Hintergrund Fluggesellschaften setzen trotz Risiken vermehrt auf Einheitsflotten

Am Himmel wird es immer einheitlicher, viele Airlines reduzieren die Anzahl von Flugzeugmustern in ihren Flotten. Das kann Vorteile bei Kosten und Organisation bringen, doch auch die Risiken sind nicht zu unterschätzen, wie das Boeing-737-Max-Grounding zeigt. Ein Überblick.

Flugzeuge von Easyjet am Flughafen London-Gatwick. © Easyjet

Die Fokussierung auf ein einzelnes Flugzeugmodell hat nicht nur Vorteile sondern bringt gleichfalls Nachteile sowie Risiken mit sich. Das zeigt sich aktuell am Boeing-737-Max-Grounding. Auch A320-Neo-Auslieferungsverzögerungen sowie die Zuverlässigkeit des Airbus A220 führten zuletzt zu Problemen in der Operations. airliners.de hat Luftfahrtexperten dazu gefragt und die Pros und Kontras von Einheitsflotten zusammengestellt.

Am Himmel wird es immer einheitlicher, denn viele Airlines richten ihre Flottenplanung an einem einzelnen Flugzeugmodell aus. So betreiben beispielsweise Ryanair und Tuifly mit Boeing 737 Einheitsflotten. Easyjet setzt exklusiv auf die Airbus-A320-Familie. Auch Air Baltic arbeitet daran, bis 2025 komplett auf einen Typ umzustellen. Die Balten wollen bis dahin bis zu 80 Airbus A220 in Betrieb haben.

Die Fokussierung auf nur einen Flugzeugtyp gilt nicht ohne Grund als einer der wichtigsten Faktoren für die Erfolgsgeschichte der Billigfliegerei. Daher haben auch Fluggesellschaften mit anderen Geschäftsmodellen wie klassische Netzwerk-Airlines oder Urlaubsflieger angefangen, diese Strategie zu übernehmen oder zu adaptieren.

Weniger Komplexität = Weniger Kosten

Das überragende Argument für den Betrieb einer Flotte mit nur einem einzelnen Flugzeugtypen ist: Komplexitätsreduktion. Bei Easyjet, mit einer Einheitsflotte von über 300 Flugzeugen einer der größten Betreiber der Airbus-A320-Familie, heißt es im Geschäftsbericht 2018 dazu: "Es gibt signifikante Kosten- und Effizienzvorteile einer Einheitsflotte".

Michael Santo von der Luftfahrt-Unternehmensberatung h&z führt als Pluspunkt beispielsweise an, dass durch eine einheitliche Flotte hohe Stückzahlen beim Einkauf von Ersatzteilen entstehen, durch die die Kosten sinken. Gleichzeitig sei die Verfügbarkeit der Teile deutlich einfacher zu gewährleisten, da in allen Maschinen dieselben Teile zum Einsatz kommen könnten. Dementsprechend braucht es auch weniger Lagerkapaziäten.

Neben dem geringeren Aufwand bei Material- und Wartungskosten seien auch die Kosten für die Angestellten geringer, so auch Unternehmensberater Linus Benjamin Bauer. "Das Potenzial an Einsparung von Kosten für Personalschulungen ist ein anderer Vorteil, denn das Personal muss sich nur mit einem Flugzeugmuster vertraut machen."

Laut Santo kann bei einer EInheitsflotte die "Ressource Mensch" sehr effizient eingesetzt werden, weil sie über die gesamte Flotte austauschbar sei. Wenn alle Piloten und Flugbegleiter in jedem Flugzeug fliegen können, brauche eine Fluggesellschaft beispielsweise weniger Crews im Standby. Auch alle Mechaniker können so an jedem Flugzeug arbeiten, weil es immer dieselben sind. Im Endeffekt würden alle unterschiedlichen Teile des Prozesses, einen Flug anzubieten, einfacher ineinandergreifen einfacher austauschbar sein.

Mengenrabatt

Die Komplexität der Operations einer Airline wird also durch eine Einheitsflotte deutlich reduziert, weil kostspielige Mehrfachstrukturen gleichermaßen bei Flugzeugen, Wartung und Personal vermieden werden. Diese Standardisierung von Prozessen verbessere darüber hinaus auch die Sicherheit bei der Fluggesellschaft, führt Bauer weiter aus.

