Boeing-Whistleblower: Renton "eine Fabrik im Chaos"

Ein Whistleblower erhebt schwere Vorwürfe gegen den US-Flugzeugbauer Boeing. Dabei ist die Rede vom Ignorieren schwerwiegender Bedenken, mangelnder Qualität und fehlender Sicherheitskultur im 737-Werk Renton.

Boeing 737 Max am Flughafen Renton © AirTeamImages.com / Andrew Hunt

Der US-Luftfahrtriese Boeing gerät in der Krise um seinen nach zwei verheerenden Abstürzen weltweit mit Startverboten belegten Unglücksjet 737 Max immer weiter unter Druck. Ein Whistleblower erhob bei einer Kongressanhörung in Washington am Mittwoch (Ortszeit) schwere Anschuldigungen gegen den Flugzeugbauer.

"Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt und Monate vor dem ersten Absturz schwerwiegende Bedenken über die Fertigungsqualität an ranghohe Boeing-Führungskräfte durchgegeben", erklärte der frühere Boeing-Manager Ed Pierson. Vor dem zweiten Unglück habe er erneut Probleme gemeldet, doch keiner seiner Hinweise habe etwas bewirkt.

Pierson sagte der "New York Times" zufolge, dass im Jahr 2018, als die beiden später abgestürzten Flugzeuge Werk in Renton produziert wurden, in der Montage eine Atmosphäre der Verunsicherung vorherrschte und es vermehrt zu Verzögerungen und Fehlern kam. Der ehemalige Boeing-Manager habe weiter ausgesagt, er halte es für möglich, dass die Produktionsprobleme indirekt zu den Unfällen beigetragen hätten.

Boeing habe allerdings erklärt, es gebe keine Grundlage für diese Behauptung. "Die Andeutung von Herrn Pierson, einen Zusammenhang zwischen seinen Bedenken und den jüngsten Max-Unfällen herzustellen, ist völlig unbegründet", so Boeing-Sprecher Gordon Johndroe in einer Erklärung. Keine der Behörden, die die Unfälle untersuchen, habe festgestellt, dass die Produktionsbedingungen in der Fabrik in irgendeiner Weise zu den Unfällen beigetragen hätten.

© AP/dpa, Ted S. Warren Lesen Sie auch: Boeing steht vor einem schwierigen Jahr 2020

Der Konzern steht im Verdacht, die Unglücksflieger überstürzt auf den Markt gebracht und die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Der Konzern streitet dies ab, hat aber Fehler bei der 737 Max zugegeben. Als eine wesentliche Absturzursache gelten Software-Fehler bei einer Steuerungsautomatik, die Boeing per Update beheben will.

FAA in der Kritik

Bei der Anhörung vor einem Kongressausschuss ging es auch um die Rolle der US-Luftfahrtaufsicht FAA. Sie steht wegen der Zulassung der 737 Max ebenfalls stark in der Kritik. FAA-Chef Steve Dickson verteidigte die Behörde, räumte aber ein, dass das sehr zögerlich verhängte Flugverbot für die 737 Max aus heutiger Sicht zu spät kam.

Am Morgen hatte Dickson Boeings Hoffnungen auf eine rasche Wiederzulassung des Unglücksfliegers gedämpft. "Wir werden bei dem Prozess alle nötigen Schritte befolgen, wie lange auch immer es dauern wird", sagte der FAA-Chef im Sender CNBC. In diesem Jahr werde es sicherlich keine Betriebserlaubnis für die 737 Max mehr geben.

Bei der Anhörung im Kongress drohte der Behördenleiter Boeing zudem mit Konsequenzen. "Ich behalte mir das Recht vor, weitere Maßnahmen zu ergreifen", sagte Dickson. Die FAA kündigte zudem an, dass sie wegen möglicher Produktionsmängel gegen Boeing Ermittlungen betreibe. Bei den beiden Abstürzen waren insgesamt 346 Menschen gestorben.

Von: hr mit Material von dpa

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