Digital Passenger (31) Digitale Gepäckanhänger und Lufthansa passen nicht zueinander

Nach dem Aus für den Rimowa Bagtag wirft Lufthansa ein portables System auf den Markt. Das ist aber genauso unausgereift wie der inoffizielle Vorgänger, stellt unser Digital Passenger Anderas Sebayang enttäuscht fest. Was fehlt sind Standards.

Das neue Bagtag-System im Praxis-Test. © / Andreas Sebayang

Das Thema digitaler Gepäckanhänger geht in eine neue Runde. Nachdem das Rimowa-System grandios gescheitert ist, versucht es die Lufthansa-Gruppe nun mit der Bagtag-Hardware der niederländischen DS TAGS Group BV noch einmal. Die großen Fragen dabei: Was hat sich verändert und hat sich etwas verbessert?

Die Hardware

Wie schon Rimowas Electronic Luggage Tag besteht das neue Bagtag aus einem E-Paper-Display mit Batterie und einem Bluetooth-Modul für die Übertragung des elektronischen Luggage-Tags. Es gibt aber einige Unterschiede. Im neuen System ist für zukünftige Anwendungen RFID und NFC verbaut.

Was mit dem NFC-Teil (NT3H1201, NFC Type 2 Tag, 1904 Bytes) gemacht werden kann, ist unbekannt. Der Speicher ist vergleichsweise üppig. Lufthansa selbst hat keine Pläne für die Nutzung und DS Tag äußerte sich auf Anfrage nicht. Ich kann mir auch nicht so recht vorstellen, warum das verbaut ist. Die Reichweite von NFC beträgt ja nur wenige Zentimeter.

Der RFID-Teil hat hingegen Potenzial, auch wenn die Lufthansa-Gruppe noch nicht soweit ist. Details zur Technik waren auch hier nicht in Erfahrung zu bringen. Denkbar ist aber, dass etwa an den Flugzeugfrachttüren bei der Beladung ein Gepäckstück erkannt wird. Selbiges gilt für Gepäcksortieranlagen. Eine Sichtverbindung zum Barcode ist dann nicht mehr notwendig.

Die Energieversorgung übernimmt wie bei Rimowa eine Batterie, die nicht getauscht werden kann, da die Hardware aus Sicherheitsgründen gekapselt wird. Laut Lufthansas Worldshop reicht die Kapazität für 2.500 Flüge aus. Das ist viel und liegt am E-Paper-Display, das nur bei Bildänderungen Energie verbraucht.

Die generelle Verarbeitung des neuen Bagtags ist exzellent. Eine IP65-Zertifizierung gehört dazu. Das heißt, das Bagtag ist Staubgeschützt (IP6X) und kann Strahlwasser widerstehen (IPX5). Auch wenn der Dauertest über mehrere Jahre noch fehlt: Der externe Bagtag sollte mindestens so robust sein, wie Rimowas im Koffer eingelassene Variante.

Damit bin ich auch schon beim größten Unterschied zur Rimowa-Variante: Das neue externe Bagtag ist flexibel einsetzbar. So kann man es beispielsweise einfach an einem Kofferband befestigen. Dabei wird das Kofferband zwischen einer mitgelieferten Platte und dem Bagtag positioniert und die Platte an das Bagtag geklebt. Man kann es auch mit Schrauben befestigen.

Das Bagtag samt Montagesystem. Foto: © Bagtag / DS TAGS Group

Eine mechanische Lösung zum Zusammenstecken der Bodenplatte und des Bagtags selbst wäre mir zwar lieber als die Klebereien oder das alternative Verschrauben. Genug Platz ist eigentlich vorhanden. Aber sei es drum: Mit der neuen Variante lässt sich also so gut wie jedes Gepäckstück zu einem Smartbag machen.

Schön wäre dennoch, wenn Bagtag mit Kofferherstellern zusammengearbeitet und ein Schachtsystem entwickelt hätte. Einfach Einklinken und fertig. Die Kofferband-Variante ist jedenfalls ziemlich wackelig und bei einer Sicherheitsüberprüfung besteht die Gefahr, dass das Kofferband nicht wieder korrekt angebracht wird. Die eigentlich aus Sicherheitsgründen gekapselte Hardware kann also einfach abgemacht werden, was sich ein bisschen widerspricht.

Die Software

Zum Bagtag gehört auch eine App. Nach kurzer Registrierung wird das Bagtag an den Nutzer gebunden. Mehr lässt sich in der App nicht machen. In der App ist nur die Seriennummer zu sehen. Das ist schade. Rimowa hat hier vorgemacht, dass durchaus mehr möglich wäre. So lässt sich etwa ein schickes Bild samt Adresse aufspielen. Das ist praktisch, wenn der Koffer mit Fluggesellschaften unterwegs ist, die das Bagtag nicht unterstützen. Und derer gibt es viele.

Für die eigentliche Unterstützung braucht es nämlich die App der Fluggesellschaft, die das Tag überspielt. Doch da hapert es. Bisher kann nur die Lufthansa-App mit dem neuen Bagtag umgehen. Wie beim Rimowa-Tag müssen Swiss- und Austrian-Fluggäste ebenfalls zur Kranich-App greifen. Lufthansa plant aber eine Harmonisierung, wie das Unternehmen auf Nachfrage sagte. Auffallend: Eva Air, einer der ersten Unterstützer der Rimowa-Koffer, ist dieses Mal nicht dabei. Ein Rückschritt der kein gutes Gefühl bei mir hinterlässt.

