Boeing läuft bei 737 Max die Zeit davon

Noch ist unklar, wann die Boeing 737 Max wieder starten darf. Software, Trainings und Behörden setzten Boeing dabei weiter unter Druck. Unterdessen planen erste Airlines für einen längeren Ausfall.

Die zwei AOA-Sensoren der Boeing 737 Max Boeing

Erfreuliche Nachrichten für Flugzeughersteller Boeing kamen Anfang der Woche aus den USA. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur "Reuters" geht die US-amerikanische Luftfahrtbehörde FAA davon aus, dass das Grounding der Boeing 737 Max bereits Ende Juni aufgehoben werden könnte. Das sollen FAA-Vertreter jedenfalls gegenüber Mitgliedern der UN-Luftfahrbehörde Icao im privaten Kreis geäußert haben, so die Nachrichtenagentur.

Allerdings scheint der Prozess zur Wiederzulassung in den USA noch gar nicht richtig in Gang gekommen zu sein. Grundlage einer neuerlichen Zulassung der 737 Max ist ein Update der Trim-Software MCAS. Dieses ist zwar laut Boeing bereits fertig. Allerdings lag es bis Ende der vergangenen Woche der FAA noch nicht zur Abnahme vor, wie Behördenchef Daniel Elwell am Rande einer internationalen Behördenkonferenz zum Thema mitteilte. Eine erste Version soll der Hersteller zuvor sogar zurückgezogen haben.

Ein von airliners.de befragter Zertifizierungsexpete hält die kolportierte Zeitplanung für die Neuzulassung der 737 Max auch vor diesem Hintergrund für "etwas sehr sportlich". Es lasse sich generell schwer einschätzen, wie viel Kapazität die Zertifizierungsbehörden in das Projekt investieren könnten. Hinzu kommt: Die Luftfahrtbehörden etwa in China, Kanada und auch in Europa hatten angekündigt, die Maschine nach der Freigabe durch die FAA nochmals selbst einer umfangreichen Nachzertifizierung zu unterziehen.

Ähnlich beurteilt auch der Weltluftfahrtverbands Iata die Lage. Gegenüber Journalisten sagte Iata-Chef Alexandre de Juniac am Mittwoch, dass er glaube, die Boeing 737 Max werde "frühestens" in zehn bis zwölf Wochen – also eher Anfang August - wieder abheben. Derzeit bereite man ein Krisentreffen vor, um die Lage aus Sicht der Airlines zu beurteilen. "Aber es liegt nicht in unseren Händen. Es ist Sache der Aufseher", so Juniac weiter.

Easa will eigenes Design-Review

Auf Anfrage von airliners.de sagte die europäische Zulassungsbehörde Easa, dass sie derzeit daran arbeite, die Max "so schnell wie möglich" wieder für den regulären Betrieb freizugeben. Zuvor müsse die Sicherheit jedoch "komplett sichergestellt" sein. Bevor die Max in Europa wieder fliegen darf, werde man einen unabhängiges Design-Review durchführen. Einen konkreten Zeitplan nannte die Behörde auch auf Nachfrage nicht.

Laut Beobachtern sitzt die weltweite Verunsicherung bei den Behörden tief. Nach den zwei Abstürzen der nagelneuen Maschinen war auch der Zertifizierungsprozess der US-Behörde FAA in die Kritik geraten. Weite Teile der Zulassung hatte die Behörde dem Hersteller selbst überlassen. Eine einfache und zeitsparende Übernahme der FAA-Neuzertifizierung erscheint schon alleine aus diesem Grund auch politisch nicht möglich.

Mögliche neue Trainingsvorgaben bedrohen Zeitplan

Zu einem weiteren Problem könnten sich auch mögliche neue Trainingsvorgaben für die Max-Cockpit-Crews entwickeln. So ist bislang vorgesehen, dass 737-Max-Piloten auf den zahlreich vorhandenen Simulatoren für die "Next Generation" (NG) genannten Vorgänger-Baureihen trainieren können. Zur Umschulung auf die Max reichte bisher ein Theorie-Training am Computer. Nach Abschluss konnten Piloten direkt auf kommerziellen Flügen mit der Max eingesetzt werden.

