Schiene, Straße, Luft (38) Cargo schämt sich nicht

Passagierentwicklung bei Zug und Flug, Nachtzug oder elektrisches Fliegen: Auch wenn für eingefleischte Flieger dunkle Wolken am Himmel stehen, hat das neue Jahr positives Potential, meint Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

Eine DCH-2 Beaver bei der Ankunft in Campbell River © Corilair

An den teils negativen Vorzeichen bei der Entwicklung im internationalen Flugverkehr lässt sich wohl eher nicht ablesen, dass die "Flugscham"-Kampagnen aller Art Wirkung gezeigt hätten, denn der Rückgang bei den Passagieren etwa im November entspricht genau dem Rückgang im Frachtverkehr, und – Achtung, Satire! - Cargo schämt sich nicht, wie ein alter Airliner-Spruch lautet.

Wenn man überhaupt schon eine Analyse wagen will, dann diese: Die sinkende Wachstumskurve ist wahrscheinlich der nachlassenden weltweiten Konjunktur sowie Pleiten und Streiks geschuldet, und der Kunde an sich fliegt – wenn er kann - gemäß seinen Bedürfnissen erst einmal weiter, jedenfalls im interkontinentalen Verkehr. Die Entwicklung ist deshalb positiv zu werten, weil sie zeigt, dass die Menschen sich an vernünftigen Maßstäben orientieren und überzogenen Forderungen eben doch die kalte Schulter zeigen.

Gebrüder Wright haben auch nicht mit einem Jumbo angefangen

Aus Umweltgesichtspunkten positiv ist ein batterieelektrisch betriebenes Fluggerät zu melden: Es ist ein 63 Jahre altes Wasserflugzeug des Typs de Havilland Beaver der Harbour Air in British Columbia, das erste erfolgreiche Testflüge absolvierte. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis die Zulassungs- und Regulierungsprozeduren abgeschlossen sind, aber ein Anfang ist gemacht. Und ja: Es sind optimale Voraussetzungen: kurze Flugstecken zwischen Vancouver Island und dem Festland, kleine Flugzeuge, die tief und langsam fliegen. Aber die Gebrüder Wright haben auch nicht mit einem Jumbo angefangen.

Schon bevor die Tickets wegen der Luftverkehrssteuer teurer und die Bahntickets wegen der reduzierten Mehrwertsteuer billiger wurden, meldete die Bahn zumindest für den Weihnachtsverkehr Rekordzahlen: eine Steigerung um 15 Prozent. Das klingt umweltpolitisch gut, hat aber bis auf weiteres volle bis überfüllte Züge zur Folge. Wieweit es mit der Einstellung einiger innerdeutscher Flugverbindungen zusammenhängt, wäre eine nette Examensarbeit im Studienfach Verkehrswissenschaften.

2019 war nicht alles schlecht: Die Deutsche Bahn meldet einen Pünktlichkeitsrekord, wenn auch nur einen lokalen. Man glaubt es kaum, aber ihre Tochter, die Berliner S-Bahn, normalerweise das Sorgenkind des öffentlichen Nahverkehrs in der Hauptstadt, fuhr zu 96,1 Prozent pünktlich. Da die Linien tagsüber im 10-Minutentakt verkehren, fällt es bei der S-Bahn zumindest in Berlin-Mitte ohnehin nicht weiter auf, wenn ein Zug mehr als diese zehn Minuten verspätet ist.

Dann muss nämlich zwischendurch ein Zug ausgefallen sein. Deshalb meldet die S-Bahn auch noch den Erfolg, dass die Zahl der Zugausfälle um 39 Prozent zurückgegangen ist. Eine beachtliche Quote, die noch wirkungsvoller wäre, würde die S-Bahn-Pressestelle die absoluten Zahlen dazu nennen.

Was steht uns 2020 bevor? Neben den sich ändernden Ticketpreisen findet gerade eine interessante Diskussion zum Thema "Nachtzüge" statt, die sich auch auf den innerdeutschen Flugverkehr auswirken könnte, wenngleich die bisherigen Versuche eher halbherzig geblieben sind. Noch vor wenigen Wochen erklärte der Vorstandschef von DB Fernverkehr, Michael Peterson, in Zürich, sein Unternehmen plane nicht, Schlaf- und Liegewagenzüge wieder in eigener Regie einzuführen. Davon hat sie sich 2016 mit dem Argument "Verlustgeschäft" verabschiedet.

© ÖBB, Lesen Sie auch: Wie die Bahn den Nachtzug verschlafen hat Zug statt Flug (5)

Die Österreichischen Bundesbahnen betreiben dagegen teilweise mit Ex-DB-Waggons Nachtzüge in Deutschland und erwirtschaften damit nach eigenen Angaben 2019 ein leichtes Plus. Die Alpenländer profilieren sich derzeit ohnehin mit Wien und Zürich als Drehkreuze des europäischen Bahn-Fernverkehrs. Die DB setzt laut Peterson vielmehr auf schnelle Züge, die aus dem an- und auslaufenden Tagesrandverkehr frühmorgens und spätabends mit wenigen normalen Sitzwagen-Zügen zu Nachtverbindungen kombiniert werden können. Solche Züge gibt es seit einiger Zeit; Werbung macht die Deutsche Bahn dafür allerdings kaum wahrnehmbar, unter anderem wohl, weil das Wagenmaterial uralt ist.

40 Jahre alte plüschige D-Zugwagen locken nicht aus dem Flugzeugsitz

Tatsächlich kann ja sogar für Geschäftsreisende eine Reise mit einer anständigen Nachtverbindung von Berlin nach Zürich durchaus eine Alternative sein, wenn man aus dem Stadtzentrum kommt und im anderen Stadtzentrum morgens einen Termin hat. 40 Jahre alte plüschige D-Zugwagen locken allerdings niemand aus dem Flugzeugsitz. Ob eine eventuelle Nachfrage regelmäßige Züge mit Hunderten von Plätzen rechtfertigt, ist dann wieder eine andere Sache, besonders auch unter Umweltgesichtspunkten. Dies und andere Bahnthemen sollen nun wieder einmal auf einem Bahngipfel besprochen werden.

Über diese betrieblichen Fragen hinaus stehen aber 2020 auch einige wichtige Infrastruktur-Termine ist diesem Jahr an. Was der Deutschen Bahn seit Jahren nicht gelingt, nämlich Nadelöhre an wichtigen Verkehrsknoten aufzuweiten, schaffen die Straßenbauer zumindest an zwei entscheidenden Stellen: an den Autobahndreiecken Potsdam und Nuthetal im Südwesten Berlins endet die jahrelange Bautätigkeit im Sommer 2020, und im Großraum Nürnberg werden von den acht Baustellen im Norden und Osten der Dürerstadt mindestens vier in diesem Jahr fertig - hoffentlich. Beide gehören zu den verkehrsreichsten Autobahnabschnitten außerhalb des Ruhrgebiets.

Und jetzt hätte ich es fast vergessen: Im Herbst soll der BER eröffnen.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de

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