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Die Tutorial-Kolumne zum Thema industrielles Luftfahrtmanagement. Kollage ©: airliners.de / AirTeamImages, fotolia: Dinosoftlabs, Photocreo Bednarek, Gorodenkoff, contrastwerkstatt

In diesem Kapitel werden Basisanforderungen an die Produktion, welche für Herstellung und Instandhaltung luftfahrttechnischer Produkte gleichermaßen gelten, erklärt. Im Vordergrund stehen dabei primär vorbereitende und begleitende Tätigkeiten, also Anforderungen, die aus technischer, organisatorischer und personeller Sicht aber auch aus luftrechtlicher oder ökonomischer Perspektive erfüllt sein müssen, um mit Produktionsaktivitäten beginnen zu können.

Diese Anforderungen werden unter den technischen, organisatorischen und personellen Voraussetzungen ("TOP-Voraussetzungen") subsumiert. Es sind Vorgaben, um eine luftfahrttechnische Herstellungs- oder Instandhaltungsleistung ausführen zu dürfen. Es müssen beherrschte Bedingungen vorliegen, zum Beispiel in Hinblick auf die Infrastruktur, Arbeitsumgebung und Betriebsmittel sowie an das Arbeitsplanungssystem oder das Management technischer Dokumentation.

Um eine angemessene Qualität zu erzielen, sind darüber hinaus die erforderlichen Ressourcen vorzuhalten. So muss der Betrieb in Umfang und Qualifikation über hinreichend Personal verfügen, um die luftfahrttechnische Leistungserbringung angemessen ausführen zu können.

In der Luftfahrttechnik-Management-Kolumne erläutert Prof. Martin Hinsch, wie luftfahrttechnische Betriebe aufgebaut sind. Der Text lehnt sich eng an sein Fachbuch "Industrielles Luftfahrtmanagement - Technik und Organisation luftfahrttechnischer Betriebe" an, das im Frühjahr 2019 in neuer, 4. Auflage im SpringerVieweg Verlag erscheint.

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TOP-Voraussetzungen sind dabei nicht nur einmalig bei Aufbau oder Erweiterung des Genehmigungsumfangs zu prüfen und gegenüber der zuständigen Luftaufsichtsbehörde nachzuweisen (in Deutschland das Luftfahrt-Bundesamt). Der Betrieb muss sich jederzeit sicher sein, dass die TOP-Voraussetzungen für die angebotene Leistung mit Beginn der Auftragsabarbeitung erfüllt werden können.

Technische Voraussetzungen

Vor Arbeitsaufnahme ist zu prüfen und sicherzustellen, dass die Arbeitsbedingungen die technischen Voraussetzungen erfüllen. Dazu muss der Betrieb über geeignete Hallen, Werkstätten und Docksysteme verfügen, die Schutz vor Wetter beziehungsweise klimatischen Bedingungen geben und angemessene Lichtverhältnisse gewährleisten.

Es ist ebenfalls zu prüfen, ob der Betrieb über die erforderlichen Werkzeuge und Prüfgeräte verfügt bzw. ob sichergestellt ist, dass diese zum Zeitpunkt der Arbeitsdurchführung verfügbar sind. Die gängigen Betriebsmittel müssen dem Betrieb dabei dauerhaft zur Verfügung stehen. Die eingesetzten Werkzeuge müssen geeignet und zugelassen sowie vor unbefugten Zugriff geschützt werden, Prüfgeräte zudem kalibriert sein.

Neben Werkzeugen und Prüfmitteln sind auch Großbetriebsmittel (Dock- und Krananlagen, Arbeitsbühnen) in eine Prüfung einzubeziehen. Des Weiteren ist vor Arbeitsaufnahme sicherzustellen, dass die technische Dokumentation in der aktuell gültigen Version vorliegt. Die wesentlichen technischen Dokumente sind neben Arbeitskarten unter anderem Designvorgaben, wie Zeichnungen, Schaltpläne, Stücklisten (Bill of Material), Layout, Spezifikationen oder Testanweisungen in der Herstellung sowie, Instandhaltungshandbücher (Manuals), Lufttüchtigkeitsanweisungen, Engineering Orders oder das Instandhaltungsprogramm für die Maintenance.