Sollte bei der Neuzertifizierung das Computertraining nicht genügen, müsste das Piloten-Training künftig auf speziellen 737-Max-Simulatoren durchgeführten werden. Experten erwarten dadurch weitere Verzögerungen, da es weltweit nur eine Handvoll dieser speziellen Simulatoren gibt.

© Air Team Images, TT Lesen Sie auch: Simulatorengpässe bedrohen schnelle 737-Max-Wiederinbetriebnahme

Fluggesellschaften sorgen für längeres Grounding vor

Dabei fehlt die Boeing 737 Max schon jetzt in den Flugplänen vieler Betreiber. Das hat auch Auswirkungen auf den Flugbetrieb in Deutschland. In der aktuellen Sommerflugplanperiode planten neben den deutschen Fluggesellschaften Tuifly und Sun Express auch Norwegian, Icelandaair und die polnische LOT regelmäßige Max-Flüge im Deutschland-Geschäft.

Tui ersetzt die geplanten Boeing-737-Max-Kapazitäten durch eine längere Nutzung von Maschinen, die eigentlich durch die Einflottung von Boeing 737 Max ersetzt werden sollten. In Deutschland betreibt Tuifly zudem einen Airbus A320 und einen Airbus A321 der Just Us Air im Wet-Lease. Damit sei man auf alle Szenarien vorbereitet, so ein Tuifly-Sprecher zu airliners.de. Tuifly sollte eigentlich im April als erste deutsche Airline eine Max in Empfang nehmen. Tui gehört mit 23 ausgelieferten Maschinen zu den größten 737-Max-Betreibern in Europa.

© Tui Group, Lesen Sie auch: Tui muss 737-Max-Kapazitäten im Sommer teuer hinzuleasen

Auch Sun Express teilte mit, dass man "in einem proaktiven Dialog mit Boeing, der FAA, EASA, der türkischen DGCA und weiteren Behörden stehe", um aus erster Hand zu erfahren, wann dem Modell die Lufttüchtigkeit wieder attestiert werden wird."

Um die fehlenden Kapazitäten der nicht ausgelieferten ersten 737 Max bei der deutschen Tochter auszugleichen, hat der Ferienflieger für den Sommer eine zusätzliche 737-800 im Dry-Base-Leasing sowie zwei weitere Maschinen im Wetlease beschafft. Zudem fliegen zum Teil sogar A340-Jets in die Türkei. Sun Express Türkei plante den Sommer mit fünf fabrikneuen 737 Max 8. Die fehlenden Kapazitäten gleicht der Ferienflieger mit vier zusätzliche 737-800 im Drylease und zwei weitere Jets im Wetlease aus.

© Sun Express, Lesen Sie auch: Sun Express plant gesamten Sommer ohne 737 Max

Icelandair plant aktuell mit einem Grounding der 737 Max bis Mitte September. Bis dahin hat die Airline ihren Flugplan ausgedünnt. Eine Sprecherin teilte auf Anfrage mit, dass man nicht davon ausgehe, dass die Max länger am Boden bleiben müsse. Die finanziellen Auswirkungen seien derzeit noch ungewiss, da die Höhe der Entschädigung durch Boeing noch geprüft werde, so die Sprecherin weiter. Durch den zeitgleichen Wegfall der Wow-Air gibt es im Island-Verkehr ohnehin Engpässe.

Icelandair least Großraumflugzeuge

Die fehlenden Kapazitäten nach Deutschland ersetzen die Isländer nun unter anderem durch drei zugeleaste Boeing 767-300. Dadurch würde die Airline trotz Ausfall der 737 Max insgesamt zehn Prozent mehr Plätze anbieten können als ursprünglich für den Sommer geplant.

Aber selbst nach einer Aufhebung des Flugverbots können Max-Betreiber ihre Flugzeuge nicht sofort wieder abheben lassen. Denn die stehenden Flugzeuge müssen neben den für die Neuzertifizierung notwendigen Updates auch ganz grundsätzlich wieder flott gemacht werden. Rund 150 Arbeitsstunden sind dazu pro Maschine notwendig, berichtet Reuters. So müssten Flüssigkeit getauscht werden, Motorenchecks und weitere Vorbereitungen durchgeführt werden.

Von: dh, br

Lesen Sie jetzt
Themen
Boeing Boeing 737 MAX Rahmenbedingungen Industrie Fluggesellschaften EASA FAA