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Schiene, Straße, Luft (28) Düsseldorf ist das Wolfsburg des Luftverkehrs

Gespräche über Umwelt und Verkehr sind nur noch selten lustig. Wie schön ist es da, wenn hin und wieder kleine Fehler passieren, über die wir uns unter Pflege aller Vorurteile amüsieren können, findet Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

Ein ICE fährt aus einem Bahnhof. © Fotolia / den-belitsky

"Mahlzeit, Schatz! Ich komme heute leider ein bisschen später."
"Ach Menno, du wolltest doch gegen Mittag hier in Düsseldorf sein. Wo bist du denn schon wieder?"
"In Edinburgh!"
"Ach nee! Ist da eine andere Frau im Spiel?"
"Nein, British Airways hat sich verflogen!"
"Das ist ja wohl die dreisteste Ausrede, die ich je gehört habe! Wie heißt die andere?"

Es war tatsächlich keine Ausrede. Eine Maschine aus London ist am Montag nach Norden in den schottischen Süden statt nach Osten an den Rhein geflogen. Norden, Süden, Osten – da kann man schon mal durcheinanderkommen. "Es handelte sich um einen Flug der British Airways, der von der deutschen Chartergesellschaft WDL Aviation durchgeführt wurde", meldete die dpa dazu.

Da erfuhren die Fluggäste auch einmal, wie es sich anfühlt, wenn man im Zug von Berlin nach Wolfsburg sitzt, und der brettert einfach haltlos durch die Autostadt, weil der Lokführer sich in einem ICE mit anderem Fahrplan wähnt.

Fehler passieren bei Bus und Bahn

Mir selbst ist es einmal in dem hübschen unterfränkischen Städtchen Wertheim passiert: "Mein" Lokführer erinnerte sich auf der Fahrt von Lauda nach Frankfurt am Main erst zwei Kilometer hinter dem Bahnhof daran, dass er seinen Zug dort hätte anhalten sollen. Damals lösten die örtlichen Bundesbahn-Beamten (!) das Problem äußerst pragmatisch (!), indem sie den Zug einfach zurücksetzen ließen. Ein andermal saß ich in Bremen in einer Straßenbahn, die an einer Weiche geradeaus fuhr anstatt abzubiegen. Und neulich hat sich in Berlin mein Bus verfahren. Der Fahrer merkte es an der nächsten Haltestelle, entschuldigte sich unter dem Beifall der Fahrgäste und fuhr zurück auf die geplante Strecke.

Im Fall Edinburgh hatten die Piloten wohl alles richtig gemacht, denn ihnen waren offenbar die Papiere für einen Schottland-Flug ausgehändigt worden. Aus der Berichterstattung geht nicht hervor, dass einem Passagier die falsche Richtung aufgefallen wäre. Aber wer guckt schon aus dem Fenster, wenn der Gebrauch elektronischer Geräte während des Fluges erlaubt ist? Dabei ist, Brexit hin, Brexit her, England auch von oben ganz schön.

Alle Passagiere wollten zurück nach Düsseldorf

Nach dem Ausflug ergoss sich im Netz, anders als bei den Wolfsburg-Pannen, die Häme nicht prioritär über die Crew im Cockpit, sondern über Düsseldorf. Verständlich für einen Ostwestfalen wie mich. Edinburgh wie Düsseldorf sind zwar Landeshauptstädte, aber in allem anderen kann Düsseldorf der schottischen Residenz nicht das Wasser reichen. Man denke nur an die unterschiedlichen Bekanntheitsgrade von Jan Wellem und Maria Stuart. Umso erstaunter war ich, als ich den Berichten entnahm, dass bei Ankunft die Passagiere gefragt wurden, wer von ihnen nun nach Düsseldorf wolle. Alle sollen die Hand gehoben haben. Dagegen bekundete niemand, in Edinburgh bleiben zu wollen. Also ich hätte die Chance genutzt und ein, zwei Tage bei Whisky und Haggis drangehängt. Wer weiß, ob man jemals wieder so komplikationslos da hinkommt.

Die passende Verschwörungstheorie findet sich, wenn man die Verantwortlichen unter die Lupe nimmt. Leider ergibt sich dabei ein weiterer Sargnagel für die These von der deutschen Perfektion. (Die Motoren des Kreuzfahrtschiffs, das neulich vor Norwegen in Seenot geriet, stammen von … Ach, googeln Sie selbst!) "Die WDL–Aviation beweist seit mehr als 60 Jahren Exzellenz im Airline-Geschäft", schreibt das Unternehmen selbst auf seiner Website. Und weiter: "Ansässig am Flughafen Köln/Bonn..." Da haben wir‘s. Die alte Rivalität Köln-Düsseldorf. Da wundert einen ja nix mehr. Das ist wie mit der Rivalität Bahn-Auto. Deshalb fährt ja auch immer wieder die Eisenbahn ohne Halt durch das Autowerk mit angeschlossener Siedlung und Kaufladen.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: br Jetzt Gastautor werden

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