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Mitarbeiter von Swissport. © Swissport

Die privaten Bodenverkehrsdienste in Deutschland wollen in Sachen Tarifvertrag künftig mit einer Stimme sprechen. Dazu haben sie den Arbeitgeberverband der Bodenabfertigungsdienstleister im Luftverkehr (ABL) gegründet. Er soll einen allgemeingültigen Tarifvertrag für die Branche aushandeln, wie ihn die Gewerkschaft Verdi seit Jahren fordert.

Mitglieder in dem Verband mit Sitz in Düsseldorf sind die Unternehmen AHS, Wisag, Aviapartner, Acciona, Losch und das Joint-Venture Swissport/Losch. Nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden Thomas Richter beschäftigen sie zusammen gut 7000 Mitarbeiter.

Die Privaten sind nur ein Teil der Branche

Der ABL vereint damit nur einen Teil der Bodenverkehrsdienste in Deutschland auf sich. Insgesamt sind in der Branche nach Expertenschätzungen rund 40.000 Menschen tätig. Der größte Teil davon arbeitet für die Flughafengesellschaften und deren Töchter.

Gleichwohl wird der Zusammenschluss der privaten Abfertiger als wichtiger Schritt zu einem Branchentarifvertrag gewertet. Dies sieht die Gewerkschaft Verdi auch als ihren Erfolg: "Der Verband ist auf Drängen von Verdi entstanden", meint Tarifsekretärin Katharina Wesenick gegenüber airliners.de.

Bereits 2016 habe man mit allen Beteiligten über einen Branchentarifvertrag gesprochen. "Damals waren die Arbeitgeber noch extrem unabgestimmt", so Wesenick.

Regionale Unterschiede und Übergangszeiten

Das hat sich mittlerweile geändert: ABL-Vorsitzender Richter skizziert im Gespräch mit airliners.de Grundzüge eines künftigen Vertrags. Grundlage ist unter anderem ein Eckpunktepapier, dass die Arbeitgeber bereits im August 2017 mit Verdi vereinbart haben.

  • Demnach wird es keine bundeseinheitliche Vergütungstabelle geben. "Regionale Unterschiede im Gehaltsniveau sollen berücksichtigt werden", so Richter. Das könne durch eine Tabelle für jeden Flughafen geschehen, die in den Vertrag integriert wird. Möglicherweise lassen sich aber auch drei oder vier Gruppen zusammenfassen.
  • Für die Umsetzung des Branchenvertrags soll es eine Übergangsphase von mehreren Jahren geben. Damit sollen die Dienstleister vor existenzgefährdenden Sprüngen in den Personalkosten geschützt werden. "Auch die Gewerkschaft hat verstanden, dass man die Unternehmen nicht überfordern darf." Unter anderem brauche man Zeit, bis die Verträge mit den Airlines auf ein neues Lohnniveau angepasst seien - deren Laufzeit liege bei mindestens drei Jahren.
  • Die Entgelttabelle des Öffentlichen Dienstes, die bei den Flughafengesellschaften für einen Teil der Bodenbediensteten noch gilt, ist für den ABL ein "Auslaufmodell" und könne nicht Grundlage eines Branchentarifvertrages sein. Insbesondere die Senioritätsstufen in der Vergütung seien nicht akzeptabel, so Richter.
  • Der Öffentliche Dienst könnte aber durchaus zum Orientierungspunkt werden, was künftige Gehaltserhöhungen angeht. Ein Andocken an die jeweiligen Tarifabschlüsse dort sei denkbar, sagt Richter.

Gemeinsamer Kampf gegen Lohndumping und Personalmangel

Verband wie Gewerkschaft sind sich einig darüber, dass ein Branchentarifvertrag sinnvoll ist, um die Lohnspirale nach unten zu begrenzen. Nicht zuletzt müssten die Jobs in der Abfertigung attraktiver gemacht werden, um dem Personalmangel entgegenzuwirken. "Die Unternehmen klagen, weil die Rekrutierung neuer Mitarbeiter immer schwieriger wird."

Allen liegt daran, dass unsere Branche vor unlauterer Konkurrenz durch unterdurchschnittliche Arbeits- und Vergütungsbedingungen geschützt wird.

ABL-Vorsitzender Thomas Richter

Nach Verdi-Angaben arbeiten die Bodenverkehrsdienste mit einer Unterbesetzung von 15 bis 20 Prozent. Die schleppende Abfertigung an den Flughäfen trug in diesem Jahr erheblich zur schlechten Performance der deutschen Luftfahrt bei. Entsprechend gehört die personelle Verstärkung der Bodendienste auch zu den Beschlüssen des jüngsten Luftfahrtgipfels.

