Hintergrund Corona-Einschränkungen treffen Flughafen-Dienstleister ins Mark

Kaum Betrieb an den Flughäfen führt zu existenziellen Notlagen bei Bodenverkehrsdienstleistern. Starre Verträge sorgen für Probleme bei Luftsicherheitsunternehmen: Die Corona-Krise bringt die Geschäftsmodelle der Flughafen-Dienstleister unter Druck. Die Zukunftssorgen bei Unternehmen und Mitarbeitern sind groß.

Arbeiter auf einem Flughafen-Vorfeld. © Adobe Stock / Datei-Nr.: 174411706

Bei gerade noch zwei Prozent des zu erwartenden Aufkommens verortet der Flughafenverband ADV derzeit die Anzahl der Flugbewegungen an deutschen Flughäfen. An allen Standorten sind weite Teile oder die ganze Belegschaft in Kurzarbeit. Allerdings sind die Flughafenbetreiber für den Betrieb auch auf zahlreiche Dienstleister angewiesen.

Am gesicherten Fortbestehen der Flughäfen hänge auch die Existenz zahlreicher Dienstleister, sagt ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel auf airliners.de-Anfrage zur aktuellen Situation. "Mit denen sind wir symbiotisch verbunden. Wenn jetzt den Flughäfen unter die Arme gegriffen wird, werden auch Zehntausende weitere Arbeitsplätze gesichert."

Seit Wochen fordert die Flughafenbranche eine Öffnung der Corona-Liquiditätshilfen auch für die größtenteils kommunalen Flughafenbetreiber. Denn KfW-Programme stehen nur Firmen zur Verfügung, die sich mehrheitlich in Privatbesitz befinden. Ohne Kreditzusagen und Zuschüsse für die Offenhaltung werde es an vielen Standorten jedoch nicht gehen, sagte Beisel jüngst im airliners.de-Interview.

© dpa, Bernd Settnik Lesen Sie auch: "Die Bundesregierung lässt die Flughäfen hängen" Interview

Die Corona-Tristesse an den Flughäfen bedeutet für die meist kommunalen Betreiber der Standorte empfindliche finanzielle Rückschläge, für die vielfach privat organisierten Bodenverkehrsdienstleister und Luftsicherheitsunternehmen jedoch wächst sie sich zur Existenzbedrohung aus.

"Die Branche steht in der Corona-Krise vor zwei großen Herausforderungen", sagt Klaus Knöpfle, Geschäftsführer der Vereinigung der Dienstleister an Deutschen Flughäfen (VDF), "den Kampf um das Überleben zu bestehen und bereit zu sein für den "Re-Start"." Es gelte, die Bedeutung des Luftverkehrs in Deutschland für Beschäftigung und Mobilität zu erhalten. Die privaten Bodendienstleister hätten sich seit der Öffnung des Marktzugangs zu einem bedeutsamen Faktor entwickelt, ohne den das System nicht funktionieren könne.

Fragile Geschäftsmodelle

Am Beispiel der Bodenverkehrsdienste könne man gut sehen, wie sich die Umsatzausfälle der Airlines durch die Wertschöpfungskette der ganzen Branche fräßen, schreibt das "Handelsblatt". Während die Einnahmen gegen Null gehen, auch weil die Fluggesellschaften Zahlungen für Abfertigungsdienste an ihren Maschinen derzeit stark verzögern, bleiben die Kosten trotz der flächendeckend eingeführten Kurzarbeit hoch. Der große Anbieter Swissport, an 13 deutschen Flughäfen vertreten, gibt an, dass 70 Prozent aller Ausgaben Personalkosten ausmachen.

Entsprechend zieren sich viele Arbeitgeber, das Kurzarbeitergeld über die gesetzlich vorgeschriebenen 60 beziehungsweise 67 Prozent hinaus zu erhöhen, was unter den Mitarbeitern häufig beklagt wird. Einigungen dazu mit den Gewerkschaften und Personalvertretungen Betriebsräten sorgen vielfach für harte Auseinandersetzungen.

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Die Sorgen um Arbeitsplatzverlust ist bei den Mitarbeitern groß. Auch die persönliche finanzielle Situation ist durch die Kurzarbeit vielfach bedrohlich, sind doch schon die vollen Gehälter oftmals eher bescheiden. Erbitterte Auseinandersetzungen um die Aufstockung der Kurzarbeitergelder sind die Folge, doch die Arbeitgeber können wenig bieten.

