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Im Cockpit des Airbus A350 XWB © Airbus / A. Tchaikovski

Seit 2015 beantwortet Flugkapitän Nikolaus Braun in der airliners.de-Serie "Antworten aus dem Cockpit" Leserfragen zu Themen rund um Luftfahrttechnik & Flugbetrieb. Die beliebtesten Folgen aktualisieren wir derzeit und veröffentlichen sie neu. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an antwortenausdemcockpit@airliners.de

Welche Infos tauschen Crew und Cockpit aus?

Leon M.

Was für manche die Erinnerung an die gute, alte Zeit der Propellerflugzeuge wach werden lässt, ist in der Tat eine echte Flugverbindung im Jahr 2017: Eine große britische Airline fliegt mit ihrem A318 ab London-City nach New York. Aufgrund der kurzen Runway in London-City kann der Flug nur mit geringem Gewicht starten. In Shannon, Irland ist ein Tankstopp notwendig. Die Passagiere können diesen nutzen, um schon einmal die Einreiseformalitäten für die USA zu erledigen. In diesem Text soll der Flug als fiktives Beispiel dienen.

Beim Einsteigen der Passagiere in London fällt der Kabinenbesatzung ein älterer Herr auf: Er wirkt sehr bleich, schwitzt trotz der milden Außentemperatur und fasst sich von Zeit zu Zeit in die Brustgegend. Darauf angesprochen versichert er, ihm ginge es gut, er sehe immer so aus. Die übrigen Fluggäste sind unauffällig: viele Geschäftsreisende, Familien und zwei unbegleitete Kinder.

Die Augen, Nasen und Ohren laufen durch die Kabine

Dass die Crew die Passagiere beim Einsteigen unauffällig aber aufmerksam beäugt, ist ein normaler Vorgang und vom Kapitän im Briefing am Boden genauso besprochen worden.

Alle Gäste sind willig, die Reise anzutreten – sei es aus dienstlichen Gründen wie bei den Geschäftsreisenden oder den Seeleuten, oder aus privaten Gründen. Aber nicht jeder Passagier ist "flugfähig". Betrunken zu sein und den Anweisungen der Crew nicht mehr folgen zu können oder zu wollen, kann ebenso ein Grund sein, von der Beförderung ausgeschlossen zu werden, wie auch ein schlechter Gesundheitszustand.

Der Satz "Ihr seid unsere Augen, Nase und Ohren – gebt uns Bescheid, wenn euch etwas auffällt" ist ebenfalls Bestandteil vieler Briefings. Die Flugbegleiter kennen ihre Arbeitsposition und die Eigenarten der Flugzeuge sehr genau. Sie können sehr schnell erkennen, wenn etwas anders ist als sonst – sich anders anhört oder anders riecht.

Diese Hinweise aus der Kabine sind für das Cockpit ausgesprochen hilfreich, da die Cockpitbesatzung viele Dinge nicht mitbekommt, bis eine Systemmeldung auftaucht: Abgeschlossen hinter der Cockpittür und teilweise über 50 Meter vom anderen Ende der Kabine entfernt haben sie in der Tat weder "Augen" noch "Ohren" bei den Passagieren.

Eine weitere Besonderheit in dem Kontext ist die explizite Aufforderung, Bedenken zu äußern: Das Bauchgefühl "hier stimmt etwas nicht" basiert oft auf einer Auffälligkeit, die ein Crewmitglied zwar unterbewusst wahrgenommen, jedoch noch nicht rational überprüft haben kann - und ist damit ein guter Hinweis nachzuschauen, ob wirklich alles in Ordnung ist.

Verbrannter Geruch von den Triebwerken

Kurz nach dem Start der Triebwerke ruft ein Flugbegleiter aus dem hinteren Bereich der Kabine im Cockpit an: Er habe direkt nach dem Triebwerksstart für eine kurze Zeit einen merkwürdigen, leicht verbrannten Geruch wahrgenommen. Mittlerweile sei er aber wieder verschwunden.

Die Piloten gehen dieser Information nach und werden schnell fündig: Das Flugzeug ist vor dem Flug mit chemischen Mitteln von Schnee und Eis befreit worden. Dabei ist vermutlich eine kleine Menge in ein Triebwerk und dadurch in eine der beiden Klimaanlagen gelangt. Dies erklärt auch, warum sich der Geruch nur in einem Teil des Flugzeugs ausgebreitet hat und warum er sehr schnell wieder verschwunden ist.

Kabinenpersonal informiert sich über Turbulenzen

So startet der Flug planmäßig und ereignislos nach Shannon. Dort steigen die Gäste aus, um die amerikanischen Einreiseformalitäten zu durchlaufen. Nach erneuten Startvorbereitungen geht es zügig auf den Weiterflug über den Atlantik.

Das Flugzeug ist erst seit kurzer Zeit in der Reiseflughöhe, da beginnt es, leicht zu vibrieren. Die anfänglichen Vibrationen steigern sich schnell in deutliche Turbulenzen – genau dann, als das Essen verteilt wird. Schnell kommt der Anruf aus der Kabine im Cockpit: "Wisst ihr, wie lange das noch dauert? Wird es schlimmer? Können wir den Service fortsetzen?"

Die Antwort ist für die Cockpitbesatzung alles andere als einfach: Laut Wetterkarte soll an der aktuellen Stelle alles ruhig sein. Am Rande eines entgegenkommenden Jetstreams sind allerdings Turbulenzen angekündigt. Dort befindet sich das Flugzeug jedoch noch nicht. Es bleibt nur die Nachfrage bei den Kollegen: Auf der sogenannten "Air to Air"-Frequenz erkundigen sich die Piloten bei anderen Flugzeugen in der Gegend, was ihre Erfahrungen mit der Region sind. Kollegen bestätigen die Turbulenz – doch sie sei nur von kurzer Dauer. Die Flugbegleiter entscheiden, den Service vorübergehend einzustellen.

