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Schiene, Straße, Luft (30) Der Stress kam in Mannheim

Dienstlich Bahn fahren schafft Stress, dienstlich fliegen auch, aber etwas weniger. Das ergab eine Studie des Deutschen Reise-Verbandes. Hoffentlich lesen das die Verkehrsträger, wünscht sich Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

Der DB Navigator. © airliners.de

Stress auf Dienstreisen braucht niemand, denn die Termine verlangen Konzentration auf das Wesentliche. Und ich will auf der Reise eventuell arbeiten. Probe aufs Exempel, am Tag der Veröffentlichung der Studie: Nehme ich Auto, Zug oder Flug, wenn ich aus Berlin zu einem dienstlichen Termin in Karlsruhe-City muss, der auf 09:30 Uhr angesetzt ist? Es sind 673 oder 677 Kilometer, je nach Strecke.

Wäre ich leidenschaftlicher Porschefahrer, plante ich für den morgendlichen Berufsverkehr nördlich von Frankfurt – oder Stuttgart, je nach Variante - einen halbstündigen Puffer ein und würde um halb vier losfahren. Stress käme auf, wenn der Berufsverkehr stärker als gedacht wäre oder mich Baustellen und Lkw-Aufkommen am Ausnutzen meiner Temporeserven hinderten. Arbeiten ist während der ganzen Hin- und Rückreise nicht möglich.

Auch weil ich leider keinen Porsche habe, fällt diese Möglichkeit aus. Jenseits aller Umweltgesichtspunkte bevorzuge ich für solche Reisen, deren Ziel 900 Meter von einem ICE-Bahnhof entfernt liegt, die Bahn. Hier schaue ich aber erst einmal in die Röhre, denn es gibt keinen Zug, der mich zur fraglichen Zeit ins Oberrheintal bringt. Eine Verbindung lautet: Abfahrt 00:07, Ankunft 08:58 Uhr. Dreimal umsteigen, davon einmal mit 2:11 Stunden Aufenthalt in Hannover. Beim besten Willen: nein. Oder am Vorabend anreisen, aber dann ist dieser Tag auch noch dahin.

Am besten aus der Luft erreichbar

Also flog ich. Zumindest hin, denn zurück nehme ich die Bahn, da kann ich stressfrei mit der Aufarbeitung des Termins beginnen. Der Flughafen namens "Karlsruhe/Baden-Baden (FKB)" liegt etwa 44 Autokilometer südlich der Stadt. Eurowings hat einen Flug im Angebot, der um 06:15 in Tegel abhebt und um 07:40 Uhr am Rhein landet. Klingt nach früher Ankunft. Die ist nötig, denn der ehemalige Militärflughafen hat mit dem Münchener Airport gemeinsam, dass er am besten aus der Luft erreichbar ist.

Am Vortag stellte sich Stress ein, als Meldungen kamen, dass in Berlin am Morgen Hunderte von Fluggästen stundenlange Verspätungen oder gar Annullierungen von Flügen hinnehmen mussten, weil "sich überraschend ein bedeutender Teil der Luftsicherheitsassistenten am Flughafen Tegel krank gemeldet hat" . Na toll, wenn ich schon mal fliege …

Nachdem Eurowings aber in der Nacht nichts von sich hören ließ, sank mein Stresspegel wieder. Bis zum Aufstehen um halb vier – wie der Porschefahrer. Da begann eine rational nicht erklärbare Stressphase, weil ich befürchtete, zu spät zum Flughafen zu kommen. Unbegründet.

Der Flieger hob verspätet ab, landete aber pünktlich. Eurowings-Flugplangestalter haben also aus dem Sommer 2018 gelernt, dass sie Puffer einplanen müssen. Bei der Ankunft lernte ich, dass es einen Schnellbus gibt. Der fährt aber im Stundentakt jeweils um :01 Uhr bis Rastatt, wofür er 23 Minuten braucht. Dort ist Umsteigen in den Zug angesagt, der wiederum 13 Minuten braucht, oder in die S-Bahn, die fast eine halbe Stunde braucht. Egal wie, es dauert mit Wartezeit eine Stunde bis Downtown Karlsruhe. So lange hätte es auch mit dem Zug vom Frankfurter Flughafen gedauert… Aber die Idee kam mir zu spät.

