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Analyse Airline-Pleiten wirken auf Arbeitsmarkt in Kabine und Technik

Der Beschäftigungsstand in der Luftfahrt ist derzeit zwar hoch, dennoch gibt es negative Effekte durch die Konsolidierung. Tarifexperte Eckhard Bergmann beleuchtet in einer zweiten Analyse die Situation für Flugbegleiter und Techniker.

Air-Berlin-Mitarbeiter vor dem letzten Abflug der Airline am 27. Oktober 2017. © dpa / Matthias Balk

Nach seiner vielbeachteten Arbeitsmarkt-Analyse für Piloten auf airliners.de beleuchtet Tarifexperte Eckhard Bergmann nun den Arbeitsmarkt für Servicekräfte (einschließlich Flugbegleiter) und Techniker in der Luftfahrtbranche.

In Deutschland sind aktuell etwa 45.000 Servicekräfte im Luftverkehr sozialversicherungspflichtig beschäftigt, davon geschätzte 35.000 Flugbegleiter. Das lässt sich aus Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Agentur für Arbeit (BAA) hochrechnen. Da in den Statistiken der BAA hier nicht so genau unterschieden wird, ist eine Darstellung nur der Flugbegleiter einerseits und der Luftfahrzeugtechniker andererseits nicht ohne weiteres möglich.

Die folgende Grafik umfasst daher alle Servicekräfte im Luftverkehr (Berufsgruppe 51422). Darunter befinden sich neben der überwiegenden Zahl der Flugbegleiter auch Servicekaufleute und Bodenstewards/-essen, nicht aber Luftverkehrskaufleute, Ramp-Agents und Duty-Officers.

Foto: © Bergmann, mit Zahlen der Agentur für Arbeit.

Ähnlich wie bei Piloten gelten etwa 2,5 Prozent Arbeitslose "normal", und die Folge der Air Berlin-Insolvenz ist klar zu sehen (etwa fünf bis sechs Prozent Arbeitslose im Winter 2017/18). Allerdings werden anscheinend – anders als bei Piloten – offene Stellen der BAA gemeldet (grüne Kurve).

Zu sehen ist auch, dass die Arbeitslosenzahl vor der Air-Berlin-Pleite von etwa 700 seither durch weitere Marktaustritte (Azur-Air-Rückzug/ Small-Planet-Insolvenz) wie bei den Piloten immer übertroffen wurde und nach der jüngsten Germania-Insolvenz ansteigt; auch das ist für die Betroffenen sehr schlecht.

Anders als bei Piloten benötigt man für Flugbegleiter nicht vier bis fünf Monate Schulungsvorlauf (sondern etwa sechs Wochen plus Einstellungsverfahren), aber Ende März waren auch diese Einstellungen weitgehend beendet. Airlines außerhalb Deutschlands wie etwa am Persischen Golf suchen allerdings wegen des eigenen Wachstums und relativ hoher Fluktuation nahezu ständig.

Flugbegleiter-Leiharbeit inzwischen legal

Auch Ryanair sucht meistens. Bis Februar 2019 war die beim Bordpersonal übliche Leiharbeit über Beschäftigungsfirmen dort illegal; inzwischen haben diese Verleiher aber eine BAA-Genehmigung nach §1 Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG), wie unter anderem "Die Welt" berichtete. Da Verdi kurz danach stolz einen Tarifabschluss mit Ryanair für dortige Flugbegleiter verkündete, fand diese Genehmigung wohl mit deren Wissen statt, um sich zwei Monate später bereits erneut über das Gebaren der Iren zu echauffieren. Hoffentlich kennen die Entleiher den neu gefassten §11(5) AÜG , um sich beim nächsten Ryanair-Cabin-Streik in Deutschland nicht darüber wundern zu müssen, dass bei einem Streik Leihpersonal nicht eingesetzt werden darf.

Der Beruf des Flugbegleiters ist wie der des Piloten gesetzlich nicht anerkannt. Sie erhalten auch keine Lizenz wie ihre Cockpit-Kollegen - es ist ein Anlernberuf. Nach EU-Verordnung 2018/1139 Artikel 22(1) gilt: "Im gewerblichen Luftverkehr eingesetzte Flugbegleiter benötigen eine Bescheinigung." Die EU-Verordnung 290/2012 (besonders Anhang V, "Qualifikation von Flugbegleitern, die an der gewerbsmäßigen Beförderung im Luftverkehr mitwirken") konkretisiert die Anforderungen an diese Flugbegleiterbescheinigung.

