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Christoph Müller, ehemaliger Chef der Malaysia Airlines, wechselt zu Emirates. © Andreas Spaeth

Der gebürtige Wuppertaler Christoph Müller (54) ist ein Spezialist für schwierige Fälle in der Luftverkehrsbranche. Die belgische Sabena konnte er 2001 nicht vor der Pleite bewahren, der Turnaround der vorher maroden irischen Aer Lingus gilt als sein Meisterstück.

Von dort wechselte er im März 2015 nach Kuala Lumpur, um die schwer angeschlagene Malaysia Airlines zu retten. Die scheint inzwischen auf gutem Kurs, doch Müller wird überraschend bereits nach halber Vertragslaufzeit im September seinen Posten aufgeben. Andreas Spaeth traf ihn in Kuala Lumpur.

Herr Müller, warum lieben Sie Schleudersitze?
Christoph Müller: Ich habe bisher nur einmal in einem Schleudersitz gesessen, in einem "Phantom"-Kampfflugzeug, da war ich zwölf.

Aber die Chefsessel jener Airlines, deren Chef Sie waren, wollte doch niemand haben, weil sie als Schleudersitze galten.
Müller: Das weiß ich nicht, aber mir haben diese Jobs alle viel Spaß gemacht und ich habe es nicht bereut. Malaysia Airlines war für mich nicht der schwierigste Job und auch kein Schleudersitz. Hier ein Sanierungsprogramm zu implementieren, ist keine Rocket Science.

Also macht es Ihnen dort Spaß, wo die Luft dünn ist?
Müller: Es gibt auch Rechtsanwälte oder Mediziner, die angeblich hoffnungslose Fälle übernehmen. Ich habe meine Rolle bei solchen Airlines in Schieflage oft mit der eines Notarztes verglichen. Das ist bei mir kein Hasardeurtum. Ich gucke mir das vorher genau an und würde auch nicht alles machen. Alle Fluggesellschaften, die ich übernommen habe, habe ich vorher als sanierbar eingeschätzt.

Wann wird denn Malaysia Airlines in ihrer Bilanz die Früchte Ihrer Arbeit zeigen?
Müller: Für 2018 ist offiziell der Breakeven geplant. In diesem Jahr werden wir noch Verluste schreiben, aber wir liegen deutlich über Plan. Der Breakeven wäre etwas früher zu erreichen - vielleicht, wenn der Ölpreis niedrig bleibt. Aber das ist Spekulation. Im Großen und Ganzen ist das Schiff wieder auf Kurs.

Was hat Sie an Malaysia Airlines gereizt, deren Lage nach den zwei Abstürzen von MH17 und MH370 ja extrem schwierig war?
Müller: Sie hat eine stolze Vergangenheit, galt neben Singapore Airlines als Inbegriff asiatischer Servicekultur. Von den makroökonomischen Bedingungen hier muss man sich schon verrückt anstellen, um mit der Airline kein Geld zu verdienen. Das Land verzeichnet seit 55 Jahren fast ununterbrochen über fünf Prozent Wachstum jährlich. Malaysia Airlines hat viel Pech gehabt, es sind viele halbherzige Sanierungsprojekte abgebrochen worden. Sabena war für mich sicher ein viel schwierigerer Fall, weil der Öffentlichkeit gar nicht bewusst war, wie schlecht es der Firma eigentlich ging.

Was haben Sie hier vorgefunden, als Sie anfingen?
Müller: Trotz aller Ankündigungen der Regierung war damals noch überhaupt keine Sanierung eingeleitet worden, der Krankenwagen ist sozusagen immer nur um das Krankenhaus herumgefahren. Und viele Leute der 20.000 Angestellten hatten schlicht nichts zu tun, ich bin die durch die Hangars gegangen, da haben die Leute geschlafen. Daher musste ich radikal 6000 Jobs abbauen. Das ist vermutlich der radikalste Aderlass jemals in der Branche.

Aber das Hauptproblem hier scheint Vetternwirtschaft zu sein?
Müller: Ja, die Schieflage von Malaysia Airlines ist mindestens zur Hälfte darauf zurückzuführen, dass sie seit jeher alles vom Bleistift bis zum 200-Millionen-Dollar-Flugzeug rund 20 bis 25 Prozent über Marktpreis eingekauft hat. Ob wir da nur schlecht verhandelt haben, will ich jetzt mal offenlassen. Korruption jedenfalls ist auch in Malaysia strafbar. Und wir hatten 20.000 Lieferanten, da erhält man bei keinem Mengenrabatte. Jetzt sind wir bei etwa 4000 Zulieferern, das Ziel sind 2000. Diese Firma wird also vorwiegend auf der Kostenseite saniert.

Bei einfachen Leuten hier sind Sie sehr beliebt, bei höheren Chargen, denen jetzt Millioneneinnahmen durch die Lappen gehen, vermutlich weniger. Wie gehen Sie damit um?
Müller: Das will ich nicht kommentieren. Aber klar ist, dass wir an einem Strang ziehen müssen. Und dass meine Beliebtheit bei einfachen Leuten hier sehr auf Gegenseitigkeit beruht. Die Bevölkerung empfindet eine starke Bindung an ihre nationale Airline, das habe ich noch nie so gesehen, wie hier in Malaysia. Das ist auch der Grund, dass bis heute kein Rebranding stattgefunden hat - von dem ich aber weiter der Ansicht bin, dass es kommen muss.

Aber nicht mehr mit Ihnen, denn Sie sind im September weg. Haben Sie nicht das Gefühl, dass Sie die Leute hier im Stich lassen?
Müller: Da widerspreche ich energisch, denn ich bin selbst sehr, sehr traurig.

Warum gehen Sie überhaupt, was sind Ihre "persönlichen Gründe"?
Müller: Dazu werde ich mich nicht äußern.

Werden wir Sie bald anderswo als Airline-Notarzt sehen?
Müller: Ich bin mit 54 jedenfalls zu jung, um mich zur Ruhe zu setzen. Es wird auf jeden Fall einen neuen Job für mich geben, den habe ich aber noch nicht.

Oder beginnen Sie nun endlich Ihr geplantes Sabbatical.
Müller: Das wäre dann der dritte erfolglose Versuch.

Über den Autor

Regelmäßig veröffentlicht der Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth auf airliners.de Interviews und Kolumnen aus der Reihe "Spaeth fragt".

Andreas SpaethAndreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten. Als Autor zahlreicher Bücher und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen ist er weltweit unterwegs und trifft bei seinen Recherchen auf interessante Persönlichkeiten aus der Branche. Kontakt zu Andreas Spaeth.

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