Große Betreiber einzelner Muster profitieren dem Luftfahrtexperten zufolge auch bei der Anschaffung neuer Flugzeuge, denn die Größe der Bestellungen führe zu einer sehr guten Verhandlungsposition. "Fluggesellschaften wie Ryanair oder Southwest Airlines profitieren enorm von den besseren Konditionen".

Auch Santo sieht diesen Punkt als wichtigen Vorteil an, wenn auch nicht als entscheidendes Kriterium. Die operativen Kosten seien letztlich wichtiger als der Kaufpreis eines Flugzeugs, denn über die gesamte Betriebszeit würden sie ein Vielfaches ausmachen, so Santo.

© AirTeamImages.com, Andrew Hunt Lesen Sie auch: Airbus liefert fast doppelt so viele Flugzeuge aus wie Boeing

Geschäftsmodell ist entscheidend

Christoph Brützel, Professor für Aviation Management bringt noch einen weiteren Punkt ein. Eine Einheitsflotte mache im Kurz- und Mittelstreckenbereich Sinn, wenn eine Airline auf Punkt-zu-Punkt-Verkehr mit Schwerpunkt auf Privatreisenden abziele. In diesem Segment könnten Wochenfrequenzen so bemessen werden, dass jeweils ein hinreichender Ladefaktor erreicht werde, so Brützel. Dies treffe auf Billig- und Ferienflieger zu.

Im Hub-and-Spoke-Verkehr mit mehreren Frequenzen pro Spoke und Tag, wie ihn beispielsweise klassische Flag-Carrier wie die Lufthansa betreiben, macht es dem Experten zufolge hingegen keinen Sinn, nur einen Typ zu fliegen. Hier lohnen sich je nach Nachfrage verschiedene Flugzeuggrößen.

Der Luftfahrtprofessor geht davon aus, dass sich die Airlines auch weiterhin zunehmend für entweder Boeing oder Airbus entscheiden werden. "Darunter mischen Embraer und Bombardier und einige andere auch mit", so Brützel.

Potenzielle Probleme

All diesen Vorteilen einer einheitlichen Flotte stehen allerdings auch gewichtige Nachteile gegenüber. Viele davon sind potenzieller Natur, das heißt, sie kommen zum Tragen, wenn gewisse Situationen eintreffen, beeinträchtigen aber nicht das Alltags-Geschäft.

Bei Experten wie Betreibern herrscht Einigkeit darüber, dass vor allem die Abhängigkeit von einem Hersteller ein gravierendes Risiko darstellen kann. So führt Easyjet im Jahresbericht 2018 an, dass die Airline von Airbus abhängig sei. Gäbe es Probleme in der Lieferkette bei Airbus, würde dies zu Verzögerungen bei der Auslieferung neuer Jets führen.

Um in solchen Fällen Auswirkung auf den Flugbetrieb zu minimieren, arbeite die Fluggesellschaft beispielsweise mit kurzfristigen Wet-Lease-Arrangements. Außerdem werde das Risiko durch die Einflottung von A320-Neos zumindest teilweise verringert, da diese mit anderen Motoren ausgestattet sind.

Dieses erst einmal potenzielle Risiko ist gerade für mehrere Airlines mit dem Grounding der Boeing 737 Max eingetreten. Ryanair führt beispielsweise aktuelle Kapazitätsreduktionen in Deutschland auch auf fehlende Flugzeuge zurück. Der Billigflieger hätte eigentlich bereits 30 737 Max in der Flotte haben sollen.

Laut Luftfahrtexperte Bauer hat das Grounding der Max dazu geführt, dass Großkunden wie Southwest Airlines und Flydubai eine Alternative fehlt. "Das Netzwerk von Southwest Airlines musste aus diesem Grund angepasst werden. Das Streckennetz ab Newark wurde komplett runtergefahren, um die aktuellen Flugzeuge (Boeing 737-700/800) auf den profitableren Strecken einsetzen zu können." Nun erwägt die Airline laut US-Medienberichten, die Flotte erstmals zu diversifizieren.