Die 2016 bei Lufthansa tarifvertraglich vereinbarte Fortbildungsmöglichkeit, die mit einer IHK Prüfung zum Fachberater/-in für Servicemanagement enden kann, verbessert die Vermittlungschancen auf dem Arbeitsmarkt. Für den überwiegenden Teil der Flugbegleiter gilt, dass man vor der Aufnahme der Tätigkeit eine abgeschlossene andere Berufsausbildung haben sollte, um von Arbeitslosigkeit nicht so hart getroffen zu werden.

Luftfahrttechniker Arbeitslosenkurve verläuft anders

Nach Zahlen des LBA gibt es etwa 22.000 lizensierte Luftfahrttechniker (nach Part 66 und Prüfer für Luftfahrtgerät). Eine Beschäftigtenzahl für Raumfahrttechniker konnte nicht ermittelt werden; sie dürfte allerdings deutlich geringer sein. Die folgende Grafik umfasst auch diese.

Foto: © Bergmann, mit Zahlen der Agentur für Arbeit.

Nimmt man die genannten 22.000 Arbeitnehmer als Basis, ist auch hier die "normale" Arbeitslosenquote etwa 2,5 Prozent. Der "Air Berlin-Insolvenzknick" ist hier bei den Arbeitslosen längst nicht so ausgeprägt wie bei Flugbegleitern/Servicekräften und Piloten. Dies liegt an der damals etablierten und für sechs Monate offenen Transfergesellschaft (nur für das Bodenpersonal), in der schon im November 2017 280 Bodenmitarbeiter registriert und damit natürlich auch arbeitsuchend waren, wie der Anstieg der blauen Kurve im Winter 17/18 bestätigt. Nach diesen sechs Monaten stieg die Arbeitslosenzahl um knapp 100, um im Oktober 2018 wieder zu fallen.

Die Germania-Insolvenz führte - wie bei Piloten und Flugbegleitern - zu einem deutlichen Anstieg um über 100 Arbeitslose, von einer Transfergesellschaft ist nichts bekannt. Dazu muss man wissen, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad bei Germania relativ gering war, befördert durch entsprechendes Verhalten der Unternehmensführung über Jahrzehnte.

Piloten-Arbeitslosenzahl von Insolvenzen relativ am stärksten betroffen

Anders war das bei den Piloten. Die folgende Grafik zeigt den Verlauf nur der Arbeitslosenzahlen. Sie zeigt, dass sich die Piloten-Arbeitslosigkeit sowohl bei der Air Berlin-Insolvenz wie der Germania-Insolvenz relativ am stärksten erhöhte.

Foto: © Bergmann, mit Zahlen der Agentur für Arbeit.

Insgesamt zeigen die Analysen, dass das (Bord-) Personal von Fluggesellschaften – insbesondere im Bereich Low-Cost-Fliegerei – relativ plötzlich und auch mehrfach von Arbeitslosigkeit durch Insolvenzen betroffen wird, die dem sehr harten Wettbewerb mit der Folge von brutalen Preiskämpfen geschuldet sind.

© dpa, Armin Weigel Lesen Sie auch: Piloten-Arbeitsmarkt nach Germania-Pleite angespannt Analyse

Über den Autor

Eckhard Bergmann Dipl-Ing. und Flugingenieur Eckhard Bergmann ist seit 36 Jahren in der Luftfahrt tätig. Über 17 Jahre und 10.000 Stunden flog er im Cockpit und arbeitet seit 2002 als selbstständiger Luftfahrt-Berater und Geschäftsführer der Europairs GmbH. Er lebt in Ratingen und Bern. Bergmann ist außerdem Autor des Buches "Fliegen - Ein (Alb-)Traum?", das hier erhältlich ist.
Kontakt: www.europairs.org

Von: Eckhard Bergmann für airliners.de Jetzt Gastautor werden

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