Zug statt Flug (6) Beim Premiumservice gibt es bei der Bahn noch viel Luft nach oben

Wer als Premiumgast viel unterwegs ist, der verlangt nach ein paar Annehmlichkeiten. Was im Flugverkehr die Business Class ist, sollte eigentlich die Erste Klasse im Zugverkehr sein. Doch die ist meist erheblich schlechter als das Angebot in der Luft.

Die Gran Class in einigen Zügen Japans. © JR East

In einer mehrteiligen Reihe legt Bahn- und Luftfahrtjournalist Andreas Sebayang die praktischen Probleme rund um die aktuelle Diskussion um eine Verlagerung von Fernverkehr auf die Schiene dar. Nachdem im letzten Teil der Komfort von Nachtzugangeboten betrachtet wurde, ist dieses Mal der Premiumservice im Tagesverkehr an der Reihe.

Wer viel und vor allem beruflich fährt - oder schlicht gut verdient - der reist gerne in höheren Klassen. Während sich die Luftfahrt grob in sechs Klassen unterteilen lässt, Economy, Premium Economy, First (Kurz- und Mittelstrecke, etwa in den USA), Euro-Business (Economy-Sitze mit leerem Mittelsitz als Business in Europa) Business (Kurz-, vor allem in Asien, bis Langstrecke) und First (Langstrecke), sind es bei der Bahn als reguläres Produkt deutlich weniger.

Eine Business Class ist bei der Bahn selten

Die meisten Bahnen in Europa beschränken sich dagegen auf eine 1. und eine 2. Klasse. Manche Bahnen, wie die ÖBB oder der Eurostar, haben zusätzlich noch eine Business Class, die oberhalb der 1. Klasse angesiedelt ist. Die im Teil 5 angesprochen Übernachtklassen betrachten wir hier nicht.

Die für Deutschland wichtigste Bahn ist diesbezüglich die Deutsche Bahn. Echte Konkurrenz innerdeutsch gibt es hierzulande in der 1. Klasse nicht. Flixtrain geht preisempfindliche Kunden an und diverse Charter- oder Saison-Verkehre (Urlaubsexpress, Kreuzfahrtschiffexkursionen) sind nicht überall im Angebot.

Diese mangelnde Konkurrenz hat dabei in Deutschland durchaus Auswirkungen. Das eigentliche Produkt der 1. Klasse enttäuscht. Wie schon in dem Nachtzugartikel erwähnt: Es mangelt an Innovationen und sogar an Selbstverständlichkeiten - trotz der hohen Marge in der 1. Klasse.

Das fängt bei der Verpflegung an. Bei der Deutschen Bahn gibt es mit etwas Glück auf einer Vier-Stunden-Fahrt zwei Kekse und - wie aus einer anderen Zeit - Tageszeitungen. Immerhin sollte das WLAN unbegrenzt sein. Oft stellt sich aber die Frage, ob es überhaupt funktioniert, wie wir in Teil 4 betrachteten. Hungrige und durstige Erster-Klasse-Passagiere werden ansonsten wie Kunden im Billigflieger behandelt. Wer will, kann bei der Zugbegleitung kostenpflichtig bestellen.

Bleibt also die Am-Platz-Bedienung. Aber nur wenn der Speisewagen funktioniert und tatsächlich mal jemand durch den Zug geht. Beides ist gerade bei der Deutschen Bahn nicht immer gegeben. Der persönliche Service im Flugzeug ist in der gehobenen Klasse mit sehr viel mehr Aufmerksamkeit gepaart. Oft fehlt am Platz in der Bahn sogar die Speisekarte.

Dazu kommt, dass die Deutsche Bahn noch keine mobilen Kassenterminals hat. Fällt im Speisewagen der Strom aus, lässt sich nicht mit der Karte bezahlen. Mobile Kassenterminals, die ein Bezahlen am Platz ermöglichen, sollen erst noch kommen. Man stelle sich das einmal im Luftverkehr vor, dass dort mal eben die Essensausgabe komplett ausfällt, weil die Kassen keinen Strom haben und der Kühlschrank nicht mehr funktioniert.

Osteuropäische Speisewagen zeigen, wie es sein sollte

Das größte Problem beim Speisewagen der Deutschen Bahn ist aber das Angebot. Besonders lecker ist es nicht. Es ist sinnvoller sich etwas in den Zug zu nehmen. Die osteuropäischen Bahnen zeigen hingegen, dass Speisewagen ein hervorragendes Angebot bieten können. Da wird in der Küche sogar teilweise noch gebrutzelt und nicht nur die Mikrowelle bemüht.

