Interview "Berlin wird langfristig ein großer Markt für Easyjet"

Easyjet ist die größte Airline in Berlin. Im Interview spricht Country Manager Stephan Erler über die Erwartungen an den BER und warum Easyjet den Standort Berlin weiterhin als Investition in die Zukunft sieht.

Maschine der Easyjet auf der Nordbahn in Berlin-Schönefeld. © FBB / Günter Wicker

Berlin ist der größte Easyjet-Standort in Kontinentaleuropa. An den Flughäfen Tegel und Schönefeld begrüßte die Airline im vergangen Jahr insgesamt über zwölf Millionen Passagiere. Nun will Easyjet in der deutschen Hauptstadt ihre erste Wartungsstation außerhalb Großbritanniens aufbauen. Im Interview mit airliners.de spricht Country-Manager Stephan Erler über die Erwartungen von Easyjet an den BER, die Möglichkeiten des "Selfhubbings" und warum Easyjet das Berlin-Engagement weiterhin als Investition in die Zukunft sieht.

airliners.de: Easyjet ist die größte Airline in Berlin und auch an noch sechs weiteren Airports in Deutschland vertreten. Was planen Sie für 2020?
Stephan Erler: Wir möchten unsere Position als größter Carrier in der Metropolregion Berlin-Brandenburg weiter ausbauen und sind dabei voll auf die Eröffnung des BER am 31. Oktober ausgerichtet, um auch mit der Inbetriebnahme des neuen Flughafens diese Rolle weiter zu festigen. Dafür wollen wir unseren Geschäfts- als auch Urlaubsreisenden weiter ein attraktives Angebot an Strecken zur Verfügung stellen.

Das klingt nach großen Plänen. Wird es zur BER-Eröffnung neue Easyjet-Strecken geben?
Wir evaluieren unser Streckennetz im Prinzip täglich. Wir sind derzeit noch in Verhandlungen über bestimmte Start- und Landerechte an Zielgebieten für diesen Sommer. Wir werden uns aber auch für den kommenden Winter noch einige Zielgebiete genauer anschauen. Natürlich auch im Hinblick auf den BER. Aber neue Verbindungen sind nicht das einzige Bekenntnis zu einem Standort. Wir haben kürzlich bekannt gegeben einen eigenen Wartungsbetrieb aufzubauen. Damit wollen wir Menschen mit technischen Spezifikationen die Möglichkeit geben, sich bei uns zu bewerben.

Der Interviewpartner

Stephan Erler ist seit dem 1. März erster Country Manager von Easyjet in Deutschland. Erler arbeitete bereits von 2010 bis 2012 für Easyjet und verantwortete damals das deutsche Routenportfolio. Zwischenzeitlich war er unter anderem für Air New Zealand tätig.

Denken Sie dabei auch an ehemalige Condor- oder Lufthansa-Technik-Mitarbeiter? Schließlich hatte Condor im vorletzten und letzten Jahr den Wartungsstandort geschlossen und auch Lufthansa Technik wird Stellen abbauen.
Wir eröffnen diese Jobs für jeden, der sich bewerben möchte. Dabei haben wir keinen Grenzen gesetzt, von welchen Unternehmen die Bewerber kommen. Für uns zählen einzig die Spezifikationen und Qualifikationen der Bewerber, also das Verständnis darüber, wie unsere Airbus-Flotte in der täglichen Line-Maintenance gewartet werden muss.

Seit einiger Zeit ist raus, wo welche Airline am BER zu finden sein wird. Sind Sie mit der Allokation von Easyjet im Südpier zufrieden?
Wir werden als größter Carrier am Platz sicherlich nicht nur im Süd-, sondern auch am Mainpier vertreten sein. Auch weil wir sehr viel Non-Schengen-Verkehr fliegen. Es war uns wichtig, im zentralen Hauptterminal vertreten zu sein, da wir nicht nur mit Point-to-Point-Verkehr am Flughafen vertreten seien werden, sondern mittlerweile unsere Passagiere auch vermehrt unser Umsteige-Netzwerk nutzen. Darüber hinaus ist es sicherlich für die Größe einer Easyjet wichtig, auch den Kunden einen reibungslosen Ablauf von der Ankunft bis zum Gate zu liefern. In der Hinsicht sind wir mit der Allokation zufrieden.