Wer entscheidet, ob eine Zwischenlandung gemacht wird?

Kurt B.

Nach etwa zwei Stunden Flugzeit sind die Flugbegleiter gerade beim Abräumen des Essens, als der Gong des Passagierrufs ertönt. Es hat der Gast geklingelt, der neben dem älteren Herrn, der schon beim Einsteigen auffiel, sitzt. Er hat starke Schmerzen im linken Brustbereich, klagt über Übelkeit und Atemnot. Für die Flugbegleiter, die alle regelmäßig in erster Hilfe geschult werden, ist die Situation offensichtlich: ein medizinischer Notfall.

Die Flugbegleiter gehen sofort zum entsprechenden Verfahren über: Nachdem sie medizinische Ausrüstung bereitgestellt und nach einem Arzt unter den Passagieren gefragt haben, informieren sie sofort die Cockpitbesatzung. Diese interessiert dabei weniger die Art des medizinischen Notfalls, sondern nur die Information, dass es einen gibt.

Ein "Medical Emergency"

Für die Cockpitbesatzung kommt diese Art von Notfall unerwartet aber nicht unvorbereitet. Im Rahmen der normalen Flugdurchführung werden Pläne für unterschiedliche Notfälle laufend aktualisiert. Während die Kabinenbesatzung versucht, genauere Informationen zum Zustand des Patienten zu erhalten, bereiten die Piloten eine mögliche Ausweichlandung vor.

Der nächstgelegene Flughafen befindet sich an der Südspitze Grönlands: Narsarsuaq – ein Flughafen, der aufgrund der geringen Bahnlänge und der vielen Berge im Umland sehr schwierig anzufliegen ist – und ein Krankenhaus gibt es auch nicht in der Nähe.

Für diese Art von Notfall ist er damit nicht geeignet. Etwas weiter entfernt, aber deutlich besser ausgestattet, ist der Flughafen von Gander auf Neufundland im Osten Kanadas.

Die Kabinenbesatzung hat Glück: Unter den Passagieren findet sich ein Arzt für innere Medizin, der eigentlich in den Urlaub fliegt. Er untersucht den Passagier und stabilisiert seinen Zustand mit Hilfe der Medikamente aus der Bordapotheke. Da der Arzt einen Herzinfarkt nicht ausschließen kann, empfiehlt er eine Zwischenlandung, damit der Patient bestmöglich medizinisch versorgt werden kann.

Auch wenn der Kapitän die nautische Gewalt über den Flug innehat, will er der Empfehlung des Arztes folgen.

Am Boden warten bereits Rettungssanitäter

Die Piloten informieren die Flugsicherung über die Ausweichlandung. Von der Flugsicherung gibt es eine neue Flugroute, die die Piloten im Cockpit eingeben und aktivieren. Den Flugbegleitern bleiben nur noch 40 Minuten, bis das Flugzeug am Boden sein wird. In dieser Zeit findet ein fortlaufender Abgleich der Situation in der Kabine, des Zustands des Patienten und des Informationsstandes der Cockpitcrew über die Zwischenlandung statt.

Am Boden angekommen, wird das Flugzeug bereits von Rettungssanitätern erwartet, die den erkrankten Passagier übernehmen und in das örtliche Krankenhaus fahren.

Die Maschine muss nach dieser außerplanmäßigen Landung neu für den Weiterflug vorbereitet werden. Auch wenn die Crew Gander nicht weiter im Detail kennt, kann sie sich dank standardisierter Verfahren auf den Rückweg vorbereiten. Der neue Flugplan wird per Telex übermittelt und die Betankungsmenge festgelegt.

Tanken mit Gästen an Bord

Kann ein Flugzeug mit Passagieren an Bord betankt werden?

Christian H.

Im Normalfall wird ein Flugzeug betankt, bevor die Gäste einsteigen, ansonsten kommt das Verfahren "Betankung mit Gästen an Bord" zum Tragen: Aufgrund des erhöhten Risikos müssen bestimmte Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden.

Für die Bodenabfertigung bedeutet dies eine Reihe von Maßnahmen, die sich im Detail je nach Flugzeug und Flughafen unterscheiden: In der Regel muss die Flughafenfeuerwehr verständigt oder vor Ort sein, es müssen bestimmte Flugzeugtüren geöffnet und mit Treppen versehen sein sowie Flächen vor nicht geöffneten Türen freigehalten werden, damit im Notfall die Notrutschen aktiviert werden können.

Im Flugzeug informiert der Kapitän die Kabinenbesatzung per Durchsage über den Beginn des Betankens. Ein Teil der Flugbegleiter hat jetzt spezielle Aufgaben und muss sich zum Beispiel in den Türbereichen des Flugzeugs aufhalten. Sollte es zu Unregelmäßigkeiten beim Betanken kommen, müssen die Crewmitglieder jederzeit in der Lage sein, die Passagiere zu evakuieren.

Die Passagiere werden ebenfalls auf das Betanken und die besonderen Umstände hingewiesen: Sie müssen sich auf ihre Plätze setzen, dürfen sich aber nicht anschnallen. Ist das Betanken beendet, informiert der Kapitän wieder per Durchsage alle an Bord. Die Flugbegleiter können jetzt ihre Servicearbeiten fortsetzen, sodass die Maschine bald wieder abheben kann.

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