Im Materialbereich ist sicherzustellen, dass die zur Durchführung der Arbeit vorgegebenen Materialien zeitgerecht beschafft und bereitgestellt werden können. Auch die Voraussetzungen für eine fachgerechte Lagerhaltung sind zu berücksichtigen. Neben kontrollierten Lagerbedingungen (zum Beispiel Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Staubanteil, Ordnung) erfordert die Erfüllung der TOP-Voraussetzungen eine Trennung von verwendbarem und nicht-verwendbarem Material, die kontinuierliche Kontrolle lagerzeitbegrenzter Materialien sowie die Rückverfolgbarkeit der Materialbewegungen.

Organisatorische Voraussetzungen

Die organisatorischen TOP-Voraussetzungen sind weniger auf ein individuelles Ereignis als vielmehr auf Ereignistypen ausgerichtet. Es gilt allgemein, dass für die Durchführung der Arbeiten eine Aufbau- und Ablauforganisation existieren muss, die dem Umfang und der Komplexität des anstehenden Ereignisses angemessen ist.

Die Betriebsstruktur kann somit in Abhängigkeit der durchzuführenden Arbeiten durchaus stark variieren, von einer einfach aufgebauten Organisation beispielsweise für die Fertigung einer einzigen Bauteilkleinserie bis zu einer komplexen Unternehmensstruktur mit komplexem Planungssystem und aufwendiger Produktionssteuerung bei der Flugzeugherstellung.

Neben einer angemessenen Organisationsstruktur bildet ein wirksames Qualitätssystem die zweite Säule der organisatorischen Voraussetzungen. Im Zuge der TOP-Prüfung zählt hierzu insbesondere eine gültige und für die Mitarbeiter zugängliche QM-Dokumentation in Form von Anweisungen für Arbeitsabläufe, Prozessbeschreibungen sowie Regelungen im Hinblick auf Zuständigkeiten und Befugnisse.

Die Basis hierfür bildet in den meisten luftfahrttechnischen Betrieben ein QM-System nach der EN 9100, der Norm für die Luftfahrtindustrie. Für behördlich zugelassene Betriebe ergeben sich weitere Anforderungen aus dem EASA Regelwerk des Part 21G für die Herstellung und des Part 145 für die Instandhaltung

Den organisatorischen TOP-Voraussetzungen wird ebenfalls die Prüfung des behördlichen Genehmigungsumfangs zugeschrieben. Gerade bei einem sehr breiten Produktportfolio und einer hohen Zahl von Behördenzulassungen mit unterschiedlichen Zusatzanforderungen sind diese im Alltag mit einer angemessenen Nachhaltigkeit nicht immer leicht in den Betrieb zu tragen. Handelt es sich um einen Herstellungsauftrag, ist zudem vorab sicherzustellen, dass die Zusammenarbeit mit dem zuständigen Entwicklungsbetrieb (über ein PO/DO Arrangement) vertraglich fixiert ist.

Personelle Voraussetzungen

Die Sicherstellung der personellen TOP-Voraussetzungen umfasst insbesondere die Prüfung der Verfügbarkeit qualifizierten und berechtigten Personals ein. Zum Zeitpunkt der Arbeitsdurchführung muss hinreichend qualifiziertes Personal für die Auftragsbearbeitung zur Verfügung stehen. Hinreichende Ausbildung, Kenntnisse und Erfahrung werden nicht nur dem (freigabeberechtigten) Produktionspersonal, sondern auch Mitarbeitern mit technischer Planungsverantwortung, wie Arbeits- und Materialplanern sowie Produktionsingenieuren abverlangt.

