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Cockpit-Crew des Qantas-Direktfluges London-Sydney © Qantas / James D. Morgan

Seit 2015 beantwortet Flugkapitän Nikolaus Braun in der airliners.de-Serie "Antworten aus dem Cockpit" Leserfragen zu Themen rund um Luftfahrttechnik & Flugbetrieb. Die beliebtesten Folgen aktualisieren wir derzeit und veröffentlichen sie neu. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an antwortenausdemcockpit@airliners.de

Was müssen die Piloten vor dem Start klären?

Kevin T.

Wenn sich Kapitän und Copilot vor dem Flug zur Vorbesprechung, dem Briefing, treffen, beginnt das Ganze oft entspannt mit ein wenig Small Talk. "Wo kommst Du her?", "Hast Du auch im Stau gestanden?", "Hast Du gestern Fußball gesehen?" – so unspektakulär und beliebig kann der Einstieg erfolgen und doch ist er ausgesprochen wichtig: Bei fast allen Airlines werden die Crews für jeden Flug neu zusammengewürfelt und je größer die Airline ist, desto größer auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Crew in jener Form so noch nie zusammen geflogen ist.

Es sitzen hier also zwei Personen zusammen, die sich vielleicht noch nie gesehen haben, vermutlich noch nie zusammengearbeitet haben und genau dies in Kürze auf engstem Raum tun müssen.

Im Sinne einer guten Zusammenarbeit ist es unabdingbar, sich zumindest ein wenig kennenzulernen. Viele kleine Aspekte können dazu beitragen, den anderen besser einzuschätzen. So ist der Kollege, der vom Säugling daheim erzählt, vermutlich anders aufgestellt als der Kollege, der von seinem gerade zu Ende gegangenen Urlaub berichtet.

Nachfolgend wird von einem fiktiven Flug mit einem Airbus A330 von Köln nach Panama Stadt ausgegangen. Für diesen Flug wurde von den Flugdienstberatern ("Dispatcher" oder "Flight Operation Officer") vorher ein Briefingpaket erstellt, welches die Piloten anschließend erhalten.

Dieses Briefingpaket erhält den Flugdurchführungsplan, Wetterinformationen, aktuelle Meldungen für die Luftfahrt, technische Informationen zum Flugzeug, spezifische Informationen der Airline sowie vorläufige Angaben zur Beladung. All diese Informationen werden von den Piloten durchgesehen und auf Plausibilität, Relevanz und teilweise Wahrheitsgrad geprüft.

Der Flugdurchführungsplan gibt alle navigatorischen Daten für den Flug zusammengefasst an. Die Piloten legen ein spezielles Augenmerk auf die Treibstoffberechnung, die Flugzeit und die Gewichte: Befinden sich Werte in der Nähe von Maximalwerten? Wie verhält sich die Flugzeit gegenüber der im Flugplan angegebenen Zeit? Welche Treibstoffreserven sind bereits eingeplant? Welches ist der Ausweichflughafen, falls in Panama nicht gelandet werden kann?

Risikofaktor Wetter

Die Wettermeldungen für den Start in Köln sind an diesem Frühlingstag unkritisch. Spannender ist für die Crew das Wetter auf dem Atlantik und am Zielort. Wo liegen heute die Jet-Streams? Wo sind Turbulenzen vorhergesagt? Interessanterweise ist die Vorhersage von Turbulenzen in der Luft eine Disziplin der Meteorologie, die noch deutlich Luft nach oben hat: Dort, wo Turbulenzgebiete eingezeichnet sind, ist es oft ruhig – dafür wackelt es an anderen Stellen.

Ebenso ist die Wettervorhersage im tropischen Panama mit Vorsicht zu genießen: Mit dem Ende der Trockenzeit können wieder mehr Gewitter im Tagesverlauf aufkommen. Eine prinzipiell gute Wettervorhersage kann sich innerhalb kürzester Zeit deutlich verschlechtern, wenn ein Gewitter in den Anflug oder über den Flugplatz zieht. Dies ist ein Risikofaktor, den die Crew den gesamten Flug über im Auge haben wird.

Fokus auf die NOTAMs

Diese Notice to Airmen (NOTAM) enthalten gesammelte, aktuelle Informationen für die Crew, die Abweichungen von den Karten, Verfahren, Ausrüstung oder Betriebsbedingungen für die gesamte Strecke beinhalten. Die NOTAMs für Köln kennt die Crew und erkennt mit einem Blick, dass sich nichts geändert hat. Ebenso überspringen sie die Information, dass bei Pfinztal ein Windrad errichtet wurde – ihre Flugroute führt sie heute dort nicht vorbei.

Größeres Interesse findet die portugiesische Airbase Lajes auf den Azoren, die meldet, dass nach wie vor das Windmessgerät defekt ist, weshalb keine aktuellen Windmeldungen ausgegeben werden können.

Aber warum eigentlich Lajes? Lajes ist von Interesse, da es einer der geplanten Ausweichflughäfen ist, falls ein Triebwerk über dem Atlantik ausfällt. Die NOTAMs für Panama gehen sehr detailliert auf die Bauarbeiten auf einer der beiden Landebahnen ein, wodurch diese Landebahn gekürzt und die Anflugverfahren aufgehoben wurden. Für den Flug ist aber die andere Landebahn geplant - dort gibt es keine betrieblichen Einschränkungen.

