Von Schrotthaufen bis Regierungsflieger Das Flottenerbe der Interflug heute

Auch 20 Jahre nach der politischen Wende und 18 Jahre nach dem Aus für die ostdeutsche Interflug sind noch immer einige Flugzeuge der ehemaligen DDR-Staatsairline außerhalb Europas in der Luft. In Deutschland können 18 Exemplare dagegen nur noch am Boden besichtigt werden.

Interflug-Maschinen 1986 in Berlin-Schönefeld © AirTeamImages.com
Interflug Iljuschin 62 DM-SEA. Diese Maschine stürzte am 14.8. 1972 bei Königs Wusterhausen ab. © Berliner Flughäfen
Interflug Iljuschin 14 als Exponat in C © N.Kaiser
Interflug Iljuschin Il-18 als Hotel und Restaurant in den Niederlanden © AirTeamImages.com
Iljuschin 62 der Interflug © AirTeamImages.com / ATI Collection
Feierliche Begrüßung der ersten Iljuschin 62 DM-SEA 1970 am Flughafen Berlin-Schönefeld. Diese Maschine verünglückte am 14.8. 1972 bei Königs Wusterhausen. © Berliner Flughäfen

Im 20. Jahr nach der Wende und 18 Jahre nach Abwicklung der DDR-Fluggesellschaft Interflug sind noch immer etwa 30 ehemalige Flugzeuge der Airline außerhalb Europas im Einsatz. 19 Maschinen stehen nur noch am Boden, wie frühere Interflugmitarbeiter recherchiert haben.

Drei Maschinen der Typen Iljuschin 62, Iljuschin 18 und Tupolew 134 der Interflug stehen verlassen im Sicherheitsbereich am Airport Leipzig/Halle, für Besucher nicht zu erreichen.

Zumindest die Il-18 hat jetzt eine neue Lackierung erhalten, parkt in der Bemalung der einstigen Lufthansa-Ost, die erst später zur Interflug wurde, - wie zu ihrer Auslieferung 1960 - vor einer Triebwerkstesthalle. Der Flughafen hat sich nach Angaben seines Sprechers Uwe Schuhart kurzfristig für die äußerliche Aufarbeitung entschlossen. Die Kosten dafür will er nicht beziffern.

In alle Welt verstreut

Doch nicht alle Interflug-Maschinen stehen so verlassen wie in Schkeuditz, wissen einstige Mitarbeiter der DDR-Staatsfluggesellschaft. Nach der Abwicklung der Airline wenige Monate nach der Wiedervereinigung hat es die Belegschaft in alle Welt verschlagen. Im Internet allerdings halten Flugkapitän Gerd Ritter und einige Mitstreiter die Erinnerung an die Interflug lebendig.

Dabei versuchen die Luftfahrt-Experten allerlei Missverständnisse, Legenden und Gerüchte um den Nationalcarrier der DDR aufzuklären.

Ritter sitzt jetzt seit fast 15 Jahren in Cockpit bei der EVA Air aus Taiwan, fliegt Boeing 747. Natürlich behalten die Crews im weltweiten Datennetz auch «ihre» ehemaligen DDR-Flugzeuge im Blick. Knapp 30 Passagiermaschinen der Interflug sind noch im Einsatz, hat Thomas Funke recherchiert, der inzwischen beim Flugtraining der Cargolux Airlines International in Luxemburg arbeitet. Zwei Iljuschin Il-62 fliegen noch heute in Russland. Die ehemalige IL-62M mit der Registration DDR-SET gehört zur Flotte der KAPO Avia (RA-86576), während die DDR-SEZ als VIP-Flugzeug für die Regionalverwaltung der Armur-Region im Einsatz steht.

Auch 16 Tupolew Tu-134 fliegen noch in Russland: zwölf bei UTair Aviation und je eine bei RusAir, Sibaviatrans sowie dem Tupolev Design Bureau. Zwei dieser Tupolews wurden früher von der Staatssicherheit betrieben und flogen keine Passagiere für die Interflug, obwohl der Schriftzug der Airline am Rumpf stand. Auch in Kasachstan sind zwei ehemalige Interflug-Tu-134 bei Kazaviaspas zu finden.

Sogar vier Propellermaschinen des Typs Il-18 sind noch in der Luft: je eine Maschine fliegt bei Anikay Airlines (Kirgistan), Mega Airlines (Usbekistan/Somalia), Alada (Angola) und Aero Caribbean (Kuba). Drei Maschinen wurden zu Frachtern umgerüstet.

Wegen strenger Lärmrichtlinien kommen Il-62, Il-18 und Tu-134 nicht mehr planmäßig auf Flughäfen der Europäischen Union zum Einsatz. Auch die Ende Juli in Iran verunglückte Il-62 der DETA gehörte früher zum Bestand der DDR-Airline.