Egal ob polnische PKP, tschechische ČD oder ungarische MÁV: der Besuch im Speisewagen lohnt sich, zumal man auf traditionelle, lokale Gerichte wert legt. Mit 10 bis 15 Euro für ein Menü inklusive Getränk sind die Preise gut. Den Bahnen gelingt es damit in beiden Klassen einen sehr angenehmen Service zu bieten. Das Essen ist meist besser und üppiger, als was Fluggesellschaften in der Business Class auf der Kurz- und Mittelstrecke kostenlos servieren. Abgesehen davon entsteht beim Essen im schönen Speisewagen so etwas wie Eisenbahnromantik, die es im Flugzeug nicht gibt.

Manche Bahnen gehen in der 1. Klasse auch weiter. PKP verteilt für ihre Premiumgäste beispielsweise die in Polen offenbar sehr beliebten, süß gefüllten und extrem weichen Croissants samt einem Getränk. Eine für Süßmäuler nette Aufmerksamkeit.

Beim Eurostar gibt es in der Standard Premier Class sogar ein Kaltgericht. Als das airliners.de ausprobiert hatte, war es aber mit das Schlechteste, was wir je als Menü gegessen haben. Der Eurostar hat dafür allerdings vergleichsweise viel Luft in seiner Premier Class und viele Trennelemente, die ein angenehmeres Arbeiten bieten.

Immerhin gibt es in der 1. Klasse der Deutschen Bahn mehr Platz als in der 2. Klasse. Statt vier Stühle in einer Sitzreihe ist es eine 2-1-Bestuhlung. Allerdings ohne größere Besonderheiten. Die Sitze sind nur bedingt besser, die Steckdose noch immer fummelig unter den Sitzen, der Tisch nicht immer groß genug und selbst beim nagelneuen ICE 4 fehlen USB-Buchsen.

Heutzutage sind in einem ICE mit hunderte mobile Geräte unterwegs und nicht einmal die 1. Klasse ist darauf vorbereitet. In der Luftfahrt kennt man das hingegen schon lange. Es ist auch keine Unmöglichkeit. Ein Blick auf die Brightline alias Virgin Trains USA in Florida zeigt, dass es besser geht. Steckdosen und USB-Buchsen sind in einen hochklappbaren Bereich der Tische integriert. Besser geht es nicht - und das ausgerechnet in den bahnunfreundlichen USA.

Gute Bahnsitze gibt es in einigen asiatischen Ländern

In Sachen Komfort geht es aber noch besser, und zwar vor allem im Hochgeschwindigkeitverkehr in Asien. Hier bieten einige Bahngesellschaften ein Service-Level, das mit dem der Business-Class im Langstreckenflugzeug vergleichbar ist. Viel Platz, zum Schlafen gut geeignete Sitze. Verpflegung und persönliche Betreuung von speziellen Zugbegleitern machen das Reisen auch auf langen Strecken gerade in China angenehm. Das ist freilich kein Standard und wird etwa in Japan nur in bestimmten Zügen angeboten. Das Komfortlevel in Südkorea oder Taiwan entspricht in der First eher dem hiesigen Niveau.

Aber auch in Europa gibt es zumindest etwas gehobenere Angebote für Geschäftsreisende. Für 15. Euro Aufpreis gibt es im österreichischen Railjet den Business-Class Sitz-im Steuerwagen. Diese sind sehr bequem und erinnern etwas an Business-Class-Sitze alter Flugzeuggenerationen. Sie lassen sich recht gut verstellen und man kann die Beine etwas hochlegen. Zu einem Bett werden sie aber nicht. Ein bisschen mehr Privatsphäre gibt es dank mehr Trennwenden aber auch - dazu einen aus der Armlehne herausziehbaren Tisch, wie im Flugzeug. Die ÖBB lassen ihr Service-Personal zudem recht häufig durch die Business Class laufen.

Im Railjet der ÖBB gibt es eine großzügige Business Class. Foto: © airliners.de, Andreas Sebayang

Schade ist nur, dass sich diese Sitze nicht einfach über jede Bahngesellschaft buchen lassen -Ein grundsätzliches Problem in Europa, wenn es darum geht, Tickets anderer Partnerbahnen zu buchen.