Wie liefen denn diesbezüglich die Gespräche mit dem Flughafen. Mussten Sie sich bewerben, oder wurden Ihnen der Standort angeboten? Teils soll der Unmut einiger Airlines über ihren künftigen Standort ja sehr groß gewesen sein.
Es gab diesbezüglich verschiedenste Gespräche, aber letztendlich liegt die Hoheit der Allokation der Airlines stets beim Flughafen. Wir konnten unseren Input zu Themen geben, aber die Allokation erfolgte dann über die Flughafengesellschaft.

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Werden Sie das Südpier branden?
Wir werden versuchen, dem Kunden ein größtmögliches Gefühl von Easyjet zu geben. Dies wird sich nicht nur durch Branding an sich ergeben. Allerdings befinden wir uns noch in Gesprächen, daher kann ich diesbezüglich noch keine konkrete Antwort geben.

Werden Sie am BER-Südpier künftig über die zahlreichen Fluggastbrücken boarden, oder bleibt es beim Walk-Boarding?
Easyjet wird am BER verschiedenste Bereiche nutzen. Es wird sicherlich die traditionellen Walk-in und Walk-out-Boardings geben. Gleichzeitig werden wir auch die Finger nutzen und sicherlich wird es auch die Notwendigkeit für Bus-Boardings geben. Zusammengefasst werden wir alle drei Möglichkeiten nutzen. Das machen wir mittlerweile an vielen Flughäfen Europas. In Deutschland beispielsweise in Hamburg, Düsseldorf und auch in München. Dennoch hat es Effizienzgründe, warum wir das Boarding mit zwei Türen stets favorisieren.

Ist es nicht auch eine Gebührenfrage?
Nein, die meisten Flughäfen, die wir anfliegen, unterscheiden in aller Regel nicht zwischen Walk- oder dem traditionellen Finger-Boarding.

Nach Aussage von Berlins Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup liegt die Zukunft des BER im sogenannten "Selfhubbing". Was heißt das für Easyjet als größten Carrier der Hauptstadt?
Das bedeutet für uns, dass wir unser heutiges Angebot in Tegel und Schönefeld am BER noch weiter entsprechend der Kundenbedürfnisse anpassen können. Das betrifft einerseits unser Umsteigeprogramm "Worldwide by Easyjet" , bei dem wir bereits eine starke Nachfrage auf Nord-Süd und Ost-West-Verbindungen in unserem eigenen Netzwerk und den Verbindungen mit mehr als 15 bestehenden Partnerairlines sehen, als auch das sogenannte Self-Connecting auf zwei separat gebuchten Tickets. Insofern begrüßen wir, wenn der Flughafen diese veränderten Kundenbedürfnisse mit der entsprechenden Infrastruktur unterstützt.
Gleichzeitig wollen wir mit dem Ausbau der Langstrecken ab Berlin auch neue Partner-Airlines für "Worldwide by Easyjet" finden, um ein größeres Angebot bieten zu können, damit zum Beispiel Passagiere aus Köln über Berlin auf die Langstrecke nach Asien umsteigen könnten.

Gibt es neue Partner für Easyjet-Worldwide ab Berlin?
Natürlich werden wir schauen, welche Airlines sich vielleicht mit der Eröffnung des BER neu ansiedeln werden und ob daraus gegebenenfalls gute Partnerschaften, analog zu unserem größten Standort in London-Gatwick, entstehen können.

