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Die Tutorial-Kolumne zum Thema industrielles Luftfahrtmanagement. Kollage ©: airliners.de / AirTeamImages, fotolia: Dinosoftlabs, Photocreo Bednarek, Gorodenkoff, contrastwerkstatt

In kaum einer anderen Branche als in der Luftfahrt werden derart hohe Qualifikationsanforderungen an das Personal gefordert. Die Vorgabe zur systematischen Auseinandersetzung mit der Personalqualifizierung kommt aus dem Luftrecht und der EN 9100er Normenreihe. Dem liegt bei beiden Regelwerken der Gedanke zugrunde, dass die Mitarbeiterqualifikation wesentlicher Erfolgsfaktor für sichere Produkte ist. Und nur solche Mitarbeiter, die sich ihres Handelns und der Auswirkungen ihrer Arbeit bewusst sind, können beurteilen, wann Luftfahrtprodukte die Anforderungen erfüllen. Dies gilt nicht nur für ausführendes Personal, sondern auch für die betrieblichen Führungskräfte.

Grundsätzlich sind dabei die folgenden Ausbildungsmethoden zu unterscheiden:

  • die (theoretische) Grundausbildung
  • ein On-the-Job-Training, (praktische Erfahrung)
  • ergänzende Qualifikationsmaßnahmen (u.a. Luftrecht, Human Factors und betriebliche Vorgaben).

Im Übrigen sind dabei neben Erstschulungen periodische Nachschulungen notwendig, in denen Trainingsinhalte aufzufrischen sind Wiederholungs- / Continuation Training

Neben der Personalqualifikation ist sicherzustellen, dass das Personal aller Ebenen ausreichende Befugnisse erhalten hat, um die ihnen übertragenen Pflichten wahrnehmen zu dürfen. Während also die Qualifizierung auf das Können abzielt, beschreibt die Berechtigung das Dürfen und stellt damit die betriebliche Erlaubnis dar, bestimmte Tätigkeiten und übertragene Pflichten wahrzunehmen. Berechtigungen (Scope of Authorization) werden auf Basis der nachgewiesenen Qualifikation ausgesprochen. Der Berechtigungsumfang wird in der Luftfahrtindustrie im Normalfall durch ein Flugzeug- bzw. Triebwerksmuster (sog. musterbezogene Berechtigungen, zum Beispiel A320-200) oder durch Systeme und Bauteiltypen definiert.

Führungskräfte

Führungskräfte tragen eine besondere betriebliche Verantwortung, weil sie mit ihrem Handeln nicht nur Einfluss auf ihr eigenes Arbeitsumfeld nehmen, sondern weil sich ihre Entscheidungen auf das ganze Unternehmen, zumindest aber auf einen großen Mitarbeiterkreis auswirken. Eine besondere Bedeutung spielen die Führungskräfte der ersten und zweiten Ebene. So muss jeder behördlich zugelassene Betrieb zunächst einen verantwortlichen Betriebsleiter (Accountable Manager) ernennen. Diesem sind in der zweiten Führungsebene leitende Angestellte (Senior Manager/Nominated Persons) zur Seite zu stellen, die ihm bei seiner Aufgabenerfüllung unterstützen (z.B. Leiter Engineering, Leiter Produktion, Leiter Logistik, Qualitätsmanager).

Ihre notwendige Befähigung und Erfahrung müssen Führungskräfte der ersten und zweiten Ebene mit Hintergrundwissen und anwendungsbereiten Kenntnissen in ihrem jeweiligen Aufgabengebiet sowie im Bereich Luftrecht und Human Factors nachweisen können. Zudem müssen sie sich je nach Verantwortung ihrer Pflichten in folgendem Umfang bewusst sein:

  • Konstruktions- und Planungspflichten,
  • Produktions- und Instandhaltungspflichten,
  • Instruktions- und Hinweispflichten,
  • Produkt-Beobachtungspflichten,
  • Betriebsorganisations- und Aufsichtspflichten.

Neben einer Prüfung des Wissens auf Basis der Aktenlage (z.B. durch Zertifikate und Zeugnisse) müssen die Führungskräfte ihre Kenntnisse üblicherweise auch persönlich gegenüber der zuständigen Luftfahrtbehörde unter Beweis stellen. Hier sind die gesetzlichen Vorgaben in der Luftfahrtindustrie vergleichbar mit denen des Bank- oder Versicherungswesens.

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Operativ tätiges Administrativpersonal

Auch administrative Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung können in der Luftfahrt Entscheidungen von großer Tragweite fällen. So bestimmen Entwicklungsingenieure über die Beschaffenheit des Flugzeugdesigns oder von Luftfahrzeugbauteilen und -systemen. Sie definieren Toleranzen oder entscheiden über Betriebslimits und legen in Betriebsvorgaben Entscheidungsgrenzen für die Piloten fest. Um diese oft auch sicherheitskritischen Aufgaben erfüllen zu können, müssen entwicklungsverantwortliche Ingenieure üblicherweise über ein technisches Studium oder eine vergleichbare Ausbildung verfügen. Diese hohe Eingangsvoraussetzung wird vom Luftrecht gefordert, um zu gewährleisten, dass Berechtigte in der Flugzeugentwicklung die Zusammenhänge, Wechselwirkungen und Folgen ihres Handelns einschätzen können.

