Schiene, Straße, Luft (36) BER und Tesla - Das Rennen ist eröffnet

Es wird spannend. Auf den letzten Metern hat der legendäre Hauptstadtflughafen BER eine Konkurrenz im Wettlauf um die Bau-Fertigstellung bekommen. Wetten, wer zuerst fertig wird?, fragt Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

Zufahrt zum BER. © Flughafen Berlin Brandenburg GmbH / Günter Wicker

Kurz nachdem am Dienstagabend bekannt wurde, dass Elon Musk eine Auto- und Batteriefabrik südöstlich von Berlin bauen will, wurde die Alarmkette der berlin-brandenburgischen Aktivisten planmäßig in Gang gesetzt. Hatten sie gerade noch über einen Flashmob gegen die Diskriminierung arabischer Clans in Neukölln diskutiert, wurde nun für Mitternacht über die sozialen Medien zu einem Meeting eingeladen. Einziger Tagesordnungspunkt: Wir bremsen Tesla aus!

Nach einer halben Stunde war das erste Aktionskonzept entworfen. Umgehend begannen mehrere Gruppen, die Maßnahmen zur Rettung des Müggelspree-Löcknitzer Wald- und Seengebiets, der letzten erhaltenen Kulturlandschaft in Brandenburg (außer Potsdam-Mitte) umzusetzen. Genossinnen, die für ihre akribischen Recherchen bekannt waren, begannen, sich über die Akten zum Bau des Großflughafens Berlin-Brandenburg zu beugen, um nach Best-Practice-Maßnahmen zu suchen. Drei Aktivisten fuhren nach Grünheide, um mit Taschenlampen und nachtaufnahmefähigen Handys bedrohte Tierarten von Feldrabunke bis Sumpfhamster lichtbildnerisch zu dokumentieren. Eine Liste möglicher Arten fand sich schnell im Internet. Sollte es wider Erwarten dort keine bedrohte Art geben, wird das Team sich in der weiteren Umgebung danach umsehen und einige Exemplare heimlich umsiedeln. Ein des Polnischen mächtiger Genosse ließ die Telefondrähte glühen: Er bat die Freunde im Osten, doch bitte ein Rudel Wölfe über die Grenze zu scheuchen, auf dass es zwischen Wald und See eine neue Heimat fände.

Gleichgesinnte in Nevada (da half der Zeitunterschied) und China boten an, Boden-, Wasser- und Luftproben zu liefern, jeweils aus der Zeit vor und nach dem Bau der Tesla-Fabriken. Mit einer Studie über deren Zusammensetzung könne dann belegt werden, welche krebserregenden Stoffe durch Bau und Produktion dazugekommen sind beziehungsweise noch dazukommen werden. "Vielleicht schaffen wir ja sogar einen Baustopp für die anderen Werke", freute sich ein junger Genosse über die neuen Perspektiven.

Auch aus der Industrie kamen erste Warnungen: Eine renommierte Akustikprofessorin der Frankfurter Universitätsklinik warnte vor minderer Qualität der künftig gebauten Fahrzeuge durch die Schallwellen der darüber liegenden Einflugschneise des BER. Sowohl die Strukturen der verwendeten Materialien würden dadurch in ihrer Festigkeit beeinträchtigt als auch die intellektuellen Fähigkeiten der Arbeiter und Angestellten. Welchen Einfluss eventuell abgelassener Treibstoff auf die Batterien haben könnte, wolle er sich gar nicht ausmalen, sagte ein anderer Fachexperte.

Ein Biologe vermutete, dass Musk, falls er zu Besuch komme, nicht das heimische Gras konsumieren könne, weil es durch Wasser, Luft und/oder Boden verseucht sei. Die zuständigen Brandenburger Behörden haben sich noch nicht öffentlich geäußert, vermutlich weil noch kein Bauantrag eingegangen ist. Ob es wirklich ein glücklicher Umstand ist, dass der BER im Landkreis Dahme-Spree (Autokennzeichen LDS) liegt, Grünheide aber im Landkreis Oder-Spree (LOS) liegt, muss zunächst offen bleiben. "LOS klingt immerhin wie ein Aufbruchssignal", meinte ein Anlieger aus dem nahen Fürstenwalde, der mit Blick auf seinen alten Daihatsu gleich die Frage anschloss, ob Tesla Anwohnern Rabatt geben würde.

Termine und Behörden

Zurzeit liegt der Flughafen Berlin-Brandenburg bekanntlich vorn im Rennen um die Eröffnung. Musk, der ab Ende 2021 an der Müggelspree Autos bauen will, scheint wie Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup davon auszugehen, dass der Eröffnungstermin Ende 2020 eingehalten wird. Doch neben den Aktivisten und den Wissenschaftlern aus aller Welt sind nun die Behörden an der Reihe. So wird sich der Kreisbrandmeister in LOS beim Kollegen in LDS nach den Möglichkeiten erkundigen, die Leitungen und Rohre in den Fabrikhallen feuersicher zu verlegen.

LDS dagegen klärt die Frage: Muss die Lage der östlichen Einflugschneise wieder geändert werden, weil in Grünheide brandgefährliche Batterien hergestellt werden und darüber keine Flugzeuge fliegen sollten? Brauchen wir dafür ein neues Planfeststellungsverfahren? Die Deutsche Bahn denkt auch schon darüber nach, ihre S-Bahn-Gleise um fünf Kilometer nach Osten zu verlängern. Das aber würde mit allen Verfahren mindestens zehn Jahre dauern, und bis dahin sind die Fördermittelbindefristen für die Investitionszuschüsse verstrichen und Tesla längst nach Krivyi Rih. Ob vom BER dann Flugzeuge starten?

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig

Lesen Sie jetzt
Themen
BER Schiene-Straße-Luft Infrastruktur Flughäfen Berlin