Der verantwortliche Betriebsleiter und seine direkten Manager (Produktionsleiter, Qualitätsmanagement-Beauftragten) müssen ihre Kompetenz sogar in einem Anerkennungsgespräch gegenüber dem Luftfahrt-Bundesamt unter Beweis stellen.

Rechtliche und kaufmännische Betrachtung

Die betriebliche Praxis zeigt, dass die Erfüllung der personellen TOP-Voraussetzungen nicht nur aus luftrechtlicher Perspektive, sondern auch aus kaufmännischem Blickwinkel Beachtung verdient. Eine unstrukturierte Auftragsfreigabe birgt jedoch das Risiko, dass zum geplanten Zeitpunkt hinreichend qualifiziertes Personal zwar grundsätzlich vorhanden ist, nicht aber für die benötigten Fachgebiete oder Gewerke.

Gleich ob technische, organisatorische oder personelle Ressourcen, stets ist der Betrieb auch während des Ereignisses verpflichtet, die Einhaltung der TOP-Voraussetzungen aktiv zu überwachen. Ergänzend zur permanenten betrieblichen Selbstkontrolle kann die zuständige Luftaufsichtsbehörde stichprobenartig die Einhaltung der TOP-Voraussetzungen während der Arbeitsdurchführung oder nachträglich überprüfen.

Die TOP Voraussetzungen sind Bestandteil beherrschter Leistungserbringung und werden daher in der betrieblichen Praxis regelmäßig bei zugelassenen Betrieben nach Part 21G oder 145 im Zuge von Auditierungen durch das Luftfahrt-Bundesamt überwacht. Die gilt übrigens auch direkt oder indirekt für Zertifizierungsaudits nach EN 9100.

Der Umfang der Prüfung orientiert sich in der Praxis stark an den spezifischen Herstellungs- bzw. Instandhaltungsbedingungen. Einzelfertigungen oder Großereignisse erfordern üblicherweise eine umfassendere und sorgfältigere Prüfung der TOP-Bedingungen als Serienfertigungen oder standardisierte Arbeiten an Bauteilen.

Die Verantwortlichkeit für die Einhaltung der TOP-Voraussetzungen liegt bei den betrieblichen Führungskräften. Für die Überwachung der Einhaltung werden diese üblicherweise unterstützt durch das Qualitätsmanagement. Sofern eine Vergabe von Arbeiten an Unterauftragnehmer geplant ist, müssen die TOP-Voraussetzungen auch vom Auftragnehmer entsprechend dem Umfang der geplanten Arbeiten erfüllt sein.

Eine eindeutige Kategorisierung gerade nach technischen und organisatorischen Voraussetzungen innerhalb der TOP gestaltet sich aufgrund fließender Übergänge nicht immer einfach. Für die betriebliche Praxis ist dies letztlich irrelevant, sofern die Verantwortlichkeiten aller Themenfelder geklärt und den benannten Personen bekannt sind.

Über den Autor

Als Experte für Luftfahrttechnik erläutert Prof. Martin Hinsch in seiner Tutorial-Kolumne "Luftfahrttechnik-Management" auf airliners.de, wie luftfahrttechnische Betriebe aufgebaut sind und wie sie arbeiten.

Prof. Dr. Martin Hinsch Prof. Dr. Martin Hinsch ist Experte für luftfahrttechnisches Qualitäts-, Safety- und Prozessmanagement und lehrt Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Aviation-Management an der IUBH in Hamburg. Zudem ist er als authentifizierter Luftfahrt-Auditor zugelassen. Über seine Unternehmensberatung (aeroimpulse.de) unterstützt er luftfahrttechnische Industriebetriebe in Entwicklung, Herstellung und Instandhaltung. Vor seiner jetzigen Tätigkeit war er rund zehn Jahre bei der Lufthansa Technik AG und als Senior Consultant in Katar beschäftigt.

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