Interview "Die Bedingungen bei Ryanair darf man nicht in den Mantel des Schweigens hüllen"

Die Ufo-Chefs Thomas Klappert und Nicoley Baublies sprechen im Interview mit airliners.de über diesjährige Tarifentwicklungen bei unter anderem Eurowings und Ryanair - und über den gewerkschaftsinternen Personalkonflikt.

Eine Flugbegleiterin der Ufo. © dpa / Oliver Berg

Tariftechnisch sind in diesem Luftfahrtjahr vor allem die Entwicklungen bei Billigflieger Ryanair oder die späte Reform des Paragrafen 117 im Betriebsverfassungsgesetz hervorzuheben. Allerdings sind alle Inhalte bei einer Gewerkschaft von einem internen Machtkampf überschattet worden. Das leugnen auch die Ufo-Chefs Nicoley Baublies und Thomas Klappert im Gespräch mit airliners.de nicht und sagen, es ging mehr um Richtungen als um einzelne Personen. Die Parallele zur miserablen Performance einiger politischer Parteien müssen aber auch sie eingestehen.

airliners.de: Herr Baublies, Herr Klappert, wenn man die Ufo im politischen Spektrum verorten müsste, würde man dies in diesem Jahr wahrscheinlich nahe bei der SPD machen - viel Personaldebatte, wenig Sacharbeit. Passt das Bild?
Nicoley Baublies: Ich bin ja schon froh, dass Sie uns nur mit der SPD vergleichen, die sich streitet und nur schlechte Umfragewerte hat. Sie hätte uns ja auch mit der Großen Koalition an sich vergleichen können.
Thomas Klappert: Zumal das Bild der um sich selbst drehenden Regierung sogar noch besser gepasst hätte als der Vergleich mit einer einzelnen Partei. Wir hatten unsere Merkel-Seehofer-Momente - zumindest nach außen. Denn intern ging es gar nicht nur um einzelne Personen, sondern um Richtungen: Wie gehen wir beispielsweise mit dem Lufthansa-Konzern um, der eigentlich wenig Interesse an Mitbestimmung hat? Eher diplomatisch ...
Baublies: ... und lässt sich von dem noch zweimal treten ...
Klappert: ... oder macht man Druck? Glücklicherweise sind wir bei der Mitgliederversammlung im September gut wachgerüttelt worden, so dass wir die Abwärtsspirale haben stoppen können.
Baublies: Aber ich glaube auch, dass es wichtig für den Prozess war, breit diskutiert wurde. Denn das hat dazu geführt, dass wir die Ärmel hochkrempeln und jetzt mit der Arbeit weitermachen.

Wie geht's denn jetzt weiter?
Baublies: Wir hatten noch mal eine Sondermitgliederversammlung Ende November, auf der wir uns schwerpunktmäßig mit den Finanzen, den Strukturen und der Grundsatzkommission beschäftigt haben. Da haben wir jetzt ein internes Controlling; denn am Ende muss die Kasse stimmen. Das wollen wir bis Jahresende abschließen.
Klappert: Wichtig ist aber auch zu betonen, dass wir bislang nicht alles aufgearbeitet haben. Wir sind immer noch an einem Punkt, an dem der komplette Vorstand nicht immer einer Meinung ist. Aber das Gute ist ja, dass wir auch dafür Strukturen haben. Manche Dinge benötigen eben auch ein wenig Zeit, wenn sie zu 100 Prozent aufgearbeitet sein sollen.
Baublies: Wir werden nichts unter den Teppich kehren. Notfalls diskutieren wir es am Jahresanfang weiter und legen die Ideen dann noch einmal den Mitgliedern vor.

Ungeachtet davon gibt es im kommenden Jahr aber Neuwahlen?
Klappert: Definitiv. Turnusmäßig stehen die ohnehin an. Aber die Grundsatzkommission will auch bis Ende Oktober den Mitgliedern eine neue Satzung inklusive Strukturen und Aufgaben vorlegen. Danach wird gemäß dieser Satzung gewählt. Ob das jetzt Dezember 2019 oder Januar 2020 ist, können wir nicht sagen. Aber in einem guten Jahr ist die Zeit dieses Vorstands vorbei.

