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Hintergrund Keine Verkehrswende in Sicht

Einer Auswertung der Allianz Pro Schiene nach ist die Verkehrswende vom Flugzeug zur Bahn im vollen Gange. Ein genauer Blick zeigt aber vor allem eine steigende innerdeutsche Reiselust. Spannend wird die Entwicklung nach Corona.

Eine Reisende in einem Zug der Deutschen Bahn arbeitet an ihrem Laptop. © dpa / Mascha Brichta

"Die Verkehrswende nimmt Gestalt an" titelt die Allianz Pro Schiene in einer Mitteilung über den Stand des innerdeutschen Verkehrs innerhalb eines Fünfjahreszeitraums. Sie nutzt dafür die Daten des Statistischen Bundesamtes für die Jahre 2014 bis 2019 für innerdeutsche Fernreisen mit der Bahn, dem Flugzeug und dem Bus und zieht daraus den Schluss: "[...] das Flugzeug als Verkehrsträger mit einer besonders hohen Klimabelastung verliert".

Bei genauerer Betrachtung der Daten bezieht sich das allerdings nur auf die relative Veränderung der Zahlen der Verkehrsmittel zueinander. Vielmehr belegen die Zahlen, dass in Deutschland zunehmend gereist wird. Die Angebote der Bahn locken dabei erheblich mehr zusätzliche Kunden.

Eine Verkehrswende wäre das allerdings kaum, denn die Anzahl der Flug- oder Busreisenden nimmt nicht in dem Maße ab, wie die Anzahl der Reisenden per Zug zunimmt. In den letzten fünf Jahren hat der Fernzug zwar enorm viele Kunden gewonnen. Bei einer echten Verkehrswende vom Flugzeug zur Bahn müsste der innerdeutsche Flugverkehr aber gleichzeitig massiv an Bedeutung verloren haben, was sich an den Zahlen nicht erkennen lässt.

Schiene gewinnt im innerdeutschen Verkehr, Flugzeug verliert / Langfristiger Vergleich Foto: © Allianz pro Schiene

So reisten 2014 fast 178 Millionen Menschen innerdeutsch mit Bahn, Flugzeug oder Fernbus. Aufgeteilt auf 131,4 per Zug, 23,3 per Flugzeug und 23,2 im Bus. Fünf Jahre später waren die Zahlen auf rund 196 Millionen Reisende gestiegen.

Der Zuwachs der Fahrten fällt dabei ausschließlich auf die Bahn mit einer Steigerung um 20 Millionen auf 151,4 Millionen, wie der Grafik zu entnehmen ist. Der innerdeutsche Flugverkehr ist in dem Zeitraum um gerade einmal 200.000 Fluggäste gesunken. Der im Vergleich zur Bahn etwas umweltschonendere (PDF), aber langsame Fernbusverkehr, der 2016 seinen Höchststand hatte, verlor sogar zwei Millionen Passagiere.

© Airport Nürnberg, Lesen Sie auch: Innerdeutsche Verbindungen auf dem Prüfstand

Bemerkenswert ist, dass der Luftverkehr im von der Allianz Pro Schiene betrachteten Fünfjahresvergleich erst 2019 in die Verlustzone geraten ist. Die bis 2016 verzeichneten Zugewinne auf 24 Millionen Fluggäste sind erst teilweise und dann vollständig verloren gegangen. Hier ist der Effekt der Air-Berlin-Pleite zu erkennen.

Die Kunden im innerdeutschen Luftverkehr sind dabei in erheblichem Maße Geschäftsreisende, wie der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) angibt. 65 Prozent sind es, die oft zeitkritische Verbindungen brauchen.

Die Bahn profitiert also nur geringfügig von den rückläufigen Zahlen im innerdeutschen Luftverkehr. Aber das Angebot ist offenbar so attraktiv, dass sich neue Reisebedürfnisse bei innerdeutschen Zielen fast vollständig auf die Schiene verlagern. Neue attraktive Angebote, wie die neue Bahnverbindung VDE 8 zwischen Berlin und München belegen dies.

Vor allem Umsteiger fliegen innerdeutsch

Zu beachten ist ferner, dass der rein innerdeutsche Flugverkehr keine große Relevanz im gesamten Luftverkehrsmarkt von und nach Deutschland hat. Ein großer Anteil der innerdeutsch Fliegenden ist zu einem Drehkreuz unterwegs und steigt dort auf einen internationalen Flug um.

Der BDL ging 2018 davon aus, dass nur elf Prozent der deutschen Fluggäste innerdeutsch unterwegs sind. Ein Wachstum wird hier laut BDL in einem Berichtszeitraum von 2004 bis 2018 vor allem durch großere Flugzeuge erreicht, wenn auch nur moderat. Es sind also viele international abfliegende aber auch Umsteiger nicht Teil der Verkehrswende. Dieses Marktsegment verzeichnete bis zur Corona-Krise weltweit Zuwächse.