Die Praxis

Ich habe das neue System insgesamt vier Mal getestet. Das erste Mal scheiterte es an einem Fehler von mir: ich kam zu spät am Baggage-Check-In an und versuchte einen Gate-Check. Zunächst hat mein Rollkoffer mit dem Bagtag die Sicherheitskontrolleure am Flughafen verwirrt. Außerdem ließ sich das Bagtag für den Gatecheck nicht verwenden, auch wenn das Personal das Tag im Rechner sah. Stattdessen gab es ein Papier-Tag. Soweit so gut, dass dieser Sonderfall nicht betrachtet wird, war zu erwarten. Die wenigsten Fluggäste geben ihren Koffer kurz vor dem Einstieg ab.

Die anderen Tests enttäuschten aber auch. Von Zürich mit Swiss nach Berlin und ein Vier-Segmentflug mit Lufthansa (Dresden - Frankfurt - Toulouse - München - Berlin) zeigten: Beim Bagtag funktioniert fast nichts wie es sollte. Beim Swiss-Flug hatte ich das schon erwartet. Das Bagtag wird zwar angenommen, Swiss-Gepäck kann in der Lufthansa-App aber nicht getrackt werden und eine digitale Gepäckquittung gab es auch nicht. Solche Fehler dürfen eigentlich nicht passieren. Dies klappte aber damals mit Rimowa schon nicht.

Der Lufthansa-Flug war aber auch nicht besser. Denn selbst bei einem Lufthansa-Flug gibt es keine Quittung und erst recht kein Tracking in der Lufthansa-App. Auf Nachfrage hieß es, dass es eigentlich immer eine Quittung geben müsste. Man schaut sich das Problem jetzt an. Mein Tipp für Bagtag-Nutzer: Unbedingt ein Foto des Bagtags machen, denn nach der Übertragung vergisst die Lufthansa-App die Gepäcknummer. Diese wird gelöscht bevor die Quittung übertragen wird, so sie denn kommt. Das ist eigentlich ein Anfängerprogrammierfehler.

In Dresden zeigte sich dann, welcher Ärger potenziell entstehen kann. Eine Besonderheit des kleinen, ziemlich leeren Flughafens ist nämlich, dass der Fluggast vor der Sicherheitskontrolle seine Gepäckquittung vorzeigen muss. Zum Glück war der Dresdener Flughafenmitarbeiter sehr neugierig und ließ sich gespannt das Bagtag-System erklären, von dem er zuvor noch nie gehört hatte. Ich durfte also zum Flieger.

© airliners.de, Andreas Sebayang Lesen Sie auch: Rimowas Electronic Luggage Tag ist am Ende

In Toulouse angekommen wurde das Gepäck dann auch als erstes ausgehändigt. Das Priority-Handling bei digitalen Tags funktioniert also mittlerweile. Eine Verbesserung verglichen zu meinem Rimowa-Test im letzten Jahr. Damals wurde der Koffer gerne mal als letztes Entladen. Beim Rückflug gab es dann aber erneut Ärger, den ich von meinem letzten Toulouse-Flug mit dem Rimowa-Koffer schon kenne. Drei Check-In-Mitarbeiter kümmerten sich um meinen Sonderfall, telefonierten und fragten rum. Das Ergebnis: Toulouse kann mit digitalen Gepäckanhängern immer noch nichts anfangen. Irgendwie hatte ich erwartet, dass ich das Thema zwischenzeitlich in Wohlgefallen aufgelöst hat - oder die Lufthansa wenigstens problematische Flughäfen in der App ausweist.

Nach einiger Wartezeit gab es dann Papier-Tag. Das digitale Tag musste nicht überklebt werden, das war bei meinem letzten Flug noch so. Laut Personal wird in Toulouse die Papiervariante gescannt und in München dann umgeschaltet. Das funktionierte auch, wie in der App nachvollziehbar war. Das Papier-Tag lieferte in der App einen Tracking-Status bis München. Ab München gab es dann wieder gar kein Tracking, da die digitale Variante genutzt wurde.

Fazit

Leider muss ich der Lufthansa noch immer vorwerfen, dass ein halbgares System auf den Markt gebracht wurde, das nicht vernünftig getestet wird. Auf eigentlich interessante technische Details der Zukunft wie RFID und NFC brauche ich deswegen gar nicht eingehen, da der Grundstock noch nicht einmal aufgebaut wurde.

Ich schrieb bereits vor einem Jahr bereits im Digital Passenger 21, dass das Lufthansa-Rimowa-System Monate, wenn nicht gar Jahre von der Vollendung entfernt ist. Nach meinen Flügen mit dem inoffiziellen Nachfolger bleibe ich dabei und gehe noch weiter. Das Projekt eines digitalen Gepäckanhängers sollte Lufthansa lieber anderen überlassen. Es braucht einen allgemeingültigen Standard für digitale Gepäckanhänger, der Fluggesellschaften, Bodendienstleister, Kofferhersteller sowie Flughäfen und deren Ausrüster beinhaltet. Alleingänge sind nicht zielführend.

Über den Autor

In seiner Reihe "Digital Passenger" kommentiert Technik-Journalist Andreas Sebayang auf airliners.de den digitalen Wandel in der Luftverkehrswirtschaft.

Andreas Sebayang ist der Digital Passenger, Foto: Sebastian KuhbachAndreas Sebayang ist als Hardware-Journalist regelmäßig für die Berliner IT-Nachrichtenseite Golem.de mit dem Flugzeug in der ganzen Welt unterwegs. Seine Erlebnisse als Vielflieger dokumentiert er auch auf seinem Instagram-Account AroundTheBlueMarble. Kontakt: digital-passenger@airliners.de

Von: Andreas Sebayang

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