Zu den Interviewpartnern

Nach dem Studium der Anglistik und Politik und der Arbeit als selbständiger Internetberater wurde Nicoley Baublies 2002 Flugbegleiter bei Lufthansa. Sechs Jahre später engagierte er sich bei Ufo - 2012 wurde er Chef der Gewerkschaft. Eigentlich wollte er 2016 den Staffelstab weitergeben und sich beispielsweise auf seine Tätigkeit im Lufthansa-Aufsichtsrat und die neugegründete IGL konzentrieren. Doch nach einem internen Machtkampf kam Baublies im Herbst 2018 zurück an die Spitze der Gewerkschaft.

Seit Mitte der 80er-Jahre arbeitet Thomas Klappert in der Luft. Er führte die Kabine der LTU und Air Berlin und leitete ein knappes Jahr die Planverwaltung. 1996 kam er zu Ufo und übernahm dort bis Anfang der 2000er auch die Rolle des stellvertretenden Vorsitzenden. Die Air-Berlin-Abwicklung und wie "Menschen perfide getäuscht wurden", wie er sagt, führte dazu, dass er 2017 noch einmal in den Ufo-Vorstand aufrückte. Seit Herbst 2018 bildet er zusammen mit Baublies die Doppelspitze der Ufo.

Nicoley Baublies (links) und Thomas Klappert. Foto: © airliners.de

Aber Sie beide streben erneut Führungspositionen an?
Klappert: Darüber habe ich in den letzten Monaten oft nachgedacht. Da der interne Konflikt ja auch richtungsbezogen war, würde ich unseren Mitgliedern gerne auch meine Neuausrichtung anbieten. Noch hat der Wahlkampf nicht begonnen, deshalb besinne ich mich im Moment auf den Auftrag aus der Mitgliederversammlung. Hier bin ich mit meiner Führungsposition gut ausgelastet. Die Zukunft und unsere Mitglieder werden zeigen, wo ich mich wiederfinden werde.
Baublies: Vor dem ganzen Schlamassel hatte ich fest vor, bis 2024 weiterzumachen. Denn nach der Platzeck-Schlichtung hat sich Lufthansa aus meiner Sicht in die Fundamentalopposition verabschiedet. Da habe ich richtig Bock, zu zeigen, dass die Kabine mit den Streiks 2012 und 2015 sowie einer sehr wachen Personalvertretung mehr will. Bei dem sehr harten und persönlichen Kampf innerhalb der Ufo gab es aber auch immer wieder die Überlegungen, früher zu gehen - das will ich nicht verheimlichen. Wir sind hungrig, wieder Inhalte anzugehen.

Dann kommen wir mal zu den Inhalten. 2018 steht da auf der Haben-Seite definitiv Ryanair. Airlinechef O'Leary sagte immer, eher werde die Hölle zu frieren, als dass er mit Gewerkschaften verhandelt. Was ist da passiert?
Klappert: Da kommen mehrere Dinge zusammen. Irgendwann war klar, Ryanair wird immer weiter in die Schmuddelecke gedrängt und da hat auch die Politik angefangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ryanair hat dann Gewerkschaften anerkannt - das war unserer Meinung nach aber erst einmal nur Homöopathie.

Warum?
Klappert: Es ging ja nur um Piloten. Dadurch dass dann die europäischen Dachverbände Eca und Eurecca ebenfalls Druck ausübten, hat das Ganze eine Dynamik bekommen, die das Ryanair-Management nicht mehr kontrollieren konnte. Es gab Arbeitskämpfe und Ryanair muss nun Tarifabschlüsse erzielen.
Baublies: Das ist in Deutschland beispielsweise über Verdi für die Kabine passiert. Einen Abschluss finden wir grundsätzlich super, geht uns im Detail aber nicht weit genug. Beim Thema 'unpaid leave' (unbezahlter Zwangsurlaub) im Winter und vielen anderen Themen gibt es noch immer keine Antwort. Da darf jetzt nicht zu früh der Mantel des Schweigens drübergelegt werden. Und man darf nicht vergessen: Die Leute bei Ryanair haben echt einen besonders harten Job.

Wochenserie

In sechs Interviews wollen wir mit wichtigen Akteuren noch einmal die großen Themen des Luftfahrtjahrs 2018 besprechen. Neben Nicoley Baublies sowie Thomas Klappert sind dies

  • der ADV-Präsident und Vorsitzende des Flughafenbetreibers Fraport, Stefan Schulte,
  • der Präsident des Bundeskartellamts, Andreas Mundt,
  • Berlins Tourismuschef Burkhard Kieker,
  • der Airport-Lenker des Sicherheitsdienstleisters Kötter, Peter Lange,
  • und der Chef der deutschen Flugsicherung, Klaus-Dieter Scheurle.

