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Die Herstellung von Teilen für die Luftfahrtindustrie benötigt Spezialwissen. © Krüger Aviation / Sonja Brüggemann

Nach coronabedingten Stellenstreichungen bereits in diesem Jahr steht die norddeutsche Luft- und Raumfahrtindustrie laut einer Umfrage unter Betriebsräten auch 2021 vor einem deutlichen Jobabbau. Nach der am Freitag vorgestellten Befragung im Auftrag der IG Metall erwarten 70 Prozent der Arbeitnehmervertreter im Norden bis Ende nächsten Jahres einen Rückgang an Beschäftigung.

Bundesweit seien in den beteiligten Unternehmen etwa 10.000 Arbeitsplätze gefährdet, davon rund 6300 in Norddeutschland. Die Agentur für Struktur- und Personalentwicklung (AgS) befragte nach Angaben der IG Metall 68 Betriebe mit 79.200 Beschäftigten, davon 24 Betriebe mit rund 31 600 Beschäftigten in Norddeutschland. Es ist die neunte Befragung.

Zulieferindustrie mit Sorgen

"Die Corona-Krise schlägt im Passagierflugzeugbau voll durch", sagte der Bezirksleiter der IG Metall Küste, Daniel Friedrich. Große Sorge bereite dabei die gerade im Norden kleinteilige Zulieferindustrie. "Es muss uns gelingen - und da ist Airbus genauso in der Verpflichtung wie die Politik - ein Netz zu spannen, dass die Zuliefererindustrie durch diese Krise kommt." Gleichzeitig werde es die IG Metall nicht hinnehmen, dass Corona als Vorwand für strukturelle Veränderungen genutzt werde. Mit Blick auf Airbus Bremen sagte Friedrich: "Wir erwarten, dass die Fertigung der Flügel dort im Werk bleibt."

Der Umfrage zufolge ist die Zahl der Stammbeschäftigten bundesweit im Vergleich zu 2019 um gut vier Prozent gesunken. Betroffen waren vor allem Betriebe in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Brandenburg, aber auch in Hamburg seien bereits knapp zehn Prozent der Jobs weg.

Entsprechend düster blicken die Betriebsräte ins nächste Jahr. So werden nach ihren Prognosen Ende 2021 im Vergleich zu 2019 bundesweit gut 12 Prozent der Stammarbeitsplätze verloren sein. In Norden seien es sogar fast 25 Prozent. "So schlechte Perspektiven haben uns die Kolleginnen und Kollegen Betriebsräte noch nie in den letzten neun Jahren mitgeteilt", sagte AgS-Forschungsleiter Thorsten Ludwig.

Aber nicht nur bei der Stammbelegschaft, auch bei den Leiharbeitern sei ein drastischer Arbeitsplatzabbau zu verzeichnen. "Wir liegen jetzt in Norddeutschland nur noch bei einer Leiharbeitsquote von 4,4 Prozent. Das war noch vor einem Jahr 10,6 Prozent", sagte Ludwig. Sie hätten in der Corona-Krise als erste ihre Jobs verloren. Besonders betroffen sei dabei die Produktion. Ähnlich sehe es bei den Werkverträgen aus. Dort sei die Quote von 26,9 Prozent im Jahr 2019 auf fünf Prozent in diesem Jahr gefallen.

"Die Auftrags- und Auslastungsentwicklung in der Luft- und Raumfahrtindustrie wird ebenfalls sehr, sehr pessimistisch gesehen", sagte Ludwig. Obwohl die Lage bereits jetzt so schlecht wie noch nie sei, gehen 36,4 Prozent der Betriebsräte davon aus, dass es in der norddeutschen Luft- und Raumfahrtindustrie noch weiter bergab geht. Mehr als ein Viertel glaubt, dass sich die Lage bis Ende kommenden Jahre nicht verändert. Nur 18,2 Prozent sehen eine Verbesserung. "So schlimm waren die Perspektiven noch nie", sagte Ludwig.

90 Prozent in Kurzarbeit

Die Betriebe haben nach Angaben der Arbeitnehmervertreter zur Bewältigung der Corona-Krise ausgiebig vom Instrument der Kurzarbeit Gebrauch gemacht. So seien im Norden allein in Niedersachsen 90 Prozent aller Beschäftigten der Branche betroffen gewesen. Das sei der zweithöchste Wert nach Rheinland-Pfalz, wo alle Mitarbeiter mindestens einmal in Kurzarbeit gewesen seien. In Schleswig-Holstein und Hamburg seien es nur 37 Prozent der Beschäftigten gewesen.

Mit Sorge betrachtet die IG Metall das Thema Ausbildung in der Branche. Der Umfrage zufolge denkt bundesweit mehr als ein Viertel der Betriebe (28,6 Prozent) über eine Verringerung der Ausbildungsplätze nach. In Norddeutschland seien es sogar 41,2 Prozent der Betriebe. Und da seien alle großen Betriebe dabei, warnte Ludwig. Und Bezirksleiter Friedrich betonte: "Bei allem Verständnis für die wirtschaftliche schwierige Lage ist das ein falsches Signal."