Die Corona-Krise trifft eine Branche mit voller Wucht, deren Geschäftsmodell seit der Liberalisierung auf dem Vorfeld auf Kante genäht ist, zu hoch ist der Wettberwerbsdruck an den einzelnen Standorten um die Gunst der Fluggesellschaften. Seit langem bemühen sich die Gewerkschaften, einen Manteltarifvertrag für die tausenden Beschäftigten von Bodendienstleistern wie AHS und Wisag auszuhandeln. Die Arbeitgeber zeigten sich dazu im vergangenen Jahr grundsätzlich bereit, doch nun kommen die Verhandlungen nicht voran.

Schon vor der Krise klagten die Unternehmen über geringe Margen und die Gewerkschaften über geringe Löhne für harte Arbeit. Erst im Herbst zog sich Kötter Security plötzlich von den Luftsicherheitskontrollen in Düsseldorf zurück, der Bodenabfertiger AHS kündigte an, die Arbeit an den Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld einzustellen.

"Zuverlässiger Luftverkehr bedingt auch, dass wir im Passage- und Ground-Handling leistungsfähige Dienstleister haben", sagt Beisel vom Flughafenverband. "Ja, auf dem Vorfeld stehen wir mit den Drittanbietern im Wettbewerb. Aber wir sind eben auch Partner in einem gemeinsamen Markt." Wenn Bodenverkehrsdienstleister wegbrechen, werde es auf für die Flughafen-eigenen Bodenverkehrsdienstleister nicht immer möglich sein, eine solche Lücke "von heute auf morgen" zu füllen.

Mitarbeiter berichten von Langeweile und schlechter Stimmung

Wann und in welchem Umfang sich die Vorfelder der Flughäfen wieder so arbeitsam präsentieren wie vor der Corona-Krise ist so offen wie die Entwicklung der Pandemie. Die Unsicherheit nagt auch an den Mitarbeitern, wie zahlreiche Zuschriften zeigen, die airliners.de in den letzten Wochen erreichten.

Die Stimmung ist vielfach auf dem Tiefpunkt, beschreibt ein Loading-Spezialist am Frankfurter Flughafen die Lage: "Bei der Arbeit selbst ist nichts mehr so wie es sein sollte. Früher haben wir uns immer beklagt, dass die Firma am Personal spart. Wenig Leute für wenig Geld für viele Flugzeuge. Fast elf Stunden Dienst am Tag waren in Sommermonaten normal. Jetzt sind unsere Schichten an guten Tagen drei bis vier Stunden lang." Langeweile komme auf, jeder sei froh, wenn er nach Hause könnte. Die Atmosphäre sei gereizt. Ein ähnlicher Ton zieht sich durch viele Mails an die airliners.de-Redaktion zum Thema.

© Adobe Stock, 321112322, Anna Lesen Sie auch: Coronavirus – ein arbeitsrechtlicher Überblick Gastbeitrag

Wie akut die Existenzsorgen der Anbieter sind, lässt sich auf dem Höhepunkt des Lockdowns schwer abschätzen. Zu unklar ist, wann sich die Umsätze erholen. Doch mehr als einige Monate dürften viele nicht durchhalten, heißt es in der Branche. Klar ist, dass es je nach Standort und Unternehmensgröße große Unterschiede gibt. Auf die Bodenabfertigung am Flughafen spezialisierte Unternehmen kommen sicherlich schneller unter Druck als große Unternehmen wie Wisag, deren Aviation-Sparte einer von mehreren Unternehmenszweigen ist. Entsprechend habe man bisher auch keinen Antrag auf Staatshilfen gestellt, so der Dienstleister.

Luftsicherheitsbranche beklagt starre Verträge

Auch bei den Luftsicherheitsunternehmen, die die Gepäck- und Fluggastkontrollen durchführen, stehen große Unternehmen wie Piepenbrock oder Security-Marktführer Securitas im Kontrast zu spezialisierten Anbietern, die oftmals auch nur an einem Standort tätig sind.

Das Problem der Kontroll-Dienstleister ist das gleiche wie bei den Bodendiensten: Bezahlt werden die Unternehmen nach geleisteten Arbeitsstunden, die Ausgaben bleiben jedoch hoch. "Die vertraglichen Rahmenbedingungen haben keine Covid-19-Klausel, um auf derart kurzfristige und massive Abweichungen vom normalen Passagieraufkommen reagieren zu können," so der Präsident des Bundesverbandes der Luftsicherheitsunternehmen, Udo Hansen, gegenüber airliners.de. "Wie lange diese Situation für den Luftverkehr noch anhält, ist ungewiss. Insofern sind Insolvenzen nicht auszuschließen."

