könnte. Die ursprüngliche Sicherheitsanalyse für die 737 Max, die Boeing an die Luftfahrtbehörde überstellte, hätte nach Änderungen am MCAS neu evaluiert werden müssen, was nicht geschehen war, heißt es in US-Medien. In der Folge konnte das System dermaßen stark in die Flugkontrolle eingreifen, dass es zu "katastrophalen" Folgen kommen konnte - allerdings ohne dass es redundant ausgelegt wurde.

Auch generell habe es starke Meinungsverschiedenheiten zwischen den FAA-Mitarbeitern am Boeing-Produktionsstandort Seattle und der Behördenzentrale in Washington gegeben, berichtete ein US-Regierungsinsider AFP.

© Boeing, Lesen Sie auch: Schwerwiegende Vorwürfe gegen Boeing nach 737-Max-Abstürzen

"Das Zertifikationsprogramm für die 737 Max erfolgte nach dem standardisierten FAA-Genehmigungsprozess", verteidigte sich die Behörde in einer E-Mail. Beobachter kritisieren jedoch, dass das möglicherweise für die Abstürze verantwortliche Trimmsystem MCAS grünes Licht bekam, obwohl US-Piloten mehrfach ihre Besorgnis über dieses geäußert hatten.

Die FAA wies Boeing nach dem Lion-Air-Unglück lediglich an, ihre Flughandbücher anzupassen und das Pilotentraining umzustellen. Boeing-Chef Dennis Muilenburg kündigte zuletzt ein Software-Update für MCAS an. Laut Branchenkreisen soll es innerhalb von zehn Tagen fertig sein.

Easa prüft Notwendigkeit für neue Pilotentrainings

Auch das will die Easa nun genauestens prüfen. Ky sagte, sowohl das Software-Update als auch die Piloten-Schulung würden genau geprüft werde. "Wir wollen sicherstellen, dass die Upgrades nicht nur in Bezug auf Architektur, Design und Validierung sicher sind." Zudem gehe es bei der Genehmigung um die neuen Schulungsanforderungen für Piloten, die die 737 Max fliegen sollen.

Derweil will der demokratische Vorsitzende des Transport-Komitees im US-Repräsentantenhaus, Peter DeFazio, die Zertifzierungspraktiken bei der 737 Max genauer untersuchen lassen. Öffentliche Anhörungen sind laut Kongress-Insidern nun nicht ausgeschlossen. Mittlerweile ermittelt auch die US-Staatsanwaltschaft.

Am 10. März war eine 737 Max 8 der Ethiopian Airlines kurz nach dem Start in Addis Abeba abgestürzt, 157 Menschen kamen ums Leben. Erst im vergangenen Oktober war eine Lion-Air-Maschine des gleichen Typs vor der Insel Java verunglückt, damals gab es 189 Tote. Zahlreiche Länder sperrten ihren Luftraum für Maschinen des betroffenen Typs.

Die Auswertung der Flugschreiber der in Äthiopien verunglückten Boeing 737 Max 8 lässt dabei auf "klare Ähnlichkeiten" mit dem Absturz in Indonesien schließen. Während der Überprüfung der Daten habe das Untersuchungsteam "klare Ähnlichkeiten" festgestellt, teilte die mit der Auswertung beauftragte französische Luftsicherheitsbehörde BEA mit.

Von: dh mit AFP

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