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Arbeitnehmer mehrerer deutscher Airlines wollen "Ocean" verhindern

Die Kritik an der von Lufthansa geplanten Langstrecken-Tochter "Ocean" wächst. Nun richten die Arbeitnehmervertreter verschiedener Fluggesellschaften einen Appell an die Bundesregierung, das Vorhaben zu stoppen.

Flugbegleiterinnen von Eurowings und Germanwings. © Eurowings / Athenea Diapouli-Hariman

Mit Ocean setzt die Lufthansa Group aktuell eine neue Airline für den Betrieb der Eurowings-Langstrecken auf. Nun haben sich Personalvertreter der Lufthansa-Airlines darunter - Lufthansa Passage, Lufthansa Cargo, Lufthansa Aviation Training und Eurowings zusammen mit ihren Kollegen bei den Ocean-Konkurrentinnen Condor und Tuifly in einem gemeinsamen Brief an die Bundesregierung gewandt. Diese solle ihren Einfluss bei Lufthansa geltend machen und die Fortführung der touristischen Eurowings-Langstrecke in der angedachten Form verhindern.

Die geplante Umorganisation eines Teils des Lufthansa-Flugbetriebs sei nichts anderes als eine "Tarifflucht auf Steuerkosten", kritisiert das Schreiben. Das "beispiellose Vorgehen" des Konzerns müsse zur Not durch politische Intervention gestoppt werden.

Der Brief, der airliners.de vorliegt, wurde am 29. September an die Bundeskanzlerin, den Vizekanzler, den Chef des Bundeskanzleramtes, das Wirtschaftsministerium, dem Verkehrsministerium und den Fraktionsvorsitzenden der Parteien im Deutschen Bundestag geschickt. Die Verfasser betonen darin zunächst ihre "Erleichterung und Dankbarkeit" darüber, dass die Bundesregierung die Luftfahrtbetriebe Condor, Lufthansa und Tui mit hohem finanziellem Aufwand "einstweilen" gesichert hat.

"Tarifflucht ist einziger Zweck von Ocean"

Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass das Lufthansa-Management mit Teilen der neun Milliarden Finanzhilfe den Aufbau ihrer neuen Touristikplattform Ocean finanzieren würde. Damit würden in "einem krisenbedingt ohnehin angeschlagenen Markt für Flugreisen" zusätzliche Kapazitäten geschaffen. Ihrer Ansicht nach sei "Tarifflucht der einzige Zweck dieser Neugründung".

In der Tat liegen die Konditionen der Jobangebote für Flugbegleiter bei Ocean am unteren Rand anderer Tarifverträge im Lufthansa-Konzern, beispielsweise bei Eurowings. Für fliegendes Personal von Sunexpress Deutschland oder Brussels, die bisher die Eurowings-Langstrecke bereedert haben, sind die Angebote im Vergleich zur bisherigen Bezahlung jedoch durchaus vergleichbar. Einen Tarifvertrag für die neue (alte) Lufthansa-Tochter gibt es (noch) nicht.

Konkret lautet nun die Befürchtung, dass der Lufthansa-Konzern im kommenden Jahr tausende tarifierte Arbeitsplätze abbauen wird, während gleichzeitig bei Ocean untarifierte Mitarbeiter neu eingestellt werden. Dieses Vorgehen bedrohe nicht nur die Lufthansa, sondern auch "die Existenz der ebenfalls mit Staatshilfen unterstützten deutschen Ferienflieger Condor und Tuifly."

Die Arbeitnehmervertreter appellieren an die Politik "ihren Einfluss – auch in den Aufsichtsräten und im Sinne der Steuerzahler zu nutzen, um diese Fehlentwicklung zu stoppen. Schließlich seien die Hilfen der Bundesregierung vergeben worden, um "gute Arbeitsplätze zu erhalten" und die Luftfahrtunternehmen in der "Krisenzeit" zu unterstützen, nicht um Sozialdumping möglich zu machen.

Das Bundesverkehrsministerium teilte auf Anfrage von airliners.de mit, dass sich die Bundesregierung nicht in betriebliche Entscheidungen der Unternehmen einmische. Das haben man in der Vergangenheit auch immer so gehalten. Das Bundeswirtschaftsministerium sagte auf Anfrage lediglich, "dass wir uns zu offenen Briefen grundsätzlich nicht äußern."

Schon mehrere hundert stellen für Ocean ausgeschrieben

Die in der Corona-Krise teilverstaatlichte Lufthansa will künftig Flüge zu touristischen Zielen auf einer neuen Plattform namens "Ocean" organisieren, bei der nicht die Personalbedingungen des Konzerntarifvertrags gelten sollen. Mit Ocean sollen die touristischen Langstrecken der Lufthansa-Billigmarke Eurowings fortgeführt werden. Bis vor Corona flogen die A330 im Betrieb von Brussels sowie Sunexpress Deutschland, die jetzt eingestellt wird. Zudem gab es zuvor touristische Langstrecken von Lufthansa selbst, die von der Lufthansa Cityline betrieben wurden.

Mehrere hundert Stellen sind bereits neu ausgeschrieben. Starten sollen die Ferienflieger ab 2021 vom Drehkreuz Frankfurt, das bislang weitgehend der Stammgesellschaft Lufthansa vorbehalten waren. Auch der zweite Lufthansa-Hub in München könne als Startflughafen zügig hinzu kommen, heißt es im Konzern. Gleichzeitig stehen die Beschäftigten der Lufthansa-Teilgesellschaften Germanwings und Sun Express Deutschland sowie Piloten der Stammmarke vor Entlassungen.

"Im Windschatten der Krise versucht der Konzern sein langgehegtes Projekt 'Ocean' durchzuziehen, um in einem wiederholten Anlauf Arbeitsplätze ohne Einfluss von Gewerkschaften aufzubauen und sich erfolgreicher Konkurrenz in diesem Sektor zu entledigen", kritisierte der Vorsitzende der Kabinengewerkschaft Ufo, Daniel Flohr. Es sei "unverfroren und unanständig", einerseits Tausende rauszuwerfen, um anderseits zu 1400 Euro brutto wieder einzustellen.

Die angebotenen Vergütungsbedingungen lägen noch unterhalb des Niveaus von Ryanair, erklärte Verdi-Sekretär Marvin Reschinsky. "Bewerber werden ausschließlich in Teilzeit angestellt, Flugbegleiter können bei Ocean lediglich mit einem Einkommen von etwas über tausend Euro netto rechnen. Damit untergräbt die Lufthansa das deutsche Lohnniveau in der gesamten Branche und schafft ein prekäres Arbeitsumfeld."

Auch die Vereinigung Cockpit befürchtet einen Verdrängungswettbewerb mit den anderen, ebenfalls vom Staat gestützten touristischen Anbietern. "Es wird mitten in der größten Krise der Luftfahrt viel Geld in eine Plattform investiert, bei der mit jahrelangen Anlaufverlusten zu rechnen ist. Wir fordern die Politik auf, genauer hinzusehen, wie mit Milliarden an Staatshilfen umgegangen wird," erklärte der VC-Tarifvorstand Marcel Gröls.

Von: dk, br, dh

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