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Hintergrund Die Biometrie auf Flughäfen

Mit der Ankündigung der Lufthansa, in München auf Biometrie zu setzen, kommt das Thema langsam an deutsche Flughäfen. Die Technik wird bereits weltweit eingesetzt, wenn auch mit unterschiedlichen Ansätzen - und es gibt Kritik. Das hat im Februar viele Leser interessiert.

Biometrische Verfahren für Zugangskontrollen an Flughäfen. © Vision-Box

Hinweis: Dieser Artikel wurde ursprünglich am 27. Februar 2020 veröffentlicht.

Fluggesellschaften aus aller Welt sind dabei, mit biometrischem Boarden den nächsten Schritt beim Einsteigen in Flugzeuge einzuführen. Es gibt keine Bordkarten mehr und der Reisepass oder der Personalausweis kann in der Tasche bleiben. Stattdessen erkennt eine Kamera den Flugpassagier und lässt ihn in das Flugzeug. "Seamless Flow" wird etwa vom Lösungsanbieter Vision-Box genannt, der an Flughäfen wie Amsterdam-Schiphol oder in Aruba aktiv ist.

Deutschland hinkt in der Thematik hinterher. Zwar will Lufthansa nun zusammen mit der Star Alliance in München ein erstes Projekt starten, in anderen Ländern ist Biometrie allerdings schon Gang und Gäbe. In den USA wird bereits biometrisch geboardet, auch auf Flügen der Lufthansa, der neue Pekinger Flughafen ist flächendeckend mit biometrischen Systemen ausgestattet und auch in Neuseeland, Dubai, Frankreich oder Finnland laufen entsprechende Systeme.

Die Versprechen der Hersteller sind groß, lassen sich aber letztendlich auf einen Punkt zusammenfassen: eine bessere Ausnutzung der vorhandenen Flughafeninfrastruktur. Dabei fängt die Reise mit der Biometrie früh an. In einem Zukunftsszenario sogar schon zuhause. Dort speichert der Fluggast sein Gesicht per App und das war es dann schon. Doch bis es soweit ist, dauert es laut Vision-Box wohl noch zehn bis 15 Jahre.

Bereits Realität ist das Registrieren des Gesichts an einem Automaten am Flughafen. Anschließend werden diese Daten in der Check-In-Schlange genutzt. Kameras erkennen den Fluggast und das Check-In-Personal bekommt die Daten des Fluggasts direkt angezeigt. Auch beim Abgeben an Gepäckautomaten geht das. Vorausgesetzt die lokalen Grenzsicherungsbehörden machen mit, durchläuft der Fluggast dann sogar von Kameras erfasst die Ausreise.

Regulatorische Probleme

Hier gibt es allerdings ein grundsätzliches Problem. Zum einen fehlen weltweite Standards und zum anderen fehlen vielerorts die entsprechenden Regularien. Das heißt, in der Praxis wird die Ein- und Ausreise auf absehbare Zeit wohl weiter ein manueller Prozess bleiben. Erkennbar ist das schon daran, dass sogar Reisepässe mit ePass-Logo noch lange nicht in jedem Land akzeptiert werden. Oftmals werden nur einzelne Länder freigegeben. Manchmal gibt es eine Kopplung an einen besonderen Aufenthaltsstatus oder es ist eine besondere Registrierung bei den Grenzbehörden der einzelnen Länder notwendig.

Nach der Ausreise geht es dann für den Vielflieger in die Lounge, die den Fluggast erkennt und begrüßt, während sich der Rest der biometrisch erfassten Reisenden in der Nähe des Flugsteigs tummelt. Boarding nach Gruppen oder Reihen löst das natürlich nicht ab. Der Passagier muss sich diese Informationen ohne Bordkarte in der Hand also merken. Laut Vision-Box wird aber etwa an einem brasilianischen Flughafen die Gruppe von oben vor jeden Fluggast projiziert. Das Problem ist also prinzipiell schon gelöst.

Hersteller versprechen Effizienzgewinne

An all diesen Touchpoints, wie die Fachwelt Check-In, Boarding und ähnliches bezeichnet, sollen biometrische Verfahren die Effizienz steigern. An dem Check-In-Schalter fällt die Suche nach dem Ausweis weg, die Grenze wird ohne Pause an den Automaten überschritten und beim Boarding versprechen die Hersteller ebenfalls Zeiteinsparungen.

Für die Fluggesellschaften und die Flughäfen ergeben sich durchaus Einsparpotenziale. Nicht unbedingt beim Personal, denn die Automation der Prozesse gab es schon vorher. Viele Fluggäste sehen allenfalls beim Sicherheitscheck noch Personal. Selbst beim Gate gibt es immer mehr Automaten.

Die Effizienzpotentiale beziehen sich bei den derzeit üblichen Beispielen aber vor allem auf derzeit noch manuelle Prozesse oder den Einstieg in Großraumflugzeuge. Bei großen Flugzeugen mit zwei Gängen sind es maximal fünf Sitze je Gang, die befüllt werden müssen. Meist gibt es mehrere Einstiegstüren und es gibt selten einen Stau beim Einstieg.