In der Luftfahrttechnik-Management-Kolumne erläutert Prof. Martin Hinsch, wie luftfahrttechnische Betriebe aufgebaut sind. Der Text lehnt sich eng an sein Fachbuch "Industrielles Luftfahrtmanagement - Technik und Organisation luftfahrttechnischer Betriebe" an, das seit kurzem in neuer, 4. Auflage im SpringerVieweg Verlag verfügbar ist.

Administrative Mitarbeiter der Fertigungsvorbereitung, der Personaldisposition, der Produktionssteuerung wie auch des Qualitätsmanagements benötigen ebenfalls eine intensive Einarbeitung und luftfahrttechnische Erfahrung, weil sie ihm Rahmen ihrer Planungsfunktionen das Bindeglied zwischen Entwicklung und Produktion bilden. Diese Mitarbeiter nehmen mit ihrem Handeln wesentlichen Einfluss auf den Produktionsablauf, weil sie zum Beispiel verantwortlich für die zeitliche Einteilung (auch sicherheitskritischer) Aufgaben sind. Ebenso entscheiden sie über die jeweilig notwendige Mitarbeiterqualifikation für die Arbeitsausführung in der Herstellung oder Instandhaltung.

Alle diese Mitarbeiter müssen neben einer angemessenen Ausbildung und eines klar definierten On-the-Job Trainings theoretisches Wissen im Bereich Luftrecht und Human Factors nachweisen können und regelmäßig an Refresher-/Continuation Trainings teilnehmen. Auch sie sind im Anschluss an die Qualifizierung für ihr zukünftiges Aufgabenspektrum zu berechtigen. So soll das Risiko minimiert werden, dass das Personal Tätigkeiten ausführt, für das es nicht qualifiziert wurde.

Produktionspersonal

Beim Produktionspersonal unterscheidet das Luftrecht zunächst zwischen Herstellung und Instandhaltung. Da es sich bei der Herstellung üblicherweise um Serienfertigung, also um die Wiederholung immer gleicher Tätigkeiten handelt, sind die Qualifikationsanforderungen durch das Luftrecht grundsätzlich geringer als an die der Instandhaltung. Letztere ist nämlich durch verschiedenartige, arbeitsintensive Tätigkeiten mit geringem Wiederholungsgrad geprägt. Instandhaltung verlangt zudem oftmals auch die Fähigkeit zur Bewertung von Sachverhalten.

Freigabeberechtigtes Produktionspersonal

Innerhalb der luftfahrttechnischen Herstellung und der Instandhaltung gibt es sogenanntes freigabeberechtigtes Personal (Certifying Staff). Hierbei handelt es sich um besonderes Produktionspersonal, das zugleich Prüfufgaben wahrnimmt. Aufgabe des freigabeberechtigten Personals ist es, nach Abschluss aller Arbeitsschritte bzw. -pakete, die ordnungsgemäße Durchführung der angewiesenen Tätigkeiten zu bestätigen. Da Certifying Staff an luftfahrttechnischen Produkten zur Endkontrolle und zur Freigabe für den Betrieb berechtigt ist, trägt es eine besondere Verantwortung.

Das Luftrecht fordert vom freigabeberechtigten Personal zunächst fundiertes theoretisches Grundwissen. So muss es klar definierte Kenntnisse in den Bereichen Mathematik, Physik, Elektronik, Digitaltechnik, Werkstoffe, Aerodynamik, Human Factors, Luftfahrtgesetzgebung, Luftfahrzeugsysteme und -strukturen sowie Antriebsysteme vorweisen. Das Grundwissen ist unter behördlich klar definierten Prüfungsstandards (Fragetechniken, Dauer, Mindesterfolg) unter Beweis zu stellen.

Neben dieser umfassenden theoretischen Ausbildung muss freigabeberechtigtes Luftfahrtpersonal über eine mindestens dreijährige praktische Erfahrung in der Instandhaltung bzw. Herstellung verfügen. Dabei ist auch praktisches Wissen im Umgang mit Prüfprogrammen und Prüfverfahren sowie mit den zur Anwendung kommenden Prüfunterlagen, Prüfgeräten und Prüfeinrichtungen nachzuweisen.

Um sicherzustellen, dass das Qualifikationsniveau des freigabeberechtigten Personals auch über den Zeitablauf aufrechterhalten bleibt, ist die andauernde praktische Erfahrung alle zwei Jahre nachzuweisen. Theoretisches Wissen ist ebenfalls zweijährlich in einem Continuation Training aufzufrischen bzw. um aktuelle Kenntnisse der einschlägigen Technologien, der betrieblichen Verfahren oder im Bereich von Human Factors zu erweitern.

Über den Autor

Als Experte für Luftfahrttechnik erläutert Prof. Martin Hinsch in seiner Tutorial-Kolumne "Luftfahrttechnik-Management" auf airliners.de, wie luftfahrttechnische Betriebe aufgebaut sind und wie sie arbeiten.

Prof. Dr. Martin Hinsch Prof. Dr. Martin Hinsch ist Experte für luftfahrttechnisches Qualitäts-, Safety- und Prozessmanagement und lehrt Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Aviation-Management an der IUBH in Hamburg. Zudem ist er als authentifizierter Luftfahrt-Auditor zugelassen. Über seine Unternehmensberatung (aeroimpulse.de) unterstützt er luftfahrttechnische Industriebetriebe in Entwicklung, Herstellung und Instandhaltung. Vor seiner jetzigen Tätigkeit war er rund zehn Jahre bei der Lufthansa Technik AG und als Senior Consultant in Katar beschäftigt.

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