Was dann noch fehlt - und in der Luftfahrt oft ein Aushängeschild ist - ist die Lounge. Mit einem Ticket der 1. Klasse, sofern es kein "Supersparpreis" ist, kommt man bei der Deutschen Bahn in den "1. Klasse"-Bereich der Lounges hinein. Hier gibt es interessanterweise eine Am-Platz-Bedienung mit viel Aufmerksamkeit. Neben Getränken gibt es je nach Lounge Brotspeisen oder auch mal warme Suppen. Das war es dann aber im Prinzip schon. Allerdings unterscheiden sich die Lounges an den einzelnen Standorten zum Teil recht deutlich voneinander. Auch die Zugangsrichtlinien sind bei in Unterklassen geteilte Lounges kompliziert.

An die High-End-Lounges von Fluggesellschaften oder gar die Vorzeige-Lounges der Allianzen kommen sie aber in keinem Fall heran: Zwischen einer DB-Lounge und einer Carrier-Lounge liegen Welten. Die Bahn will aber etwas aufholen. In Leipzig, Stuttgart und Nürnberg wurden jetzt neue Lounges in Betrieb genommen

Alles in allem kann insbesondere die Deutschen Bahn mit ihrem Produkt nicht so recht überzeugen. Es fehlt an Details wie auch Grundsätzlichem. Dafür sind die Preise mitunter ein Schnäppchen. Wer für 40 bis 60 Euro ein 1.-Klasse-Ticket ergattert, kann eigentlich nichts falsch machen. Das freut natürlich den Gelegenheitsfahrer, der die günstigen 1.-Klasse-Angebote oft als nur wenige Euro teureres Upselling-Angebot auf ein 2.-Klasse-Ticket angezeigt bekommt. Der Stammkunde dürfte sich darüber ärgern.

Rabattkarten lohnen sich insbesondere für Österreich

Immerhin gibt es bei der Bahn Loyalitätsprogramme, die das Reisen mit der Bahn für Vielreisenden erheblich günstiger macht. Bei der Deutschen Bahn kauft man sich beispielsweise unterschiedliche Rabattkarten (Bahncard 25, 50) und bekommt für viele Fahrten Punkte, die sich beispielsweise in Freifahrten einlösen lassen. Da die Karten recht teuer sind, lohnt sich das nicht für jeden. Gerade bei Sparpreisen muss man schon recht oft fahren.

Anders die Vorteilscard in Österreich. Die gibt meist 45-50 Prozent Rabatt auf den Basis-Ticket-Preis. Da die 1. Klasse in Österreich ein Aufpreis-System ist, ist die Karte im Prinzip klassenlos. Allerdings wird der Aufpreis nicht weiter rabattiert. Das gilt auch für die Business Class im Railjet. Die Vorteilscard lohnt sich dafür manchmal schon bei drei mittellangen Zugfahrten, da sie nur 66 Euro kostet.

Etwas teurer ist das Halbtax-Abo in der Schweiz. Es ist aber auch die großzügigste Rabattkarte. Hier gibt es auf nahezu alle Fahrten 50 Prozent Ermäßigung. Wer gerne in der 1. Klasse reist, für den lohnen sich die 165 bis 185 Schweizer Franken erstaunlich schnell. 

Was den Bahnverkehr komplett vom Luftverkehr unterscheidet sind aber die Flatrate-Karten. Bei der Deutschen Bahn ist das etwa die Bahncard 100, in Österreich die Östereich-Card und in der Schweiz das GA, kurz für Generalabonnement.

In der Regel lässt sich also im Bahnverkehr auch das etwas luxuriösere Reisen gut rabattieren. Rein vom Preis-Leistungsverhältnis ist Bahnfahren in der 1. Klasse oft sehr viel angenehmer als die billige Business Class, die es in Europa vielfach lediglich in Form von Economy-Sitzen gibt. Einge Strecken sind kommt aber stark auf die Strecke an.

An die Mittelstrecken-First in den USA oder die kurze Business Class in Ost- und Südostasien kommen die Bahnen in Europa aber nicht heran. Mit etwas gutem Willen hätten sie aber wohl durchaus das Potenzial, die zahlungskräftige Kundschaft der Business-Flieger aus ihren engen Euro-Business-Sitzen zu locken.

Es gibt allerdings noch einen weiteren wichtigen Service-Bereich im Luftverkehr, der wohl bis auf weiteres keine Konkurrenz von der Bahn bekommt. Reisen mit lästigem Gepäck und Anschlussgarantien, auch als Zubringer, sind bei der Bahn ein lange verlorenes Gut.

Die veröffentlichten Teile der Serie

Von: as

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