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Beschilderung, Technik, Herdentrieb - was den Probebetrieb am BER ausmacht

In rund zwei Wochen werden am BER die ersten echten Passagiere einchecken. Doch schon seit Monaten haben sich jeden Dienstag und Donnerstag Testpassagiere probeweise auf die Reise begeben. Der jetzt auslaufende Probebetrieb ist aber nur ein Teil des Orat-Prozesses.

Testpassagiere schauen während des Probebetriebs auf dem zukünftigen Flughafen Berlin-Brandenburg auf eine Anzeigetafel © FBB

Berlins Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Datum festgelegt: "Wir eröffnen am 31. Oktober", sagte der Flughafenchef, machte kurz Pause, lächelte und fuhr fort: "2020". Nach neun Jahren Verspätung und sechs geplatzten Terminen könnte der siebte tatsächlich der glorreiche werden.

Wobei von Gloria niemand mehr reden möchte. "Wir werden einfach aufmachen", sagt Lütke Daldrup, ohne Party. Denn das Baudrama am Rand der deutschen Hauptstadt habe das Land zur Lachnummer gemacht. "Wir deutschen Ingenieure haben uns geschämt."

Das soll nun Vergangenheit sein. Am 31. Oktober gegen 14 Uhr landen in Schönefeld zwei Maschinen von Lufthansa und Easyjet. Ihre Passagiere betreten als erste das neue Terminal durch die Gates, erkunden die Gänge, die in feines Nussbaumfurnier gekleidet sind.

Allerdings waren diese ersten Passagiere nicht wirklich die ersten Passagiere. Seit Juni haben insgesamt 9000 freiwillige Test-Passagiere immer dienstags und donnerstags alle Abläufe im neuen Terminal geprobt - von der Ankunft über den Check-In bis zum Gate und zurück. Rund zwei Wochen vor der geplanten Eröffnung endet an diesem Donnerstag der Probebetrieb am neuen Hauptstadtflughafen BER.

Orat ist mehr als Probebetrieb

Die Eröffnung eines neuen Verkehrsflughafens ist eine umfassende logistische und operative Herausforderung, für die sich international der Begriff "Operational Readiness and Airport Transfer" (Orat) etabliert hat. Auch Mitarbeiter der Betreibergesellschaft und weiterer Unternehmen am Flughafen machten beim Probebetrieb mit, um die Abläufe kennenzulernen, Beschilderungen zu verifizieren, sowie die Technik und alle Anlagen zu prüfen.

Schon lange bevor die Passagier-Darsteller erstmals einen Fuß in ein BER-Terminal gesetzt haben, hatte ein großer Teil der künftigen BER-Mannschaft alle Abläufe hinter den Kulissen geübt. Bereits rund zwei Jahre vor einer geplanten Flughafeneröffnung waren zudem die Planung des Orat-Programms gestartet.

Ein Team von Experten aus allen relevanten Flughafen- und Flugbetriebsbereichen entwickelte dazu einen Masterplan für die Inbetriebnahme sowie Konzepte für die operativen Prozesse. Dies erfolgt im Austausch mit den zuständigen Aufsichtsbehörden, um die rechtzeitige Zertifizierung aller für den Betrieb relevanten Bereiche sicherzustellen.

Die Gestaltung dieses Eingewöhnungs- und Ausprobierprozesses (Familiarization & Trial) für die direkten Mitarbeiter eines Flughafens, aber auch die vielen, die bei Subunternehmen, Behörden oder kommerziellen Mietern im Terminal beschäftigt sind, wird von Experten als besonders wichtig erachtet.

Probebetrieb ist keine Voraussetzung zur Eröffnung

Direkt vor der eigentlichen Eröffnung eines Flughafens steht der Probebetrieb. Das komplexe Zusammenspiel aus verkehrlicher Effizienz, Sicherheitsaspekten und möglichst hoher Aufenthaltsqualität der Passagiere, wird bei neuen Terminals oder ganzen Flughäfen in der Regel durchgeführt. Und zwar mehrmals, von möglichst vielen künftigen Mitarbeitern und den komplett ahnungslosen Komparsen, die als Passagiere auftreten. Dabei ist der Probebetrieb für die Eröffnung eines neuen Terminals gar nicht vorgeschrieben. Pflicht war am BER nur eine Evakuierungsübung für den Bahnhof, der unter dem Terminal liegt. Sie ging bereits im April über die Bühne.

Den Flughafen BER sollten eigentlich rund 20.000 Freiwillige vor Eröffnung testen. Nach Ausbruch der Corona-Pandemie erhielten sie alle eine Absage und mussten sich neu bewerben. Weniger Teilnehmer sollten das Abstand halten ermöglichen.

Nur an einem Tag im Juli wurde der Probebetrieb am BER laut Betreibergesellschaft abgebrochen. Ein Brandmelder hatte Alarm ausgelöst. Ansonsten wurde häufig absichtlich Sand ins Getriebe gestreut. Denn es soll auch getestet werden, dass mal etwas nicht reibungslos läuft. So müssen etliche Passagiere Zusatzaufgaben erledigen, die im Flughafenalltag vorkommen, aber nicht Standard sind.

Wo bekomme ich meinen Tax-Refund? Wie checke ich ein Fahrrad ein? Andere Komparsen bekommen derweil Testkoffer, in denen verbotene oder auslaufende Gegenstände verpackt sind, wieder andere sollen mit Haustieren einchecken, die Seelsorge finden oder ohne Pass an der Passkontrolle auftauchen.

Orat ist mit der Eröffnung noch nicht vorbei

Die Verantwortlichen wollen kommende Woche eine Bilanz des Probebetriebs ziehen. Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat jedoch schon deutlich gemacht, dass die Testläufe keine schwerwiegenden Mängel zu Tage gefördert haben.

"Es wird sicherlich nicht alles hundertprozentig funktionieren", sagte Flughafenchef Lütke Daldrup nach einer Aufsichtsratssitzung am Freitag. Große Schwierigkeiten werde es aber nicht geben. "Die wesentlichen Prozesse sind solide vorbereitet." Die Erfolgsquote beim Probebetrieb habe bis dahin bei gut 82 Prozent gelegen. 80 Prozent sei das Ziel gewesen.

Schon früh zeigte sich etwa, dass die Beschilderung im Terminal noch verbessert werden konnte. Schließlich sollen die Passagiere ohne Umwege zum Flugzeug kommen. Das sei bei einem neuen Flughafen wie dem BER besonders wichtig, denn selbst Vielflieger kennen sich hier noch nicht aus. In der Folge haben besonders unsichere Passagiere in den ersten Wochen und Monaten niemanden, dem sie im Zweifel einfach hinterherlaufen können. Auch der Herdentrieb muss beim Orat bedacht werden.

© dpa, Bernd Settnik Lesen Sie auch: Orat - das komplexe Programm rund um eine Flughafeneröffnung

Ist der neue Flughafen dann eröffnet und vollständig in Betrieb, endet die Arbeit für das Orat-Teams noch nicht. In einer Evaluations- und Review-Phase gilt es, die Prozesse zu optimieren und falsche Abläufe möglichst früh zu eliminieren. Das Potenzial dafür ist der Erfahrung nach stets groß, denn wo derart viele Menschen arbeiten und durchgeschleust werden wie auf einem großen Verkehrsflughafen, ergeben sich fast zwangsläufig unvorhergesehene Probleme und Verbesserungsmöglichkeiten. Diese zu identifizieren und anzugehen ist Grundkonstante während des gesamten Orat-Programms.

Von: dh, dk mir dpa

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