Also nahm ich den normalen Bus, in dem ich zusammen mit Schulkindern kurz vor acht durch gepflegte Einfamilienhaussiedlungen fahre. Er hält gefühlt an jeder Mülltonne, um sich schließlich auf der schnurgeraden Straße nach Rastatt – eine beliebte Ausweichstrecke für die ebenfalls überfüllte A 5 - in den Morgenstau einzureihen. Zeit genug, mir auf dem Handy noch einmal die Briefings für meinen Termin anzuschauen. Stress verursachte das nicht.

Und jetzt kam ein super-stressfreies Erlebnis: Es kostete mich zwei Minuten, am FKB mit dem Handy ein Ticket für die Bus- und Bahnfahrt nach Karlsruhe zu buchen. Der DB Navigator bot mir neben der Option "Einzelfahrschein" die Möglichkeit "Einzelfahrschein mit BahnCard" an, zwei Euro billiger. Ein oder zwei Klicks, und der QR-Code war im Handy, der Preis von der Kreditkarte abgebucht. Eine gute Viertelstunde zu früh kam ich am Ziel an.

Im "langsamen" ICE über Eisenach Richtung Osten

Zurück ging es mit dem ICE. Mit Umsteigen in Mannheim und Fulda. Abfahrt 13:00 Uhr, Ankunft 18:11 Uhr. Für fast 700 Kilometer, also schneller als Porsche. Der Stress begann nach dem Einsteigen in Mannheim in den zweiten ICE. Er hatte anfangs fünf Minuten Verspätung, Tendenz steigend, die Umsteigezeit in Fulda betrug sechs Minuten. Und der dritte Zug war für das Porsche-Tempo verantwortlich, es war ein Sprinter. Kurz vor Fulda tönte es aus den Zuglautsprechern bei gut zehn Minuten Verspätung: "ICE 1196 nach Berlin (Ostbahnhof), planmäßige Abfahrt fünf Minuten vor der verspäteten Ankunft des ICE 598 [mein Zug], wartet auf unseren Zug am Bahnsteig gegenüber."

Stress! Schnell die Sachen gepackt, denn der 1196 fährt über Spandau, wo ich hinwollte. ICE 598 hielt, Tür ging auf, beim Aussteigen sah ich, wie ein ICE am Gleis gegenüber forsch abfährt. Glücklicherweise stand eine DB-Mitarbeiterin nahe der Tür. Ich fragte: "Das war doch nicht etwa der ICE 1196 nach Berlin-Ostbahnhof?" - "Doch!" - "Und warum sagt der Lautsprecher in meinem ICE 598, dass er wartet?" - "Das kann ich Ihnen auch nicht sagen." Also weiter im "langsamen" ICE über Eisenach Richtung Osten.

© AirTeamImages.com, Roman Becker Lesen Sie auch: Im Rausch der Geschwindigkeit Schiene, Straße, Luft (27)

Vor der Einfahrt nach Erfurt kam keine Durchsage über eventuelle Anschlusszüge. Beim Halt aber sah ich auf dem berühmten "Gleis gegenüber" wieder einen ICE in dieselbe Richtung, der laut Anzeige über Spandau nach Berlin fuhr.

Soll ich oder soll ich nicht? Stress, Hektik, aber ich blieb im "langsamen" ICE 598 sitzen, beschwerte mich aber anschließend freundlich bei der Zugschaffnerin. Sie schaute nach und fand heraus, dass der stehen gelassene ICE noch langsamer war als der, in dem ich saß. Der Stress ließ langsam nach, weil ich mich nun damit abgefunden hatte, erst 19:34 Uhr wieder in Spandau anzukommen. Ich arbeitete weiter, und es war alles erledigt. Fazit: Die Deutsche Bahn muss immer noch an ihrer Kommunikation arbeiten, dann kann sie mit dem Flugzeug gleichziehen, was die Stressanfälligkeit angeht. Aber das Buchungstool Navigator ist absolut beruhigend.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de Jetzt Gastautor werden

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