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Hintergrund Icao will Hoffnung auf schnelle Corona-Erholung (noch) nicht aufgeben

Die Icao hat die ökonomischen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den internationalen Flugverkehr untersucht. Im Gegensatz zur Iata schließt die UN-Organisation derzeit eine schnelle Normalisierung nicht ganz aus.

Flugzeuge der Delta Air Lines stehen im April 2020 in Victorville im Corona-Storage. © AirTeamImages.com / John Kilmer

Die UN-Luftfahrtorganisation Icao hat die ökonomischen Auswirkungen der Corona-Krise auf die internationale Luftfahrt untersucht. Dabei seien langfristige Schätzungen der wirtschaftlichen Entwicklung wenig seriös, analysiert die Behörde in ihrer "Economic Impact Analysis". Im Ausblick steht daher der Verlauf in den nächsten Quartale im Mittelpunkt.

Zwei Szenarien zur Entwicklung der Sitzplatzkapazität und des Ladefaktors des internationalen Luftverkehrs in und unmittelbar nach der Corona-Krise dienen dafür als Berechnungsgrundlage.

Kapazitäten und Erträge im ersten Halbjahr 2020

Im ersten Szenario ("V-Path")ist trotz der immer pessimistischeren Botschaften des Weltluftfahrtverbands Iata, der mittlerweile fest von einer nur langsamen Erholung des weltweiten Aufkommens ausgeht, für die Icao immer noch eine relativ steile V-Kurve vorstellbar. Die internationalen Sitzplatzkapazitäten erholen sich ab Mai und liegen im Juni zwar noch immer deutlichen unter den Prognosen vom Jahresanfang, doch der Trend der Erholung setzt sich fort.

Die Grafik zeigt die von der Icao angenommene Entwicklung der weltweiten Sitzplatzkapazität gegenüber eines Baseline-Szenarios, das auf Prognosen vom Jahresanfang zurückgreift. Foto: © Icao

Im zweiten Szenario ("U-Path") zieht sich der massive Einbruch der globalen Kapazitäten, der Mitte April seinen vorläufigen Tiefpunkt erreicht hat, ohne Verbesserung bis in den Juni. Daraus folgt auch im weiteren Verlauf eine verzögerte und verlangsamte Erholung.

Äquivalent zu den möglichen Kapazitätsentwicklungen bewegen sich in den beiden Szenarien die Annahmen zur weltweiten Anzahl international verkehrender Reisender und den zu erwartenden Erträgen der Airlines. Für das V-Szenario geht die Untersuchung von 503 Millionen Passagieren weltweit weniger im ersten Halbjahr 2020 aus, als erwartet. Im zweiten steigert sich diese Zahl bis Ende Juni auf 607 Millionen Passagiere unter den Prognosen vom Jahresanfang.

Die ausbleibenden Erträge summieren dadurch im ersten Halbjahr auf 112 Milliarden Dollar für die V-Annahme und 135 Milliarden für die U-Kurve (siehe unten).

Die Grafik zeigt die zu erwartenden mittleren weltweiten Einnahmeausfälle der Airlines aufgrund der Corona-Krise für die beiden Airlines. Foto: © Icao

Ausblick nur bis Quartal drei

Wie unsicher die Aussichten sind, wird im Ausblick der Icao bis zum Ende des dritten Quartals ersichtlich. Jede exakte Angabe basiere auf einer Vielzahl von Variablen. Dazu gehörten unter anderem die weitere medizinische Entwicklung, das wirtschaftliche Umfeld, Verbrauchervertrauen und die Verfügbarkeit staatlicher Hilfe. Aufgeschlüsselt auf sechs Pfade ist für die UN-Organisation mit Blick auf die Erträge der Airlines bis zum Spätsommer weiter alles denkbar (siehe unten).

Auch für die kurzfristige wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden Quartalen, sind die Variablen laut Icao zu vielfältig, um sich festzulegen. Denkbar sei eine weite Spannbreite mit Blick auf die Einnahmesituation der Fluggesellschaften. Foto: © Icao

In einem Szenario "1a" bewegen sich die Gesamtertäge der Fluggesellschaften Ende September wieder auf die vorhergesagten Werte zu, wobei ein leichtes Minus nach wie vor vorhanden ist. Demgegenüber steht als negatives Extrem Szenario "2c", das auch bis zum Ende des dritten Quartals keine Besserung erkennen lässt. Der Lockdown bleibt in den meisten Ländern bestehen, vor allem der Sommer-Reiseverkehr in Nord-Amerika und Europa wird in Mitleidenschaft gezogen.

