Schwerwiegende Vorwürfe gegen Boeing nach 737-Max-Abstürzen

18.03.2019 - 10:12 0 Kommentare

Nach zwei Boeing-737-Max-Abstürzen ermittelt die US-Staatsanwaltschaft gegen den Hersteller. Angeblich soll Boeing das MCAS-System ohne ausreichende Redundanz konstruiert, selbst zertifiziert - und die Behörden über Details im Unklaren gelassen haben.

Boeing 737 Max 7. - © © Boeing -

Boeing 737 Max 7. © Boeing

Boeing sieht sich zahlreichen Vorwürfen in Bezug auf die Entwicklung und Zertifizierung der neuen Boeing 737 Max ausgesetzt. Dabei geht es im Kern um ein für die 737 Max entwickeltes und in dieser Form bei Boeing erstmals eingesetztes System, das vollautomatisiert in die Fluglage eingreift.

Das MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System) soll Strömungsabrisse verhindern. Das System wurde nötig, denn Boeing musste die verbrauchseffizienteren, aber im Vergleich zu Vorgängerversionen der 737 auch deutlich größeren und schwereren Max-Triebwerke recht weit vor dem Flügel anbringen. Dadurch veränderten sich auch Aerodynamik der Maschinen - und zwar zum Nachteil.

Das brisante daran ist, dass Boeing das System offenbar nicht nur selbst entwickelt sondern auch in großen Teilen selbst zugelassen haben soll. Mehrere FAA-Experten sagten der "Seattle Times" bereits vor dem Absturz der Ethiopian-737-Max, dass der Lion-Air-Absturz nicht das erste Indiz dafür war, dass Boeing-Mitarbeiter unangemessen viel Selbstkontrolle bei der Zulassung des Systems hatten.

System kann offenbar mehr Einfluss nehmen als bekannt

Darüber hinaus sei der FAA von Boeing verschwiegen worden, dass nachträgliche Änderungen beim MCAS vorgenommen wurden, die den maximalen Runderausschlag betrafen. Statt 0,6 Grad wie der FAA kommuniziert könne MCAS nach Anpassungen im Testflugbetrieb 2,5 Grad Maximalausschlag geben, schreibt die Zeitung unter Berufung auf Ingenieure - das sei die Hälfte des möglichen Gesamtausschlags der Höhenflosse.

"Die FAA war der Meinung, dass das Flugzeug bis zur Grenze von 0,6 ausgelegt war", sagte ein FAA-Ingenieur der Zeitung. Das mache einen deutlichen Unterschied bei der Beurteilung des Gefahrenpotentials des Systems. Unter anderem gebe es Regeln, bei welchen potentielle Gefährdungen für die Insassen ein System mehrfach redundant ausgelegt werden müsse.

Während die FAA-Prüfer also nur von einer minimalen Einflussnahme des Systems ausgingen, konnte das MCAS-System den Recherchen nach mehrfach hintereinander Steuerimpulse ausführen, die sich dann addierten. So habe MCAS in bestimmten Situationen über mehreren Stufen sogar einen Vollausschlag der Ruder initiieren können.

Angeblich keine Redundanz

Und es wird den Angaben der Zeitung nach noch dramatischer. Denn während normalerweise alle für eine sichere Flugdurchführung relevanten Systeme mehrfach redundant ausgelegt sind, basiere das MCAS-System nur auf dem Datenfeed eines der beiden "Angle of Attack"-Sensoren, die den Anströmwinkel messen. Angeblich hat schon beim Lion-Air-Absturz ein einziger fehlerhafter Sensor dazu geführt, dass MCAS fatale Steuerimpulse gegeben hat.

Jetzt hat das US-Verkehrsministerium die Zulassung der Modellreihe Boeing 737 Max durch die US-Luftfahrtbehörde FAA im Auge, berichtet das "Wall Street Journal". Nach dem Absturz der zwei Boeing 737 Max nehmen US-Ermittler nun einem weiteren Pressebericht zufolge die Entwicklung und den Zulassungsprozess für den Flieger unter die Lupe.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Nach Angaben des "Wall Street Journals" (Paywall) hat auch die US-Staatsanwaltschaft bereits Ermittlungen begonnen. Eine Grand Jury in Washington habe von mindestens einer Person Dokumente und Korrespondenz eingefordert, berichtet die Zeitung und beruft sich dabei auf mit der Sache vertraute Personen.