In der technischen Dokumentation finden sich nicht behobene Mängel sowie technische Informationen. Das Flugzeug, das sie heute fliegen sollen, ist technisch soweit in Ordnung mit zwei kleinen Ausnahmen: Das eine grüne Navigationslicht an der rechten Tragflächenspitze ist ausgefallen und konnte noch nicht getauscht werden.

Hinzu kommt ein Wasserhahn in einer Bordtoilette, der sich nicht abstellten ließ, weshalb die Toilette komplett gesperrt wurde. Die Piloten müssen diese Fehler bewerten und sich die Verfahren ansehen, die gegebenenfalls zur Kompensation gefordert sind. Für das defekte Navigationslicht ist dies schlichtweg der Hinweis, dass das andere System mit einer zweiten Birne genutzt werden muss.

Treibstoff als Puffer

Sind alle Informationen gesichtet, wird die Entscheidung getroffen, ob und wenn ja wie viel Treibstoff zusätzlich zu den geforderten Mindestmengen mitgenommen wird. Auf der Strecke rechnet die Crew heute mit keinen größeren Risiken, da der Luftraum im Zentralatlantik nur wenig beflogen wird und damit alle geplanten Flughöhen auch zur Verfügung stehen sollten.

In Panama ist mit hohem Verkehrsaufkommen zu rechnen, allerdings klappt der Anflug in der Regel ohne Warteschleifen. Einziges Risiko wäre hier eine Gewitterwolke. Die Crew entscheidet sich dafür, Treibstoff für 15 Minuten Flugzeit in Panama mitzunehmen. So hat sie - falls ein Gewitter in der Tat hereinzieht - ein wenig Zeit zum Abwarten und kann dann mit etwas mehr Ruhe eine Entscheidung treffen.

Mit dem Dispatcher, der den Flug geplant hat, spricht die Crew in der Regel nicht mehr. Nur, wenn die Crew Rückfragen oder Änderungswünsche zur Flugroute hat, sowie bei besonderen Wetterereignissen, wird ein Beratungsgespräch durchgeführt. Ob diese Unterredung in speziellen Briefingbereichen, am Gate oder an Bord stattfindet, ist bei jeder Airline unterschiedlich.

Briefing der Kabinencrew

Im Anschluss an das Briefing der Cockpit-Crew findet ein gemeinsames Briefing mit der Kabinen-Crew statt, die sich in der Regel schon separat getroffen hat. In dem gemeinsamen Briefing informiert der Kapitän die Kabinenbesatzung über die Besonderheiten des heutigen Fluges.

Das beinhaltet zum Beispiel Informationen zur erwarteten Wetterlage im Reiseflug, die berechnete Flugzeit und technische Besonderheiten mit Relevanz für die Kabinenbesatzung: Während das Navigationslicht die Kabinencrew nicht weiter kümmert, interessiert sie die gesperrte Toilette umso mehr. Im Anschluss an das Briefing betritt die Crew das Flugzeug, sofern sie noch nicht da ist.

An Bord trifft sie auf die Mitarbeiter der Firmen, die das Flugzeug für den Abflug vorbereiten: Die Caterer räumen die Wagen mit Essen und Getränken aus den Hubwagen in die Küchen. Die Cleaner ziehen in großer Zahl durch die Passagierkabine und verteilen Kissen, Zeitschriften sowie die Toilettenartikel in den Toiletten, nachdem alles gereinigt worden ist.

Zur Freude der Kabinenbesatzung sind auch zwei Techniker zu sehen, die gerade noch die notwendigen Formulare und Bordbücher ausfüllen, nachdem sie den Wasserhahn tauschen konnten und damit die ehemals defekte Toilette wieder genutzt werden kann. Im Rahmen ihrer Überprüfungen haben sie keine weiteren Beanstandungen festgestellt, sodass sie das Flugzeug an die Besatzung übergeben.

Der Tankwagenfahrer hat schon begonnen, die bestellte Menge Treibstoff in die Tragflächentanks zu pumpen. Der Ramp Agent überwacht alle Vorgänge um das Flugzeug und koordiniert die Beladung. Er ist es, der sich mit der Crew abspricht, wenn es Unregelmäßigkeiten gibt.

Betankung (Symbolfoto). © Adobe Stock / Chalabala

Heute läuft alles nach Plan. Er informiert die Cockpit-Crew lediglich darüber, dass im vorderen Frachtraum eine Palette mit Medikamenten beladen wird, die kühl gelagert werden muss. Er hat dafür schon die notwendige Temperaturvorwahl für den vorderen Frachtraum eingestellt.

Während die Cockpit-Crew alle Systeme mit diversen Selbsttests überprüft und die Bordrechner mit der Flugroute sowie weiteren Daten füttert, überprüft die Kabinenbesatzung die Sicherheitsausrüstung auf Funktion sowie Vollständigkeit und die Essensbeladung.

Koordination des Einstiegs

Vom Gate melden sich die Kollegen der Passagierabfertigung und sprechen ab, wann die Fluggäste in die Maschine einsteigen können. Sie kündigen an, dass mit dem ersten Bus vorab zwei Passagiere kommen, die Hilfe beim Treppensteigen benötigen sowie drei Familien mit Kinderwagen und Kleinkindern. Der Ramp Agent wird darauf achten, dass die Kinderwagen separat verladen werden, sodass sie nach der Ankunft schnellstmöglich wieder genutzt werden können.

Alles ist fertig – es kann losgehen!

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