Bundesregierung nutzt Interflug-A310

Die drei Interflug-Airbusse A310-300 werden von der Flugbereitschaft der Bundesregierung betrieben und fliegen als einzige frühere Interflug-Maschinen noch in Deutschland - vor allem ab Köln/Bonn und Berlin-Tegel. Kleinere Interflug-Maschinen der ehemaligen Betriebsteile Fernerkundung, Forschung- und Industrieflug (FIF) sowie Agrarflug (AF) heben noch regelmäßig in Deutschland, Nord- und Südamerika sowie Australien ab.

Als dauerhaft gesichert sehen die Luftfahrtfachleute die vielerorts als Touristenattraktionen präsentierten Flugzeuge nicht. «Alle im Freien abgestellten Museumsflugzeuge sind dem schleichenden Verfall preisgegeben, auch wenn sie äußerlich gut gepflegt erscheinen mögen oder sie gelegentlich einen neuen Anstrich erhalten», sagt Funke. Um das festzustellen, genüge ein Blick in den Fahrwerksschacht oder das Einatmen der meist muffigen Kabinenluft.

Beinahe flugtüchtige Il-14 in Dresden

Der stillgelegte Flughafen Berlin-Tempelhof hätte aufgrund seiner einzigartigen Infrastruktur das mit großem Abstand beste Luftfahrtmuseum der Welt werden können, ist der Fachmann überzeugt und bedauert, dass derartige Pläne nicht umgesetzt werden. In Sachsen ist eine Il-14-Propellermaschinen im erzgebirgischen Cämmerswalde zu sehen. Sie ist in Privatbesitz und gehört zu einer Ausflugsgaststätte.

Der Il-14P-Prototyp steht seit zehn Jahren in Heinsdorfergrund im Vogtland auf dem Gelände eines Autohauses. Zuvor war diese Maschine 30 Jahre lang als Gaststätte «Waldperle» in Langenbernsdorf bei Werdau genutzt worden. Am besten erhalten sein soll eine Il-14 auf dem Gelände der Elbe Flugzeugwerke in Dresden. Nach Einschätzung der Luftfahrtexperten ist das die einzige Il-14 der Interflug, die noch einmal flugfähig gemacht werden könnte.

Auf dem Dach des Oldtimermuseums «Da Capo» in Leipzig können Luftfahrtfans eine Il-18 bewundern. Von Frühjahr 1986 bis Sommer 2001 stand noch eine Tu-134 in Bernsdorf bei Lichtenstein. Diese Maschine konnte von der Gemeinde nicht mehr erhalten werden, sie wechselte in den Luftfahrt- und Technik-Museums-Park nach Merseburg, wo noch mehr Interflug-Maschinen gezeigt werden.

Il-62 mit Standesamt

Eine Il-62 steht nordwestlich von Berlin in Stölln. Am dortigen Gollenberg führte Otto Lilienthal ab 1894 seine Gleitflüge durch, bei denen er sich 1896 lebensgefährlich verletzte und in Berlin verstarb. Im Oktober 1989 wurde die Il-62 auf dem Luftweg nach Stölln überführt und landete auf der extra hergerichteten, jedoch nur 900 Meter langen Sandpiste. Die Maschine beherbergt im Vorderrumpf ein Lilienthal-Museum, während Besucher sich im Heck das Video zur spektakulären Landung anschauen können. Ganz Mutige können sich seit 1991 in der Il-62 sogar das Ja-Wort geben, denn die Iljuschin dient auch als Außenstelle eines Standesamtes.

Nach Recherchen ehemaliger Interflugmitarbeiter sind insgesamt 19 Flugzeuge der DDR-Airline erhalten geblieben, fliegen aber nicht mehr. Sie stehen in Deutschland, eine befindet sich in den Niederlanden. Die drei Interflug-Maschinen in Schkeuditz sind im Besitz des Flughafens Leipzig/Halle und werden teilweise für Übungseinsätze der Flughafenfeuerwehr genutzt. Die Pläne für einen Besucherpark, wo die Maschinen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen, würden nach wie vor verfolgt, sagt Airport-Sprecher Schuhart. Zu konkreten Terminen «können derzeit jedoch noch keine konkreten Angaben gemacht werden».

Ein Großteil der ehemaligen Flotte wurde inzwischen verschrottet oder dämmert auf Schrottplätzen dem Schicksal entgegen. Jeweils drei Flugzeuge der Typen Il-62, Tu-134 und Il-18 sowie zwei Il-14 gingen durch Abstürze verloren. Bei rund 25 Maschinen ist der Verbleib unklar. Dies betrifft in hohem Maße die Il-14 aus den Anfangstagen, die nach ihrer Ausmusterung bei Interflug an junge Staaten wie Ägypten, Syrien und Vietnam als "sozialistische Aufbauhilfe" weitergereicht wurden.

Weitere Informationen:

www.interflug.biz

www.ddr-interflug.de

Interflug-Artikel im airliners.de-Shop

Von: Nils-Eric Schumann (ddp), airliners.de

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