Aber auch andere Billigflieger sind von der 737-Max-Krise betroffen. Flydubai hatbeispielsweise 251 Boeing 737 Max bestellt und muss sich zurzeit nach Wet-Lease-Optionen umscheuen, um den Flugplan kurz- und mittelfristig wieder zu normalisieren beziehungsweise wie geplant auszubauen. Auch die bisherige Dry-Lease-Verträge seien sicherheitshalber bis ins Jahr 2022 verlängert worden, so Bauer.

Auch Luftfahrt-Unternehmensberater Santo führt die Abhängigkeit von einem einzelnen Hersteller als zentrales Problem an. Für die Bedarfe vieler Airlines gebe es zwar nur zwei mögliche Hersteller, dies sei aber immer noch besser als nur einer. Der Sinn einer Einheitsflotten-Strategie entscheide sich dabei aber auch an den Preisen, so Santo. Die Hersteller dürften bei den Anschaffungskosten für die Airlines nicht überdrehen. Sonst komme irgendwann der Punkt, an dem die Nachteile eines Flottenmixes die der Abhängigkeit von einem Hersteller überwögen.

Preise auf dem Gebrauchtmarkt

Ein weiteres Risiko für Einheitsflotten-Betreiber ist der Gebrauchtmarkt. Der oftmals junge Flugzeugbestand der Billigflieger resultiert nicht nur aus dem schnellen Wachstum. Auch die Tatsache, dass moderne Flugzeuge sparsamer sind, ist ein wichtiger Faktor, wenn die Maschinen sehr viel geflogen werden. Daher müssen ältere Einheiten auf dem Gebrauchtmarkt losgeschlagen werden.

Easyjet führt hier die Abhängigkeit von einem einzelnen Markt, in ihrem Fall für die A320-Familie, als Risiko an. Man sei vor allem für die ältere A319-Flotte auf die künftige Nachfrage angewiesen, heißt es. Zur Abschwächung dieses Problems setzt die Airline nun teilweise auf "Sale and leaseback"-Modelle. Dadurch werde das Restwert-Risiko ausgelagert und das Flottenmanagement flexibler.

Darüber hinaus bringt eine reduzierte Komplexität der Flotte zwangsläufig auch Einschränkungen bei der Komplexität des Angebots mit sich. "Unter anderem für das Network Management hat diese Flottenstruktur Nachteile", so Luftfahrt-Berater Bauer. Airlines mit einheitlicher Flotte könnten sich wegen einheitlichen Flugzeuggrößen und Kapazitäten kaum an unterschiedliche Verkehrsaufkommen auf verschiedenen Strecken anpassen. Dies führe in manchen Fällen zur Unrentabilität einer Verbindung und zu weniger Flexibilität bei Nachfrageänderungen.

Dies gilt abseits der Kurz- und Mittelstrecken natürlich umso mehr, denn an Langstrecken ist mit den Flotten klassischer Billigflieger nicht zu denken. Sofern eine Airline von kurzen bis langen Routen alles anbietet, kann sie hier allerdings einen - wenn auch kleinen - Hebel gegen die Hersteller-Abhängigkeit ansetzen. So weist Santo darauf hin, dass es durchaus Sinn machen kann, eine reine Airbus-Flotte für den Short-Haul-Verkehr einzusetzen und eine Boeing-Flotte für die langen Strecken.

Wohin die Reise geht

Die Flottenentwicklung bei vielen Airlines, nicht nur bei Billigfliegern, lässt dennoch eine Tendenz zu einheitlicheren Flugzeugbeständen erkennen. Die Lufthansa-Group hat sich beispielsweise in den vergangenen Jahren vollständig von der Boeing 737 verabschiedet und setzt bis auf wenige Ausnahmen auf Airbus-Produkte für den europäischen Verkehr. Auch bei Tuifly gibt es keinerlei Bestrebungen, von der Einheitsflotte abzuweichen, wie ein Sprecher erklärte. Ebenso wenig ist dies derzeit bei Easyjet oder Ryanair angekündigt.

Insofern muss eine Einheitsflotte für viele Geschäftsmodelle trotz der Risiken weiter als entscheidender Vorteil im Wettbewerb betrachtet werden. Der Easyjet-Jahresbericht fasst es kurz und knapp folgendermaßen zusammen: "Der Vorstand ist der Ansicht, dass die Effizienzgewinne, die durch den Betrieb einer einheitlichen Flotte erzielt werden, die Risiken überwiegen."

Von: hr

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