Eine Beschreibung der Icao der sechs zuvor benannten, abgestuften Entwicklungspfade. Foto: © Icao

Insgesamt scheint die Icao-Untersuchung den Pessismus der Iata (noch) nicht vollständig zu teilen. Weitgehend einig sind sich die beiden Organisationen über den gegenwärtigen Einbruch und sein historisches Ausmaß. Mit einem Rückgang der Passagierkilometer um über 80 Prozent (Iata) und der angebotenen Sitzplatzkapazität um 90 Prozent (Icao) bis in die erste April-Hälfte und ähnlichen Aussichten für den Mai kommen auf die Fluggesellschaften hohe Verluste zu.

© Iata, Lesen Sie auch: 55 Prozent geringere Erlöse für Airlines - Iata immer pessimistischer

In der weiteren Entwicklung legt sich die Iata jedoch auf den negativeren Teil der breiten Spannweite der Icao-Szenarios fest: eine nur langsame Erholung der Erträge aus internationalen Flügen, die die Iata in Passagierkilometern (RPK) angibt und die auch im vierten Quartal noch bis zu 40 Prozent unter den Erwartungen liegen könnten. Die Icao geht im ungünstigsten Fall von entgangenen Gesamterträgen (Gross Passenger Revenue) von 252 Milliarden Dollar bis zum Ende des dritten Quartals für die Airlines aus. Die Iata rechnet fest 314 Milliarden Dollar für das ganze Jahr. Auch bestehen weitere analytische Unterschiede in den Untersuchungen der beiden internationalen Organisationen (siehe unten).

Die Zahlen der Iata und die analytischen Unterschiede der Untersuchungen der beiden Organisationen laut Icao. Foto: © Icao

Eine langfristige Reduktion im weltweiten Luftverkehrsaufkommen sprechen sowohl Iata als auch Icao in ihren Untersuchungen nicht an. In der Vorwoche hatte die Unternehmensberatung Roland Berger eine solche L-Kurve in ihrem Ausblick für den Luftverkehr als drittes Szenario neben V und U explizit genannt.

© dpa, Kin Cheung Lesen Sie auch: Die L-Kurve droht: Drei Szenarien zur Zukunft der Luftfahrtindustrie

Vollfrachter profitieren

Auch die Ertragssituation von Flughäfen, Luftfracht und Reisewirtschaft wird in der Icao-Analyse addressiert. Aufgeschlüsselt nach Regionen rechnet die in Montreal ansässige Organisation derzeit im Mittel mit einem Passagier-Minus von 35 Prozent für die europäischen Flughäfen im Jahr 2020 gegenüber einem "business as usual" Baseline-Szenario. Die Einnahmen sollen sogar um 42 Prozent fallen.

Für die Luftfracht fällt das Bild weniger negativ aus. Zwar ist es aufgrund der gegroundeten Flotten schon im März zu einem Rückgang deutlichen Rückgang beim "Belly Cargo", also dem Transport im Bauch von Passagiermaschinen, um über 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr gekommen. Im April wurden die Groundings sogar noch ausgeweitet. Doch gleichzeitig kam es in der Krise zu einem Wachstum des Transportvolumens bei den Vollfrachtern, weltweit im Durchschnitt um neun Prozent. Insgesamt ergibt sich damit ein globales Cargo-Minus von rund 19 Prozent.

Im vergleich mit der Situation Passagierverkehr scheint die Luftfracht-Branche in der Corona-Krise bisher noch recht glimpflich davon zu kommen. Foto: © Icao

Die Zahl der weltweiten Touristen wird nach Icao-Einschätzung 2020 mit einem Verlust zwischen 290 und 440 Millionen Touristen auf den Stand von vor fünf bis sieben Jahren sinken. Die Einnahmeverluste, weltweit wohlgemerkt, bewegen sich dabei um 500 Milliarden Dollar.

Von: dk

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