Differenzen über Lohnniveau

Eine allgemeine Anhebung des Lohnniveaus im Rahmen eines Branchenvertrages hält der ABL-Vorsitende unterdessen noch nicht für ausgemacht. Immerhin hätten ja mittlerweile nahezu alle betroffenen Unternehmen aktuelle Haustarifverträge mit Verdi abgeschlossen.

Das sieht man bei der Gewerkschaft eher zwiespältig. Denn trotz weitgehender Tarifierung sei die Bezahlung in der Branche extrem unterschiedlich, meint Tarifsekretärin Wesenick. "Wir haben je nach Zählweise zwischen 60 und 80 verschiedene Tarifniveaus. Einige Arbeitgeber zahlen 30 bis 40 Prozent weniger als andere."

Airlines wollen nicht mehr zahlen

Dagegen signalisieren die Airlines seit langem, dass sie für die Abfertigung künftig nicht tiefer in die Tasche greifen wollen. "Bei den Bodenverkehrsdiensten heißt es immer, wenn die Qualität steigen soll, müssen Personalkosten und somit die Gebühren für die Fluggesellschaften steigen", sagte Lufthansa-Vorstand Harry Hohmeister der "Frankfurter Allgemeinen". Er empfiehlt den Dienstlestern stattdessen, durch Automatisierung und Digitalisierung die Effizienz zu verbessern. "Was ist an Flughäfen in diese Richtung passiert? Haben die sich in der Vergangenheit auf die richtigen Themen fokussiert?"

Entsprechend schwierig dürfte es sein, sich mit allen Beteiligten auf ein einheitliches Niveau zu einigen. Am 12. November treffen sich zunächst ABL, VKA und Verdi zu einem Sondierungsgespräch.

Beteiligung von Lufthansa und Airport-Töchtern noch offen

Offen ist noch die Position der übrigen Player in der Branche. Die Bodenverkehrstöchter der Flughafengesellschaften lassen sich nur zum Teil von ihren Müttern im VKA vertreten.

Und auch Lufthansa spielt eine Sonderrolle: Der Konzern hat nach Gewerkschaftsangaben rund 11.000 Bodenmitarbeiter, über deren Abschlüsse der Arbeitgeberverband Luftverkehr (AGVL) verhandelt. Ein Tarifvertrag für alle Bodenbediensteten der Lufthansa wurde erst im Februar abgeschlossen. Auf Anfrage äußerte sich der Kranich-Konzern nicht dazu, ob er an einem Branchentarifvertrag mitwirken will oder nicht.

Der AGVL war zwar bei Gesprächen der Arbeitgeber mit Verdi bereits als Zaungast vertreten. An dem erwähnten Eckpunktepapier war er jedoch nicht beteiligt.

Verdi macht Druck

Die Arbeitgeber im ABL wollen das Thema Branchentarifvertrag jetzt dennoch zügig voranbringen. Realistischerweise müsse man aber davon ausgehen, dass eine Einigung auch erst 2020 zustande kommen könnte, so Richter.

Verdi dagegen macht Druck, die Konditionen für die Mitarbeiter rasch zu verbessern. Vor kurzem veranstaltete die Gewerkschaft dazu einen Aktionstag an sieben Flughäfen. Und Ende 2019 laufen viele Haustarifverträge bei den Bodenverkehrsdiensten aus. Dann dürfte der Bedarf für eine umfassende Einigung noch drängender werden.

ABL ist kein Branchenverband

Der neugegründete ABL soll vorerst lediglich auf einen Zweck ausgerichtet sein, so Richter: "Es geht um den Branchentarifvertrag." Anders als die VDF (Vereinigung der Dienstleister an Deutschen Flughäfen), wo die sechs Mitglieder ebenfalls vertreten sind, begreife man sich nicht als Interessenverband.

Zwar gebe es durchaus Überlegungen, die Verbandsarbeit künftig auszubauen. "Aber das wäre dann ABL 2.0. Jetzt müssen wir erst einmal ABL 1.0 zum Laufen bringen und Ergebnisse erzielen, die gleichermaßen zum Wohle der Beschäftigten und der Unternehmen sind."

Thomas Richter ist Vorstandsvorsitzender des ABL. Foto: © ABL

Richter ist Vorsitzender des Vorstandes, in dem Vertreter aller ABL-Mitglieder sitzen. Er vertritt die Firma Losch Airport Service, für die er nach eigenen Angaben bereits mehrere Haustarifverträge ausgehandelt hat. Hauptberuflich ist Richter Gesellschafter einer Steuerberatungsgesellschaft in Bietigheim-Bissingen.

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