Hintergrund Diskussionen um freie Mittelsitze und "Social Distancing" an Bord

Regierungen und Aufsichtsbehörden erwägen, den Flugbetrieb nach dem Corona-Lockdown nur freizugeben, wenn zwischen den Passagieren in der Economy stets ein Sitz leer bleibt. Für Ryanair ein Unding, andere Airlines zeigen sich offener.

Ein Mitarbeiter von Vietnam Airlines desinfiziert die Flugzeugkabine © Vietnam Airlines

Unter den Airlines zeichnen sich recht unterschiedliche Vorstellungen darüber ab, welche Vorsichtsmaßnahmen in der Flugzeugkabine nötig sind, wenn der Flugbetrieb nach der Corona-Krise wieder in größerem Umfang aufgenommen wird.

Vor allem die Frage nach der Ansteckungsgefahr in den zu einem guten Teil mit recycelter Luft versorgten Druckkabinen und die Sinnhaftigkeit möglicher Sitzabstände zwischen den Passagieren stehen dabei im Fokus der Diskussion.

Der Weltluftverband Iata sprach zuletzt davon, dass man mit vielen Regierungen derzeit über eine Anordnung, den Mittelsitz beziehungsweise in Kabinen von Großraumflugzeugen den Nachbarsitz jedes Passagiers freizuhalten, diskutiere.

Die Kapazität einer A320 oder Boeing 737 würde sich damit um ein Drittel reduzieren. Branchenweit betrachtet könne eine solche Kapazitätsreduzierung den befürchteten Preiskrieg nach der Krise zwar etwas abmildern, zitiert "Reuters" Iata-Präsident Alexandre de Juniac, jedoch würde eine solche Vorschrift vor allem das Geschäftsmodell der Billigflieger verhältnismäßig stark belasten.

Nichtsdestotrotz haben die beiden europäischen Point-To-Point-Riesen Wizz Air und Easyjet in dieser Woche angekündigt, den mittleren Sitz in ihren A320-Flotten nach dem Ende des Groundings möglicherweise frei zu lassen, um "Social Distancing" auch an Bord zu ermöglichen.

Der Schutz der Passagiere habe oberste Priorität, so Easyjet-CEO Johan Lundgren in einer Telefonkonferenz mit Journalisten, er halte eine solche Regelung für wahrscheinlich. Eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen, präzisierte Easyjet gegenüber airliners.de."Auf der Grundlage unserer Gespräche mit der Easa und anderen Behörden ist es wahrscheinlich, dass neue Maßnahmen für den Flugbetrieb implementiert werden. Dazu könnte das Freilassen der Mittelsitze gehören, um Passagieren mehr Platz und Distanz zu ermöglichen," so die Airline.

O'Leary: "Freier Mittelsitz gewährt kein Social Distancing"

Ryanair-Chef Michael O'Leary hingegen bezeichnete die Idee, ein Drittel der Kapazität vornerherein zu blockieren, als "verrückt". Das Vorhaben sei hoffnungslos ineffektiv und unbezahlbar. Stattdessen befürwortet der streitbare Ire die Einführung von obligatorischen Temperaturkontrollen und Atemmasken für Passagiere und Besatzung für die Zeit nach der akuten Krise.

Die Räumung jedes dritten Sitzes würde keinesfalls den erforderlichen Abstand von 1,5 oder zwei Metern zwischen den Passagieren ermöglichen. Damit sei das Flugzeug aber im Verkehr auch nicht alleine, so O'Leary. "Die Menschen kommen ohne soziale Distanzierung in Zügen zum Flughafen." Soziale Distanzierung könne man am Flughafen weder beim Check-in noch bei der Sicherheitskontrolle, in Restaurants oder Geschäften durchsetzen - das würden selbst die Flughäfen zugeben.

© Lufthansa, Oliver Roesler Lesen Sie auch: Neue Regeln für Passagierabstand bei Lufthansa

Bei der Lufthansa gilt derzeit, dass bei Flügen ab Deutschland in der Economy Class jeweils der Nachbarplatz eines jeden Passagiers freigehalten wird. Eine Anfrage von airliners.de zur weiteren Vorgehensweise lies der Konzern zunächst unbeantwortet.

Ansteckungsgefahr bei Verwendung starker Filter an Bord wohl gering

Wie groß die Ansteckungsgefahr mit Covid-19 in Flugzeugkabinen genau ist, bleibt unklar. Die WHO stellte in einer Untersuchung fest, dass "das Risiko einer Ansteckung mit übertragbaren Krankheiten an Bord eines Flugzeugs sehr gering ist." Die Qualität der Kabinenluft in Flugzeugen werde sorgfältig kontrolliert. Die umgewälzte Luft werde normalerweise durch Hepa-Filter (High-Efficiency Particle Air) geleitet, wie sie in Operationssälen und Intensivstationen von Krankenhäusern verwendet würden und die gegen Viren wirksam seien.

Sind die Hepa-Filter jedoch nicht an Bord, sei es dringend ratsam, dass die Kabinenbesatzungen die Umwälzsysteme zum Luftrecycling an Bord während der Pandemie komplett abschalten, so die europäische Luftfahrtbehörde Easa in einer aktuellen Direktive. Normalerweise würden bis zu 50 Prozent der Kabinenluft recycelt. Auch wenn die Filter Hepa-Filter vorhanden seien, sollte die Zuführung von Frischluft während des ganzen Fluges erhöht werden, so die Easa. Die Airlines sollten sich mit den Herstellern über verlässliche Prozeduren abstimmen.

Eine Ausweitung des Einsatzes von eigenen Desinfektionsmitteln von Besatzung und Passagieren während des Fluges, um das Ansteckungsrisiko zu mindern, lehnt die Easa ab. Zwar sollten die Airlines die Grundreinigung der Maschinen auch unter dem Einsatz von Desinfektionsmitteln intensivieren. Würden jedoch verschiedene Produkte großflächig zum Einsatz kommen, könnte es zu chemischen Reaktionen kommen, die Mensch und Material in Mitleidenschaft ziehen.

© dpa , Cheng Min Lesen Sie auch: Easa veröffentlicht Hygiene-Anweisungen für Airlines

Von: dk

Lesen Sie jetzt

Lesen Sie mehr über

Rahmenbedingungen Fluggesellschaften Verkehr Politik Management Technik Lufthansa Marketing easyJet Ryanair EASA IATA Corona-Virus