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Dresden und Rostock haben einen besonderen Flughafenzug zum BER

Mit der IC-Linie 17 verbindet die Deutsche Bahn den zukünftigen Flughafen Berlin Brandenburg mit Ostdeutschland und macht vieles richtig. Der hochmoderne Zug stärkt den Flughafenstandort Berlin. Eine Testfahrt, die zu unseren Best-of-2020-Artikeln gehört.

Der IC 17 in Berlin Schönefeld. © airliners.de / Andreas Sebayang

Hinweis: Dieser Artikel wurde ursprünglich am 18. Juli 2020 veröffentlicht.

Flughafen-Fernzüge sind man im deutschen Luftverkehr vor allem am Drehkreuz Frankfurt am Main bekannt. Dort gibt es einen Fernbahnhof mit vier Gleisen und direkter Anbindung an den Hochgeschwindigkeitsverkehr. Viele Züge fahren sogar als Codeshare für die Lufthansa den Bahnhof an. Auch Düsseldorf, Köln/Bonn und Leipzig/Halle haben einen Fernbahnanschluss. Berlin kommt da nicht ganz mit. Doch einen Fernbahnhof hat Schönefeld schon sehr lange, nur der Fernverkehr blieb über viele Jahre aus. Mit der Einführung der IC-Linie 17 hat sich das geändert: airliners.de ist den BER-Zubringerzug Probe gefahren.

Die Linie 17 verbindet gleich drei wichtige Orte direkt mit dem Flughafen Schönefeld im Zwei-Stunden-Takt. Ab der Eröffnung des BER wird das Terminal 1/2 sogar direkt angefahren. Zu den direkten Zielen gehört etwa der für die Kreuzfahrtindustrie wichtige Ort Warnemünde. Kreuzfahrtunternehmen vermarkten den an der Ostseeküste dort gerne als "Berlin". Mecklenburg-Vorpommerns größte Stadt Rostock liegt ebenfalls auf dem Weg von Norden.

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Vom Süden aus ist Sachsens Landeshauptstadt Dresden der wichtigste Halt der IC-Linie 17. Die Fahrzeit zum Flughafen Schönefeld/BER liegt bei etwa 3 Stunden vom Norden und zwei Stunden vom Süden. Zahlreiche kleinere Orte kommen dazu, sodass Ostdeutschland sehr gut an einen Flughafen mit internationalen und bald auch interkontinentalen Flügen direkt angebunden wird. Insbesondere für Dresdener und Rostocker, die üblicherweise mit einem Zubringerflug nach Frankfurt am Main oder München fliegen, ist das eine attraktive Verbindung. Sie kann potenziell den neuen Flughafenstandort Berlin stärken.

In Berlin werden die Bahnhöfe Gesundbrunnen, Hauptbahnhof und Südkreuz bedient. Der Flughafen-Bahnhof Berlin-Schönefeld liegt eigentlich in Brandenburg. An diesem Fernbahnhof gibt es eine Begegnung der Züge von Norden und Süden. Für die Stichfahrt nach Schönefeld braucht der Zug einige Reserven: Dort steigt der Triebfahrzeugführer aus und läuft zum anderen Steuerwagen, um aus Schönefeld wieder herauszufahren.

Auf dem Bahnhof Flughafen Schünefeld ... Foto: © airliners.de, Andreas Sebayang

Die Reserven sind zudem gut, um eventuelle Verspätungen zu reduzieren, da der Intercity die stark ausgelastete und eingleisige Kurve in der Genshagener Heide nutzen muss, um Berlin zu erreichen. Das ändert sich auch nicht, wenn der neue Fernbahnhof unter dem Terminal 1 eröffnet wird. Dann gibt es für Reisende auch ein DB-Reisezentrum am Flughafen. Am Bahnhof des Flughafen Schönefeld fehlt der Software der Automaten der Deutschen Bahn die Möglichkeit des Kaufs von Fernverkehrsfahrkarten für den neuen Intercity. Für einen Fernbahnhof ist das ungewöhnlich.

VBB-Fahrscheine gelten in einzelnen Verbindungen

Der Intercity der Linie 17 ist seit dem 28. Juni 2020 auch für Berliner und Süd-Brandenburger eine gute Wahl, denn einzelne Züge sind für Nahverkehrsfahrscheine des VBB freigegeben. Welche das sind, lässt sich der Übersichtsseite entnehmen. Zu beachten ist, dass Reisende ab Berlin Gesundbrunnen einen Fernverkehrsfahrschein für 8,90 Euro bis Schönefeld brauchen. Erst ab Berlin Hauptbahnhof gilt der Verbundtarif, der bis Elsterwerda in Süd-Brandenburg reicht.

Die Erfahrungen basieren auf einer Testfahrt vom Berliner Hauptbahnhof nach Schönefeld und weiter nach Dresden. In Teilen ist dies die Strecke, die eigentlich für den Flughafen-Express FEX vorgesehen ist. Aufgrund der bereits genannten Infrastrukturengpässe fährt der FEX bis Ende 2025 einen Umweg im Osten Berlins.

Gute Fahreigenschaften des neuen Intercity

Die Zugfahrt ist dabei äußerst angenehm, setzt die Deutsche Bahn hier doch moderne Doppelstock-Triebzüge des Typs Kiss 200 ein. Der Zug, der zu den ICs der zweiten Generation gehört (IC2) fährt in Deutschland derzeit sogar exklusiv auf der Strecke und hat viele Vorteile gegenüber dem sonst üblichen lokbespannten Doppelstock-IC2. Der Fahrgast merkt schnell, dass der Zug eigentlich für einen anderen, mithin anspruchsvolleren Markt produziert wurde. Die Garnituren stammen nämlich von der österreichischen Westbahn. Das Land ist bei Investitionen in der Schiene sehr weit vorne und gab etwa 2019 rund drei Mal so viel Geld pro Einwohner aus wie Deutschland.