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Für die vom Bundesinnenministerium mit den Kontrollen beauftragten Luftsicherheitsunternehmen besonders kritisch: Pro Flughafen-Standort ist nur ein Anbieter für die Passagier- beziehungsweise Personalkontrollen zuständig. Sie müssen praktisch über Nacht in der Lage sein, die vor der Corona-Krise geplanten Kontroll-Kapazitäten wieder vorzuhalten, wie ein Vertreter von Kötter Security gegenüber airliners.de anmerkte. Dementsprechend schwierig ist in der Unsicherheit über die Länge des Shutdowns eine effiziente Personalplanung.

Es müsse daher alles versucht werden, Pleiten in der Branche zu vermeiden, so Verbandspräsident Hansen. Wenn der reguläre Flugverkehr wieder aufgenommen werden könne, würden alle Luftsicherheitskräfte sehr zügig an den Flughäfen benötigt. Ohne sie sei Betrieb nicht möglich.

Laut Beisel habe der ADV das Bundesinnenministerium gebeten, weiterhin den Dienstleistern in den Sicherheitskontrollen eine Mindestauslastung zu geben, damit qualifizierte Mitarbeiter gehalten werden können. Zudem gebe es Probleme mit auslaufenden Lizenzen. "Wir sind gerade mit den Behörden im Gespräch, um etwa befristete Lizenzen und andere termingebundene Fristen zu verlängern, um dazu ein Moratorium zu bekommen, also eine Aussetzung", erläutert Beisel. Dabei zeigten sich die Behörden derzeit aber sehr wohlwollend in der Prüfung.

Staatshilfen für Airlines sollten auf Flughafendienstleister ausgeweitet werden

Einfach an anderer Stelle im Security-Gewerbe eingesetzt werden, können die Mitarbeiter während der Corona-Krise jedoch nicht, wie der Branchenverband BDSW beklagt. Trotz der umfangreichen Hintergrundchecks und Erfahrungen der Flughafenmitarbeiter, sind für den Einsatz beispielweise in Supermärkten andere Qualifikationen nötig.

Für die Luftsicherheitsassistenen drängen die Gewerkschaften seit Längerem auf einen branchenweiten Tarifvertrag. Im Angesicht der Krise wurden die Verhandlungen nun vorerst ausgesetzt. Schon die Verabredung der Konditionen für Kurzarbeit hat zu harten Auseinandersetzungen zwischen dem BDLS und Verdi geführt. Einigen konnte man sich nicht, an den verschiedenen Standorten wurden separate Lösungen verhandelt.

Bei Vertretern von Bodendienstleistern, Luftsicherheitsunternehmen und Gewerkschaften ist der Tenor, dass über die umfangreichen verabredeten Kurzarbeiterregeln, die an kleineren Standorten teils 100 Prozent der Arbeitszeit umfassen, auch Staatshilfen längst zu einem drängenden Thema geworden sind. Zwar gibt es noch keine öffentlich gewordenen, konkreten Verhandlungen um diese, aber für Verdi ist klar: Staatshilfen, sowohl für Airlines wie andere Luftfahrtunternehmen müssten auch an den Erhalt von Arbeitsplätzen an den Flughäfen geknüpft werden.

Verbandspräsident Hansen ist der Meinung, dass die staatlichen Rettungsschirme für die Fluggesellschaften auch für die Dienstleister an Flughäfen gelten sollten. "Der Verlust eines Sicherheitsdienstleisters oder zertifizierter Luftsicherheitsassistentinnen und -assistenten wäre fatal für die Wiederaufnahme und die Wertschöpfungskette des Luftverkehrs."

© dpa, Wolfgang Kumm Lesen Sie auch: Deutsche Staatshilfen für Unternehmen in der Corona-Krise Überblick

Für Verdi ist klar: Staatshilfen, sowohl für Airlines wie andere Luftfahrtunternehmen müssten auch an den Erhalt von Arbeitsplätzen an den Flughäfen geknüpft werden. Man habe für einen entsprechenden Aufruf Betriebsräte und Personalvertretungen von 300.000 Angestellten der deutschen Luftfahrtbranche gewonnen, so eine Sprecherin. Jede Form von Staatshilfe müsse an die Zusagen der Unternehmen gebunden werden Beschäftigung und Einkommen zu schützen. Ob das angesichts der gegenwärtigen Prognosen für den Luftverkehr, die auch eine nachhaltige Kapazitätsreduktion nach der Corona-Krise für möglich halten, überhaupt möglich sein wird, müssen die kommenden Monate zeigen.

Von: dk

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