Wer dagegen das Boarding eines Schmalrumpfflugzeugs auf der Kurzstrecke mit 3-3-Sitzkonfiguration kennt, der weiß schon: hier ist wohl auch mit biometrischen Bordkarten kaum mit einer Zeitersparnis zu rechnen. Zumal diese Flugzeuge oft mit Tarifen befüllt werden, die vermehrt Handgepäck erzeugen, was wiederum zu längeren Einstiegszeiten führt.

Komfort versus Privatsphäre

Für den Fluggast ist das größte Argument der Komfortgewinn. Diesen Gewinn braucht es auch, denn ohne attraktive Angebote für den Fluggast ergeben sich die Vorteile auf die Infrastruktur nicht. Diesen Komfort erkauft sich der Fluggast allerdings durch potenzielle Nachteile.

Unter Sicherheitsexperten wird die Nutzung von Biometrie oft kritisch gesehen. Eines der Hauptargumente gegen die Biometrie ist die mangelnde Austauschbarkeit. Ein Passwort oder einen Reisepass kann der Fluggast bei Verlust in aller Regel sperren und ersetzen. Teils leicht erhebbare verfügbare biometrische Daten hingegen nicht. Fingerabdrücke lassen sich mit modernen Kameras leicht abfotografieren. Bei Gesichtern ist das erst recht möglich. Bei anderen biometrischen Merkmalen wird es zumindest schwerer, wie etwa den Herzschlag oder gescannte Venenmuster unter der Haut.

© dpa, Christoph SchmidtLesen Sie auch: Gesichts- oder Fingerabdruckerkennung? Bloß nicht ... Digital Passenger (10)

Die Industrie versucht hier zu beruhigen und gibt Schlagworte wie "Privacy by Design" an, das sowohl Vision-Box wie auch die Lufthansa, die ein anderes System verwenden, nennen. Die erstellten Token bei Vision-Box können beispielsweise anonym sein, verspricht der Hersteller.

Das muss man sich so vorstellen, dass bei erstmaliger Anmeldung, dem sogenannten Enrollment, ein System alle Angaben überprüft. Hat der Fluggast ein Ticket? Stimmt der Name? Ist der Reisepass passend zum Fluggast? Anschließend bekommt der Fluggast eine individuell geprägte Münze ausgehändigt, die ihm fortan alle Türen und Tore öffnet, die für ihn zugelassen sind. Außerdem "klebt" die Münze am Passagier, sodass kein anderer damit reisen kann. Ein Foto ist nicht auf der Münze aufgeprägt. Die zugehörigen Daten kennt nur die Technik im Hintergrund, die diese aber nicht notwendigerweise an alle Touchpoints weitergeben muss.

Diese Anonymität ist freilich nicht mehr gegeben, wenn etwa Sicherheitsbehörden mit involviert werden. Denn diese wollen wissen, wer von wo nach wo reist und Daten des Ausweises kontrollieren können. Die Grenzpolizei sieht also alle notwendigen Daten. Der Fluggast muss sie nur nicht herausholen. Über die Systeme lässt sich theoretisch feinjustieren, wer welche Informationen lesen kann. Vision-Box ist dabei bewusst, dass ein einziger Fehler bei der Sicherheit die ganze Branche in Verruf bringen kann.

© Sita, Lesen Sie auch: Sita: Biometrisches Boarding ist bereit für den produktiven Einsatz

Bei Star Alliance hingegen sind die Token hingegen eine dauerhafte Komponente, denn die Allianz möchte eine Interoperabilität zwischen den Allianz-Mitgliedern sicherstellen. Wer in München zusteigt, soll in Frankfurt auch ohne Probleme umsteigen können und idealerweise in einem anderen Land ohne den Reisepass zu zücken einreisen können. Dieser Ansatz verspricht vor allem für Vielflieger mehr Komfort.

Der Allianz ist allerdings auch bewusst, dass dies für manche Fluggäste unheimlich sein könnte. Der Nutzer kann deswegen bestimmte Airlines von der Nutzung des Passagier-Tokens ausschließen. Selbiges gilt für bestimmte Länder.

Letztendlich bleibt abzuwarten, was die Systeme dem Fluggast bringen. Sobald der Komfort überwiegt, ist die Akzeptanz oft schnell vorhanden, das hat die Vergangenheit gezeigt. Anders als Reisende im Auto oder in der Bahn hat der Fluggast ohnehin kaum noch eine Chance, ohne Datenpreisgabe zu reisen. Die Qualität der Daten wird allerdings steigen, was zwar den Komfort erhöht, die Datenschutz aber umso wichtiger macht.

© Finavia, Lesen Sie auch: Lufthansa plant biometrisches Boarding am Flughafen München

Von: Andreas Sebayang

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