Die FAA wollte die Berichte nicht kommentieren und verwies auf Boeing. Der Hersteller war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Am Sonntag hatte der US-Konzern mitgeteilt, Anfragen zu laufenden Unfalluntersuchungen seien an die zuständigen Behörden zu richten.

In der Anforderung der Unterlagen durch die Grand Jury wird dem Bericht zufolge ein Ermittler des US-Justizministeriums als Kontakt genannt. Das Schreiben wurde demnach am 11. März verschickt - einen Tag nach dem zweiten Absturz einer Boeing 737 Max in Ethiopien.

Flugdatenschreiber weisen Übereinstimmungen auf

Bereits im Herbst war eine Maschine der indonesischen Fluggesellschaft Lion Air abgestürzt. Es handelte sich um denselben Flugzeugtyp. Derzeit wird untersucht, ob beide Unglücke dieselbe Ursache hatten.

Die Auswertung der Flugschreiber der in Äthiopien verunglückten Boeing 737 Max 8 lässt auf "klare Ähnlichkeiten" mit dem Absturz einer baugleichen Maschine in Indonesien im vergangenen Jahr schließen. Das erklärte die äthiopische Verkehrsministerin Dagmawit Moges am Sonntag, nachdem französische Experten die Daten der sogenannten Blackboxes ausgelesen hatten. Die Flugschreiber seien in gutem Zustand und hätten die Auswertung "von fast allen erfassten Daten" ermöglicht. Die Regierung werde in einem Monat einen detaillierten Bericht dazu veröffentlichen, so die Ministerin weiter.

Die französische Luftsicherheitsbehörde BEA hat die Angaben am Montag bestätigt. Während der Überprüfung der Daten habe das Untersuchungsteam "klare Ähnlichkeiten" festgestellt. Die Blackboxes der vergangenen Sonntag abgestürzten Maschine der Fluggesellschaft Ethiopian Airlines waren seit Freitag von der französischen Luftsicherheitsbehörde ausgewertet worden. Ein BEA-Sprecher sagte in Paris, dass die Arbeit bereits beendet sei und die Flugschreiber nun nach Äthiopien zurückgeschickt werden.

Boeing kündigt Unterstützung und Aufklärung an

Im Oktober war in Indonesien eine ebenfalls fast werksneue Boeing 737 Max 8 abgestürzt. Die Ermittler zum Lion-Air-Unglück vermuten, dass die von Boeing MCAS-Steuerungssoftware ein wichtiger Auslöser des Absturzes gewesen sein könnte. Erst daraufhin informierte Boeing Kunden und Piloten über das neue System und kündigte ein Update an.

Boeing teilte am Sonntag in Chicago mit, man sei dabei, die Entwicklung des Updates für die Steuerungssoftware und eine Überarbeitung des Pilotentrainings abzuschließen. Sicherheit habe höchste Priorität. Boeing unterstütze auch die Untersuchung zur Absturzursache weiter.

Nach dem jüngsten Crash erließen Luftfahrtbehörden rund um die Welt daher bis zur Klärung der Unglücksursachen ein Flugverbot für die Boeing 737-Max-Reihe. Die rund 370 seit 2017 ausgelieferten Flugzeuge müssen daher am Boden bleiben. Für Boeing sind die Zweifel an dem Kassenschlager, für den nach Angaben des Konzern rund 5000 Bestellungen vorlagen, ein ernsthaftes Problem. Es drohen Entschädigungsforderungen. Der Aktienkurs des US-Luft- und Raumfahrtkonzerns fiel vergangene Woche drastisch.

© dpa, Dirk Waem Lesen Sie auch: 737-Max-Grounding wird zum ernsten Problem für Boeing

Von: dh mit dpa, AFP
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