© Deutsche Bahn AG, Frank Barteld Lesen Sie auch: Strecke MUC-BER: Teure Züge und günstige Eurowings-Flüge Analyse

Für eine echte Verkehrswende wäre daher eine deutlich verbesserte Attraktivität der Bahn beim Umsteigeverkehr wichtig, etwa im Zusammenspiel mit interkontinentalen Flugverkehrsangeboten. Dem entgegen stehen die mangelnde Pünktlichkeit der Bahn und die fehlende Anschlussgarantie. Das Risiko für die Kunden ist daher beim Bahn-Angebot, abseits einiger weniger Codeshare-Zugverbindungen, in Bezug auf die Fahrgast-/Fluggastrechte zu hoch. Hinzu kommt das fehlende Durchchecken von Gepäck vom Bahnhof zum Zielflughafen und die schlicht nicht überall vorhandenen Fernbahnanbindungen der Flughäfen.

Dabei würde sich ein Umsteigen auf die Bahn besonders bei einigen kurzen Zubringern lohnen. Laut dem Klimaschutzreport des BDL ist der Kerosinverbrauch auf der Kurzstrecke bis 800 Kilometer durch den hohen Luftwiderstand in niedrigen Luftschichten besonders hoch. 4,7 bis 6,1 Liter sind es pro Person. Besonders kurze Hüpfer dürften einen noch höheren Verbrauch haben, der die Notwendigkeit einer attraktiven Bahnanbindung unterstreichen müsste. Wie deutlich das sein kann, zeigt sich auf der Mittelstrecke. Zwischen 800 und 3.000 Kilometern sind es 2,6 bis 4,1 Liter, selbst der Spitzenwert kommt nicht an die besten angegebenen Kurzstreckenwerte heran. Auf der Kurzstrecke werden häufig Mittelstreckenflugzeuge eingesetzt, da diese eine höhere Kapazität bieten. Solche Designs sind auf längeren Strecken, für die sie entwickelt wurden, allerdings effizienter.

© AirTeamImages.com, Felix Gottwald Lesen Sie auch: Auf kurze Hub-Zubringer lässt sich nur schwer verzichten Analyse

Flüge bis 800 Kilometer sind dabei nicht nur innerdeutsche Flüge, sondern auch kurze Hüpfer zu Drehkreuzen der Nachbarländer. Von Hamburg nach Amsterdam sind es etwa 370 Kilometer und von Berlin nach Kopenhagen nur 350 Kilometer Luftlinie ohne eventuelle Anflüge und windrichtungsbedingte Umwege.

Neue Angebote am Boden generieren mehr Reisende

Bahn wie auch Flugzeug haben dabei ein großes, grundsätzliches Problem. Während die Bemühungen, Emissionswerte zu reduzieren, bei beiden Verkehrsmitteln deutliche Erfolge haben, werden diese Erfolge durch die immer größere Reiselust der Menschen nicht nur neutralisiert sondern sogar negiert.

So stieg die Anzahl der Berlin-Touristen aus Bayern nach der Eröffnung der Schnellfahrstrecke München-Berlin nach Angaben des Berliner Tourismus-Marketing deutlich an - obwohl gleichzeitig auch die Kapazität zwischen den Städten in der Luft ausgebaut worden war.

Das ist auch für möglich Effekte der Verkehrswende zu befürchten. Zwar steigen einige Menschen bewusst auf umweltschonende Verkehrsmittel um, deren Platz wird allerdings schnell wieder belegt. Solange der Bedarf an Reisen wächst, etwa so deutlich, wie bei der Bahn, stellen sich die eigentlich positiven Effekte für die Umwelt nicht ein.

Berücksichtigt man noch andere Effekte, wie etwa die Insolvenz Deutschlands zweitgrößter Airline in dem genannten Zeitraum, schmälern sich eventuell positive Effekte noch weiter. Denn mit dem Wegfall wichtiger Konkurrenzverbindungen hat das Fliegen innerdeutsch preislich an Attraktivität verloren, was sich in den sinkenden Zahlen des Flugverkehrs darstellt.

© Deutsche Bahn, Claus Weber Lesen Sie auch: Mit zu wenigen Gleisen kompliziert durch Deutschland Zug statt Flug (2)

In den kommenden Jahren wird das Thema Verkehrswende in jedem Fall wichtig und die noch zu ermittelnden Zahlen besonders spannend. Das ist allerdings insgesamt schwer. Komplett außerhalb der Betrachtung der Allianz pro Schiene ist zudem der Autoverkehr, der weniger einfach zu erheben ist als Ticketverkäufe. Interessant werden auch die Effekte der gerade erst angehobenen Luftverkehrssteuer.

Verkehrs- und Technikwende durch Corona

Die Verkehrswende könnte sich allerdings auch noch aus einem anderen Grund ganz anders gestalten, als man es noch im letzten Jahr erwartet oder erhofft hätte.

Im Zuge der Coronakrise ändern zahlreiche Unternehmen gezwungenermaßen ihre Strategie. Es werden vor allem Erfahrungen im Bereich des Heim- und Fernarbeit sowie dem kollaborativen Arbeiten über Netzwerke gesammelt. Das passiert nicht nur bei Firmen, die ohnehin digital gut aufgestellt sind, sondern auch bei Unternehmen, die bisher auf Reisen gesetzt haben.

Die Verkehrswende könnte also eine Technikwende werden, wenn der im geschäftlichen Bereich wichtige innerdeutsche Flugverkehr durch Videokonferenzlösungen teilweise ersetzt wird, mit denen nun mehr und mehr Menschen praktische Erfahrungen sammeln. Ob das durch den allgemein steigenden Bedarf an Reisen aufgefangen wird, bleibt abzusehen.

Von: Andreas Sebayang

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