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Was ist der Unterschied zwischen Notlandung und Sicherheitslandung?, © AirTeamImages.com/TT
Cockpitcrew in einem Airbus A320 © AirTeamImages.com / TT

Seit 2015 beantwortet Flugkapitän Nikolaus Braun in der airliners.de-Serie "Antworten aus dem Cockpit" Leserfragen zu Themen rund um Luftfahrttechnik und Flugbetrieb. Die beliebtesten Folgen aktualisieren wir derzeit und veröffentlichen sie neu. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an antwortenausdemcockpit@airliners.de

Wann kommt es zu einer Notlandung und wann zu einer Sicherheitslandung?

Thomas K.

Auch wenn Verkehrsflugzeuge regelmäßig gewartet werden, kann es immer mal wieder zu Ausfällen oder Fehlfunktionen in einem der vielen komplexen Systeme kommen - ein Aspekt der Technik, der für die Piloten zu ihrem normalen Arbeitsalltag an Bord gehört.

Schaut man in die Betriebshandbücher eines Verkehrsflugzeugs, findet man die Verfahren in zwei Kategorien eingeteilt: zum einen die "Normal Procedures" und zum anderen die "Non-Normal-Procedures" (Boeing) beziehungsweise "Abnormal and Emergency Procedures" (Airbus). Die "Abnormals" beinhalten Verfahren für alle Arten von Systemausfällen. So findet man dort beispielsweise kurze Verfahren zum Zurücksetzen eines Computers für die Temperaturregelung der Klimaanlage.

Ebenso findet man dort etwas komplexere Verfahren für den Fall eines Triebwerksausfalls bis hin zu hochkomplexen Verfahren bei weitreichenden technischen Defekten wie zum Beispiel der Isolierung eines Treibstofflecks. Der Einfachheit halber bezieht sich dieser Artikel auf die Airbus-Verfahren, sofern es nicht anders erwähnt wird.

Sicherer Reset der Systeme

Ein kleiner technischer Defekt, wie er immer mal wieder auftreten kann, bleibt für die Passagiere meist unbemerkt. Da viele Systeme über Computer angesteuert werden, wird bei einer Vielzahl an Ausfällen ein Zurücksetzen des Systems durch die bereits angesprochenen Verfahren veranlasst.

Computernutzer kennen das: "Einfach mal aus- und wieder einschalten." Im Flugzeug wird das aber nicht "einfach so" gemacht, sondern streng nach Verfahren: Je nach System sind dabei bestimmte Vorkehrungen zu treffen, um einen Reset sicher durchführen zu können. Lässt sich das Problem mit Hilfe des Resets nicht lösen, wird das betroffene System in der Regel abgeschaltet und ist ein Fall für die Techniker am Zielort.

Oft informieren die Piloten den Wartungsbetrieb schon aus der Luft, um eventuelle Folgen für den nächsten Flug zu klären: Die "Minimum Equipment List" (MEL) regelt, welche Systeme einen Defekt haben dürfen und wie damit umgegangen wird. So dürfen zum Beispiel Teile der Positionslichter defekt sein, wenn die weißen Blitzlichter alle funktionsfähig sind. Systeme, die nicht in der MEL aufgeführt sind, müssen funktionieren. Liegt in einem solchen Bereich ein Defekt vor, muss er am Boden vor dem nächsten Flug behoben werden.

Übertragen auf ein Auto könnte beispielsweise das Fahren mit einem ausgefallenen Scheibenwischer gestattet sein, wenn vor Fahrtantritt klar ist, dass es nicht regnen wird. Bei einem Defekt an der Bremsanlage wäre eine Weiterfahrt nicht möglich. Der Ausfall des Autoradios hingegen wäre wiederum kein Problem.

Was heißt "Land as soon as possible" für die Piloten?

Mareike K.

Bei größeren Fehlern, wie zum Beispiel dem Ausfall eines Triebwerks bei einem zweimotorigen Flugzeug, ist klar, dass das Flugzeug baldmöglichst wieder landen sollte. Airbus schreibt hier "Land as soon as possible (asap)" in gelber Schrift auf dem Display. Für die Crew ist das der Hinweis, zügig wieder zu landen, allerdings erst, nachdem das Flugzeug entsprechend für die Landung vorbereitet worden ist - es ist noch keine Notlandung.

Diese Arten von Sicherheitslandungen sind vermutlich der Großteil der technisch bedingten Ausweichlandungen: Das Flugzeug ist im aktuellen Zustand noch problemlos flugfähig und kann kontrolliert gesteuert werden. Es ist lediglich die Absicherung (Redundanz) verloren gegangen, die einen weiteren Ausfall kompensieren könnte.

Im Falle des Triebwerksausfalls heißt das: Das Flugzeug ist trotz des Verlusts eines Triebwerks vollumfänglich flugfähig. Es kann zwar vielleicht nicht mehr die aktuelle Reiseflughöhe halten und muss etwas tiefer weiterfliegen, aber es kann ohne Weiteres noch mehrere Stunden in der Luft bleiben und sicher zu einem Ausweichflughafen fliegen.

Versagen mehrerer Systeme

Erst bei sehr großen Fehlern kann es wirklich zu einer Notlandung kommen. "Großer Fehler" heißt hier ein Versagen mehrerer Systeme oder eine Situation, die ein sofortiges Landen erfordert - Airbus schreibt bei diesen Fehlern "Land as soon as possible" in Rot.