Da Sie gerade Gatwick angesprochen haben. In Gatwick bietet der Airport mit "Gatwick-Connect" ein eigenes Programm für "Selfhubbing"-Passagiere an. Würden Sie sich so etwas für den BER auch wünschen?
So etwas ist sicherlich vorrangig interessant für die Flughäfen. Umsteiger haben in der Regel eine höhere Verweildauer an den Flughäfen und konsumieren damit mehr. Deshalb hat Gatwick ein eigenes Produkt entwickelt. Das war aber damals eher ein Entwicklungsschritt von London-Gatwick als von Easyjet. Dasselbe könnten wir uns auch für Berlin vorstellen.

Kommen wir zu aktuellen Zahlen am Standort Berlin. Easyjet hat im abgelaufenen Geschäftsjahr mehr als zwölf Million Passagiere von und nach Berlin befördert.
Ja, die Zahlen stimmen. Easyjet ist nun dank des kräftigen Wachstum der letzten Jahre der größte Carrier in Berlin. Wir hatten aber auch netzwerkweit ein kontinuierliches Wachstum. Aktuell findet jedoch eine Marktkonsolidierung statt, die beobachten wir ganz genau beobachten. Je nachdem wie dieser sich entwickelt, werden wir dann in der einen oder anderen Art und Weise darauf reagieren.

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Planen Sie eine weitere Aufstockung der Kapazitäten insgesamt? Die Lufthansa-Gruppe speziell Eurowings baut nach und nach Kapazitäten ab, ähnlich wie auch Ryanair.
Auf das gesamte Netzwerk gesehen war unser Kapazitätswachstum in den vergangenen Jahren aufgrund der Marktentwicklungen, wie beispielsweise die Air-Berlin-Insolvenz, außergewöhnlich hoch und dieses Jahr sind wir wieder auf unsere langfristige durchschnittliche Wachstumsrate zurückgekehrt. Wir glauben, dass wir mit der richtigen Rate wachsen. In Berlin und Deutschland sehen wir, dass der Markt wieder auf ein Vor-Air-Berlin-Insolvenzniveau zurückgeht und auch wir konnten unseren Berlin-Betrieb nach dem schnellen Aufbau stabilisieren. Rund 75 Prozent unserer Flugplan-Optimierung ist abgeschlossen und nun muss für die Hochsaison noch der Mix aus innerdeutschen und Strand-Destinationen optimiert werden und natürlich der Flugbetrieb für den BER effizient zusammengebracht werden.

Easyjet-Chef Lundgren hatte im letzten Jahr das Easyjet-Geschäftes in Berlin als äußerst verlustreich beschrieben. Ist das Berlin-Geschäft mittlerweile profitabel?
Wir mussten nach dem schnellen Ausbau unseres Berlin-Betriebes im Jahr 2017/18 natürlich erstmals schauen, dass wir unser Produkt an den Start bekommen. Danach hatten wir noch verschiedene Anlaufthemen, wie Ticketverkäufe und Streckenoptimierungen. Das vergangene Jahr, war dann das erste komplette von Easyjet abgestimmte Jahr in Berlin mit den zwei Basen in Schönefeld und Tegel. Wir sehen eine klare eine positive Entwicklung in Berlin. Auch die angesprochenen Marktkonsolidierung trägt dazu bei, dass wir in Berlin unseren Umsatz erhöhen können und das bei profitablen Preisen.

Aber noch ist es verlustreich?
Tegel ist jetzt komplett in unsere Bilanzen integriert und wir weisen für keine Basis die Entwicklungen separat aus. Generell sind wir jedoch der Meinung, dass Berlin, ähnlich wie beispielsweise große Investitionen von uns in Amsterdam in der Vergangenheit, auf dem richtigen Weg ist und wir erwarten, dass es langfristig ein großer Markt für uns sein wird, insbesondere aufgrund der Attraktivität des Standortes für Geschäftsreisende.

Herr Erler, vielen Dank für das Gespräch.

Von: br

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