Gedankenflug Die Top-5 Talkshow-Mythen zum Thema Luftverkehr

Egal welche Talkshow airliners.de-Herausgeber David Haße dieser Tage anschaut: Überall werden sagenhafte Dichtungen verbreitet, wenn es um Luftverkehr geht. Das ist in Bezug auf den Klimaschutz besonders ärgerlich.

Mythos oder Fakt. Manchmal wird vermischt. © AdobeStock

Nachrichten aus der deutschen Luftverkehrsbranche bestimmen bei airliners.de das Tagesgeschäft. Doch abseits der harten News machen wir uns auch Gedanken über das nicht so Offensichtliche. Mit unseren "Gedankenflügen" wollen wir Sie daran teilhaben lassen und hoffen, die eine oder andere Anregung geben zu können.

Wer als umweltaffiner Luftfahrtjournalist dieser Tage Talkshows schaut, muss sich doch stark wundern. Wenn nur endlich die Luftfahrt in Deutschland für ihre CO2-Emissionen zahlen würde - so die Vision etlicher Protagonisten - käme es zu einer gewaltigen Lenkungswirkung hin zu umweltschonenderem Verhalten. Das hört sich phantastisch an. Und wer nicht genauer informiert ist, glaubt dieser sagenhaften Dichtung vielleicht sogar.

Der "Flugpassagiere müssen endlich für CO2 Ausstoß bezahlen"-Mythos

Nur Moment mal… weiß denn wirklich niemand in den Runden, dass der Luftverkehr schon seit Jahr und Tag über den EU-Emissionshandel für das Wachstum seiner CO2-Emissionen geradesteht? Und auch die geforderte Zusatzsteuer auf Flugtickets gibt es schon seit einiger Zeit. Zwar nicht im Gewand einer CO2-Steuer, aber Steuern sind ohnehin per Definition nicht zweckgebunden, weshalb der Name der Steuer für die Verwendung egal ist.

Aus der ganz ursprünglich für die Umwelt ersonnenen Abgabe auf Flugtickets wurde aus genau diesem Grund die Luftverkehrssteuer. Statt beispielsweise in die Forschung zum CO2-freien Fliegen, wird die Steuer nun ganz allgemein für den Haushalt verwendet. Das ist schade, denn immerhin sind es jährlich weit über eine Milliarde Euro.

Der "alle fliegen ständig weil es so billig ist"-Mythos

Dabei sind die allermeisten Flugreisenden in Deutschland auch keine Vielflieger, wie oft und gerne behauptet. Diese Gruppe gibt die Branche mit gerade mal sieben Prozent an. Das werden die Gäste der Talkshows ihren Senatoren-Karten in den Brieftaschen aber freilich nur schwer abstrahieren können.

Im Großen und Ganzen haben auch die Billigpreise der Low-Cost-Airlines kaum etwas daran geändert. Die werden in Talkshows dennoch gern synonym für das "falsche" Preisgefüge in der gesamten Branche gesetzt. Seltsam nur: Immer wenn ich fliegen will, sind keine 9,95 Euro-Flüge zu finden. Stattdessen fahre ich sehr oft Bahn zum Super-Spartarif.

Der "niemand muss unbedingt fliegen"-Mythos

Halten wir also fest: Es gibt bereits einen Emissionshandel und damit einen Preis für CO2 in der Luftfahrt und dazu eine Steuer auf Flugtickets. Dennoch wächst der Luftverkehr weiter und sogar hoch gebildete Menschen in Talkshows glauben an die Flugticket-Preise aus der Werbung. Damit ist das Problem der Branche klar: Sie ist zu erfolgreich.

Offenbar sind Flugreisen nämlich vor allem eines: Wichtig für die Menschen. Es geht den allermeisten Fluggästen darum, ab und zu eine Reise zu machen, die Welt zu entdecken und fremde Kulturen kennenzulernen. Es geht aber auch darum, von Zeit zu Zeit die Freunde und die Familie in aller Welt zu besuchen. Und nicht zu vergessen: Es geht auch um die Wirtschaft in einer globalisierten Welt.

Der "innerdeutsche Flüge abschaffen und Mehrwertsteuer einführen"-Mythos

Nur gibt es leider für die allermeisten Flüge noch keine klimaschonende Alternative. Denn auch dieser Talkshow-Mythos sollte hier nicht fehlen: Der viel zitierte innerdeutsche Flugverkehr findet kaum statt. Nur die allerwenigsten Passagiere fliegen wirklich innerdeutsch. Und die zahlen sogar die volle Mehrwertsteuer auf ihre Tickets.

Dort, wo die Bahn im rein innerdeutschen Verkehr adäquat Ersatz bietet, fliegt ohnehin kaum einer. Schon heute. Ganz ohne Zwang. Wer die Bahn als interessante Zubringer-Alternative etablieren will, der baut Gepäckabgabeschalter an den Bahnhöfen, hängt noch einen Gepäckwagen an den ICE und lässt die Bahn 600 Euro Entschädigung zahlen, falls der Zubringer nicht klappt und der Langstreckenflug weg ist.

Denn das ist es, worum es dabei geht: Die allermeisten innerdeutschen Passagiere steigen direkt um und würden das wohl auch nach einem Verbot tun, nämlich statt in Frankfurt oder München einfach in Amsterdam, Paris oder Istanbul.

Der "Klimakiller Nummer 1"-Mythos.

Dazu schreibe ich nichts mehr. Das habe ich schon zu oft getan. Es interessiert ja offenbar sowieso niemanden. Offizielle Zahlen gibt es beispielsweise zum Transport-Sektor beim IPPC oder insgesamt bei der Europäischen Umweltbehörde.

Aber so ehrlich muss natürlich auch die Branche sein: Fliegen ist keine umweltfreundliche Art des Reisens. Darum muss sich die Technik verändern. Das gilt aber nicht nur für die Luftfahrt. Denn eines ist generell richtig und wichtig zu verstehen: Je schneller man sich fortbewegt, desto schädlicher ist es für das Klima. Egal ob im Flugzeug (Tschüss Concorde) im ICE (Tschüss 320 km/h) oder im Auto (Tschüss Tempolimit).

Von daher bleibt es wohl dabei, was der deutsche Wissenschafts-Star Harald Lesch neulich in einer Talkshow sagte: Am besten für’s Klima ist es, wenn man sich gar nicht bewegt.

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der studierte Marketing- und Kommunikationsfachmann beschäftigt sich seit 2007 professionell mit den Themen der Luftverkehrswirtschaft und Luftverkehrspolitik
Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: dh

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