Die Interviews erscheinen in der Woche zwischen dem 24. und 29. Dezember 2018 auf airliners.de.

Klingt, als wollte die Ufo weiterverhandeln?
Baublies: Auf jeden Fall. Wir gucken uns jetzt ganz genau an, was mit Verdi vereinbart wurde und wie letztlich der ausgestaltete Tarifvertrag aussieht, aber das kann für unsere Mitglieder nicht bindend sein. Solange da nichts fixiert ist, können wir ohne Stress schauen, wo für uns die Bottom-Line ist. Dann werden wir gucken, ob wir nur nachverhandeln müssen, oder ob das Ergebnis ein Startpunkt für neue Verhandlungen im kommenden Jahr sein kann.

Aber wenn ich der Logik des Tarifeinheitsgesetzes folge, stellt sich die Frage doch gar nicht, weil der Abschluss von Verdi auch für Ufo-Mitglieder bindend ist.
Klappert: Nein. Das Gesetz musste vom Bundesverfassungsgericht nachgebessert werden. Karlsruhe hat gesagt, dass der Tarifvertrag der Mehrheitsgewerkschaft nicht die Mindergewerkschaft vertreiben darf. Ich weiß nicht, ob Verdi oder wir mehr Mitglieder bei Ryanair haben. Dass Flugzeuge in Bremen und Weeze abgezogen wurden, hat uns aber nicht gestärkt. Um es einmal ganz klar zu sagen: Wir sind von Ryanair nicht in die Ausgestaltung einbezogen worden.
Baublies: Und man muss auch noch sagen, dass die Taktik von Ryanair nicht aufgeht; uns wegen irgendeiner Pressemitteilung vors Gericht zu ziehen, dort zu verlieren und jetzt nicht auf Gesprächsangebote zu reagieren. Selbst wenn sie mit Verdi eine Tarifeinigung erzielen, wird es für die Iren noch einmal richtig teuer, wenn sie mit uns nachverhandeln müssen, weil uns das so nicht gefällt und wir das auch deutlich machen werden.

Daneben gibt es das Thema Lufthansa ...
Baublies: ... da werden aktuell notwendige Gespräche auch wieder von Personaldebatten überlagert.

Sie meinen die sechsstellige Forderung gegen Ufo beziehungsweise einzelne Funktionäre?
Baublies: Genau, da hat der Konzern jetzt erst einmal alle Gespräche mit uns komplett abgeblockt und auch vergangene Woche ein Treffen abgesagt, an dem eigentlich die aus unserer Sicht hanebüchenen Vorwürfe aus dem Weg geräumt werden sollten. Das ist ärgerlich, weil sich so dringend notwendige Gespräche verzögern. Beispielsweise läuft im März der Tarifvertrag für Neueinstellungen aus. Ergebnis der Schlichtung 2016 war auch, dass es keine befristeten Arbeitsverträge mehr geben soll, sondern sogenannte Saisonalitätsmodelle. Dafür müssen aber auch die Kapazitäten richtig geplant werden. Es sind aber bis jetzt schlicht zu viele Leute eingestellt worden. Das freut uns natürlich für jeden Einzelnen, der eingestellt wurde, aber das gefundene Modell ist einfach nicht gedacht, um dauerhaft zur Zwangsteilzeit genutzt zu werden. Deshalb haben wir diesen TV gekündigt. Da müsste ein neuer her, sonst kann Lufthansa so nicht mehr einstellen.

Klappert: Und dann ist da noch die Eurowings. Die Airline läuft auf 110 Prozent. Sie holen sich immer neue Flugbetriebe, haben im Overhead aber gerade einmal dreieinhalb Leute, die dann Personalpolitik, Tarifverhandlungen und so weiter machen sollen. Da müssen wir die Stimmen der Belegschaften sein und mit dem Management sprechen. Was hören wir auf den Gängen? Immerhin arbeiten viele unserer Mitglieder da ... Eurowings und die ganze Lufthansa Group sind ein solider Konzern, aber er darf die Menschen nicht vergessen. Neben den Kunden sind da 140.000 Mitarbeiter - und die müssen Lust haben, zur Arbeit zu gehen.

Herr Klappert, Herr Baublies, vielen Dank für das Gespräch.

Von: cs

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