VBB, Lesen Sie auch: ÖPNV am BER: Flughafenexpress-Frühstart und ein neuer Busbahnhof Analyse

Gerade für Fluggäste gibt es nette Möglichkeiten. Dazu gehört etwa die Möglichkeit das Gepäck abzuschließen. Ähnlich wie beim Supermarkt wird nur ein Euro als Pfand gebraucht, um ein Stahlseil durch die Koffer zu führen. Die Deutsche Bahn bietet das auch in anderen, tendenziell älteren Fernzügen. Eigentlich hat die Bahn diesen Service aufgegeben, obwohl sie durchaus vor Einfahrt in Bahnhöfen vor Gepäckdiebstählen warnt. Von daher ist es erfreulich, dass die Deutsche Bahn wieder in einem modernen Zug eine Absicherung von Gepäck auch für Flughafengäste anbietet. Im Oberdeck des Zuges fehlen solche Gepäckablagen leider noch. Die sollen erst noch eingebaut werden. Für Fluggäste mit Gepäck eignet sich daher nur das untere Deck des Zuges. An sich ist das Oberdeck aber geräumig und nicht vergleichbar mit Kiss-Zügen im Berliner Nahverkehr, die oben recht eng sind.

Die Kiss-Fahrzeuge von Stadler haben zwei Decks. Foto: © airliners.de, Andreas Sebayang

Das Anzeigesystem ist ebenfalls ein anderes, recht klar lesbares System. Es fehlen aber Flughafen-spezifische Informationen. Im Laufe zukünftiger Umbauten (siehe Ausschreibung) soll das alte System durch das Deutsche-Bahn-System ersetzt werden. Erfahrungsgemäß fallen Deutsche Bahn-Systeme oft aus. Dieser Teil des Umbaus sollte also skeptisch betrachtet werden.

Die IC2-Flotte der Deutschen Bahn

Die Deutsche Bahn hat insgesamt zwei Typen des IC2. Der eine ist ein lokbespannter Doppelstockzug von Bombardier mit Twindexx-Wagen, der aber in der Praxis vergleichbar mit einem Triebzug ist, da die Lok nicht mal eben spontan ausgetauscht werden kann und auch keine zusätzlichen Wagen eingekuppelt werden. Im Schadensfall wird deswegen der ganze Zug samt Lok abgeschleppt.

Der zweite Typ gehört zur Stadler-Familie Kiss (Baureihe 4110) und ist ein vierteiliger Triebzug. Dieser wird mitunter in Doppeltraktion, also achtteilig, eingesetzt, um mehr Kapazität zu bieten. Bisher fahren diese nur auf der neuen IC-Linie 17.

Sprintstark und schnell

Der neue Flughafen-Fernzug gehört bei den Intercity-Garnituren zum besten, was es gibt. Der Zug ist deutlich leistungfähiger als der normale IC2. Die Spitzengesschwindigkeit des Stadler Kiss liegt bei 200 km/h. Der Streckenausbau der Dresdner Bahn erlaubt das ab Ende 2020 in Teilbereichen. Auf Nachfrage konnte die Deutsche Bahn jedoch keine Auskunft erteilen, ob der Zug mit dessen ETCS-Ausrüstung auch in deutschen Netzen so schnell fahren darf.

Leistungsfähig ist der Zug auch beim Anfahren. Zumindest merkt das der Fahrgast sehr deutlich. Das Anfahren fühlt sich in etwa so an wie in einer U- oder S-Bahn. Auf Nachfrage zum Beschleunigungsverhalten des Zuges gab die Deutsche Bahn an, dass sie kein Datenblatt hat. Stadler verwies auf Nachfrage auf die Deutsche Bahn. Laut Inside Bahn schafft es der Zug binnen 30 Sekunden Tempo 100 zu erreichen.

Der IC 17 aus Berlin fährt in den Flughafenbahnhof Schönefeld ein. Foto: © airliners.de, Andreas Sebayang

Ein paar Probleme hat der neue Zug allerdings noch. So fehlte den Testzügen eine vollständige WLAN-Ausstattung, obwohl es ein WLAN-Symbol gibt. Die verbauten Mobilfunkeinheiten (WWAN) sind nur für Österreich geeignet. Hier zeigt sich, wie hektisch die Züge eingeflottet wurden. Die notwendige WWAN-Ausrüstung soll erst später integriert werden, wie Kreise, die mit den Ausbauplänen vertraut sind, airliners.de sagten. Die Deutsche Bahn äußerte sich auf Nachfrage nicht zu eventuellen Umbauten.

Ein gute Vorlage, um mehr Fluggäste per Zug zum Flug zu bringen

Für viele Teile Ostdeutschlands ist die IC-Linie 17 eine wichtige Verbesserung, was den Zugang zu Flughäfen angeht, ohne auf innerdeutsche Flüge zurückgreifen zu müssen. Der sehr komfortable IC2 von Stadler stärkt damit den Flughafen-Standort Berlin, denn eine Anreise nach München oder Frankfurt ist von Rostock und Dresden per Zug zu aufwendig. Sicherlich ist es noch nicht der perfekte Zug zum Flug. Zwar lässt sich das Gepäck anschließen, aber völlig sorgenfrei reisen lässt sich auch mit dem neuen Intercity nicht.

Von: Andreas Sebayang

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