Fehler dieser Art kann man in zwei Gruppen einteilen: Zum einen Fehler, welche die Flugfähigkeit oder Steuerung des Flugzeuges drastisch reduzieren, und zum anderen alle Probleme, die mit Feuer oder Rauch zu tun haben.

Fällt ein Flugzeug bei Ausfall aller Motoren vom Himmel?

Jannik P.

Fallen bei einem Flugzeug gleichzeitig alle Triebwerke aus, fällt es nicht vom Himmel. Es wird zum Segelflugzeug und gleitet im Segelflug langsam der Erde entgegen. Auch wenn in diesem Fall eine Landung eine echte Notlandung ist, kann es durchaus gut ausgehen.

Erfolgreiche Landung

In der Geschichte der Luftfahrt finden sich mehrere erfolgreiche Landungen von Verkehrsflugzeugen ohne laufende Motoren. Einer der bekanntesten Fälle ist der Flug Air Transat 236. Der Linienflug eines Airbus A330-200 im August 2001 von Toronto nach Lissabon hatte nach etwa vier Stunden Flugzeit ein Leck in einer Treibstoffleitung. Aufgrund von Arbeitsfehlern bemerkten die Piloten das Leck erst sehr spät. Sie strebten eine Ausweichlandung auf den Azoren an. Kurze Zeit später fiel der erste Motor wegen Treibstoffmangels aus, kurz darauf der Zweite. Es folgte ein 20-minütiger Sinkflug ohne Motor, der in einer erfolgreichen Landung auf der Militärbasis Lajes auf den Azoren mündete.

Ein "Worst Case" in der Verkehrsfliegerei ist Feuer an Bord. Natürlich sind in einem Flugzeug alle eingebauten Gegenstände besonders feuerfest oder mindestens schwer entflammbar, sodass es zum Glück ausgesprochen selten zu einem Brand kommt.

Aber Feuer birgt zwei große Gefahren: Ist es erst einmal ausgebrochen, ist es schwierig wieder einzudämmen. Es entsteht meist viel Rauch, der für die Menschen gefährlich ist. Feuer an Bord - oder alle Zeichen, die auf ein Feuer hinweisen können - werden daher sofort und massiv bekämpft.

Die gesamte Besatzung wird regelmäßig in den Notverfahren geschult und muss im Training auch echte Feuer löschen. Neben der Rauchschutzausrüstung, die eine komplett unabhängige Luftversorgung garantiert, und den obligatorischen Feuerlöschern gibt es auch schweres Werkzeug, um versteckte Brandherde erreichen zu können.

Sofortige Landung bei Rauch

Rauchmelder erkennen ein mögliches Feuer im Frachtraum. Entschließt sich die Crew, die Löschmittel zur Brandbekämpfung in den Frachtraum zu schießen, kann ein Feuer für mehrere Stunden unterdrückt werden. Ob es sich dabei allerdings um eine echte Warnung oder einen Fehlalarm handelt, ist nicht mehr herauszufinden: Das Löschmittel ist für den Rauchmelder wie Rauch, sodass die Warnung bestehen bleiben wird.

In jedem Fall wird die Cockpit-Crew bei Rauch oder Feuer, wenn die Rauchquelle nicht sofort sicher bestimmt und erfolgreich bekämpft werden kann, das Flugzeug so schnell wie möglich landen.

Mayday, Mayday, Mayday

Gerät ein Flugzeug in eine Luftnotlage, setzt es einen Mayday-Call ab. Dieser geht auf einen britischen Funker zurück, der in engem Kontakt mit Funkern in Paris stand. Es ist vermutlich aus dem französichen "M'aider!" ("mir helfen") oder aus der Verkürzung von "Venez m'aider!" ("Kommen Sie mir helfen!") entstanden.

Im Umkehrschluss bedeutet ein Mayday aber nicht zwangsläufig eine drohende Katastrophe: Verliert ein viermotoriges Flugzeug beim Start einen Motor, ist das erst einmal keine Luftnotlage. Allerdings erfordert der Umstand, dass das Flugzeug von der geplanten Route abweicht und eine besondere Abflugstrecke für Triebwerksausfall fliegt, die dem gehandicapten Flugzeug vor allem ein sicheres Passieren aller Hindernisse ermöglicht und die von jeder Airline individuell festgelegt werden kann.

Ein Mayday-Call in dieser Situation kann zu verantworten sein, da dadurch alle Aufmerksamkeit der Lotsen und anderer Flugzeuge sichergestellt ist. Dies gilt insbesondere an Flughäfen mit einem sehr hohen Verkehrsaufkommen. Die Lotsen bekommen die Chance, anderen Verkehr in der Gegend aus dem Weg zu schaffen und weitere Hilfen bereitzustellen. Ist die unmittelbare Gefahr ausgeräumt, kann ein Mayday auch zurückgenommen werden.

Und Turbulenzen?

Schwere Turbulenzen, so unangenehm sie auch für die Passagiere sein mögen, sind für ein Flugzeug nicht schlimm und damit kein Notfall. Die Tragflächen sind ausreichend elastisch, um den Kräften nachgeben zu können und schwingen dementsprechend auf und ab. Sind alle Passagiere angeschnallt, kann nichts passieren.

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