Boeing-Chef im Kreuzfeuer der Kritik

Dennis Muilenburg muss zwei Tage lang vor dem US-Kongress aussagen und wird mehrfach zum Rücktritt aufgefordert. Der Boeing-Boss erkennt eine Schuld an den 737-Max-Abstürzen an, außer einem Verzicht auf seinen Bonus will er aber keine persönlichen Konsequenzen ziehen.

Boeing-CEO Dennis Muilenburg (Mitte) und John Hamilton (l), Vizepräsident und Leitender Ingenieur von Boeing, bei einer Anhörung im Handelsausschuss des US-Senats zu den 737-Max-Abstürzen. Im Hintergrund sitzen Angehörige von Opfern der Abstürze des Ethiopian Airlines Fluges 302 und des Lion Air Fluges 610, und halten Fotos ihrer Familienmitglieder hoch. © AP/dpa / Andrew Harnik

US-Abgeordnete und Angehörige der Opfer der beiden Abstürze von Boeing 737 Max haben den Chef des Herstellers, Dennis Muilenburg, bei seinen Anhörungen im US-Kongress schwer kritisiert. Dabei war unter anderem von einer Kultur der Gier, ernsthaften Qualitätsproblemen, Inkompetenz und einem Verfall der Sicherheitskultur die Rede. Muilenburg war an den vergangenen beiden Tagen im Senat und im Transportausschuss des Repräsentantenhauses vorgeladen, um zu Details der Abstürze und des Groundings der 737 Max auszusagen.

Bei den Anhörungen wurden auch neue Hinweise präsentiert, dass Boeing-Mitarbeiter bereits vor den Abstürzen auf "potenziell katastrophale" Probleme mit der Steuerungssoftware aufmerksam gemacht hätten, berichtet die "Seattle Times". Diese Bedenken seien jedoch übergangen und nicht an die zuständigen Behörden kommuniziert worden.

Kurz nach dem ersten Absturz einer 737 Max sei zwar gegenüber der US-amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA auf mögliche Probleme hingewiesen worden. Boeing habe jedoch entschieden, dass Piloten damit umgehen könnten und daher das Muster im regulären Dienst weiterfliegen lassen. Die Max war erst kurz nach dem zweiten Absturz im März 2019 gegroundet worden.

Die Anhörung im US-Kongress verlief laut Medienberichten über viele Stunden aggressiv und der Boeing-Boss wurde mehrfach zum Rücktritt als CEO aufgefordert. "Ich denke, es ist mir, den Familien der Opfer und der amerikanischen Öffentlichkeit ziemlich klar, dass sie zurücktreten sollten", wird beispielsweise der Abgeordnete Jesus Garcia von der Zeitung aus Seattle zitiert.

Auch die Abgeordnete Debbie Mucarsel-Powell sagte zu Muilenburg: "Irgendwann müssen Sie die volle Verantwortung (…) übernehmen. Und ich möchte Sie fragen: Werden Sie als CEO von Boeing zurücktreten?" Der Boeing-Chef wies jedoch sämtliche Rücktrittsforderungen zurück. Vor Kurzem hatte er seinen dritten Titel im Unternehmen als Chef des Verwaltungsrates abgeben müssen.

23 Millionen Dollar Vergütung

Wie "Reuters" berichtet, wurde bei den Anhörungen Kritik daran laut, dass die Krise für Muilenburg kaum Konsequenzen gehabt habe. "Was bedeutet Rechenschaftspflicht – bekommen Sie eine Gehaltskürzung? Arbeiten Sie von nun an ohne Bezahlung, bis das Problem behoben ist?" wird der Abgeordnete Steve Cohen zitiert. Daraufhin habe der Boeing-Chef erwidert, dass er und andere Manager dieses Jahr keinen Bonus bekämen. Nach verschiedenen Medienberichten lag Muilenburgs Vergütung als Boeing-Boss im vergangenen Jahr bei über 23 Millionen US-Dollar, davon gut 13 Millionen Dollar Bonus.

Der Boeing-Chef wurde in der Vergangenheit bereits wiederholt dafür kritisiert, aus dem früher ingenieursgetriebenen Boeing ein finanzgetriebenes Unternehmen gemacht zu haben. Die Ausrichtung an finanziellen Kennzahlen kam auch bei den Anhörungen wieder auf den Tisch: "So wie ich es sehe, könnte sich Ihre unerbittliche Fokussierung auf den Aktienkurs und die Bilanz Ihres Unternehmens negativ auf die Leistung der Mitarbeiter ausgewirkt haben. Würden Sie dem zustimmen?" wurde Muilenburg laut "Seattle Times" vom Abgeordneten Jesus Garcia gefragt. Auch diesen Vorwurf wies Muilenburg zurück. Bei Boeings Geschäftsmodell gehe es um sichere Flugzeuge, so der Manager.

Kein Bauernjunge mehr

Muilenburg gab sich im Zuge seiner Selbstverteidigung aber auch selbstkritisch: "Diese Unfälle sind unter meinem Management passiert. Ich fühle mich dafür verantwortlich." Wiederholt verwies er auf seine Kindheit auf einer Farm, wo er gelernt habe, vor Problemen nicht davon zu laufen, sondern sich ihnen zu stellen.

Aber auch die Verweise auf seine Jugend konnten seine Kritiker nicht besänftigen. "Sie sind nicht länger ein Bauernjunge. Sie sind CEO des größten Flugzeugbauers der Welt. (…) Ich habe keine überzeugenden Konsequenzen gesehen", zitiert die Seattle Times Peter DeFazio in Bezug auf die seiner Meinung nach mangelnde Aufarbeitung im Konzern. Muilenburgs Rückzug als Aufsichtsrat erkennt DeFazio offenbar nicht als ernsthafte Konsequenz an.

Von: hr

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