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Interview "Die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften ist derzeit sehr gering"

Die Corona-Krise führt zu Airline-Pleiten und bedroht Tausende Arbeitsplätze. Im Interview erläutert Tarifexperte Eckhard Bergmann die Auswirkungen von Massenentlassungen auf die Branche und wagt eine Arbeitsmarktprognose für Piloten und Flugbegleiter.

Österreich, Wien: Zwei Töchter eines Piloten der Fluggesellschaft Laudamotion, die einen Mundschutz tragen, halten neben ihrem Vater bei einem Protest Schilder hoch. © dpa / Helmut Fohringer/APA

Die Corona-Krise setzt den Fluggesellschaften zu und viele reagieren mit einem massiven Stellenabbau. Wie sieht die Situation auf dem Arbeitsmarkt für fliegendes Personal aus, fragt airliners.de den Tarifexperten Eckhard Bergmann.

airliners.de: Wie verändert Corona den Arbeitsmarkt für Piloten und Flugbegleiter?

Eckhard Bergmann: Der Arbeitsmarkt ist grundsätzlich abhängig von der Zahl der angebotenen Arbeitsplätze und der verfügbaren Arbeitskräfte. Vor der Corona-Pandemie gab es grundsätzlich zu viele Piloten am Arbeitsmarkt, aber zu wenige qualifizierte Piloten, außer nach der Air Berlin Pleite im Winter 2017/18. Das wird sich jetzt drastisch ändern.
Bislang verhindern vor allem die unter anderem in Deutschland kürzlich erweiterten Möglichkeiten der Kurzarbeit eine massive Zunahme arbeitslos gemeldeter Piloten. Allerdings hat die absolute Zahl arbeitslos gemeldeter Flugzeugführer von März bis Mai bereits um etwa 66 Prozent zugenommen, die der Flugbegleiter um 50 Prozent, beide noch auf niedrigem Niveau.

© Eckhard Bergmann

Über den Interview-Partner

Dipl-Ing. und Flugingenieur Eckhard Bergmann ist seit 36 Jahren in der Luftfahrt tätig. Über 17 Jahre und 10.000 Stunden flog er im Cockpit und arbeitet seit 2002 als selbstständiger Luftfahrt-Berater und Geschäftsführer der Europairs GmbH. Er lebt in Ratingen und Bern. Bergmann ist außerdem Autor des Buches "Fliegen - Ein (Alb-)Traum?", das hier erhältlich ist. Kontakt: www.europairs.org

Wagen Sie eine Prognose über die Arbeitsmarktentwicklung für fliegendes Personal?

Mehrere große Fluggesellschaften haben schnell nach Pandemie-Beginn angekündigt, nach Ende der Krise nur eine sehr langsame Erholung der Nachfrage zu erwarten. Eine U- oder gar L-Entwicklung statt einer V-Kurve scheint dort realistisch. Deshalb wollen die Arbeitgeber Kapazität vom Markt nehmen. Zu diesen Unternehmen gehören in Europa unter anderem Easyjet, Norwegian und der Lufthansa-Konzern. Es ist heute davon auszugehen, dass in der Folge höchstens 80 Prozent der Arbeitsplätze mittelfristig bestehen können.
Man muss also davon ausgehen, dass allein in Deutschland im Januar 2021 gegenüber Januar 2020 etwa 20 Prozent der Arbeitsplätze des Airline-Bordpersonals weggefallen sein werden. Das sind etwa 2400 Verkehrspiloten- und 6000 bis 8000 Flugbegleiter-Arbeitsplätze. Diese sind derzeit fast alle noch in Kurzarbeit beschäftigt, und das eventuell noch über das Jahresende hinaus, was die Steigerung der Arbeitslosenzahl entsprechend verzögern wird und mit etwas Glück zum Teil auch verhindern kann.

Von: David Haße

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