Alle Blicke auf Thiele - Lufthansa-Rettung vor Entscheidung

Wochenlang haben Bundesregierung, Lufthansa und EU an einem Rettungsplan für die Fluggesellschaft gefeilt. Jetzt entscheidet ein Mann, ob daraus was wird. Vor der Aktionärsentscheidung steht Großaktionär Heinz Hermann Thiele im Mittelpunkt.

Heinz Hermann Thiele, Mehrheitsaktionär und Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Knorr-Bremse AG (Foto undatiert). © dpa / Privat/dpa

Rettung durch den deutschen Staat oder harte Sanierung in einer Insolvenz - vor dieser Entscheidung stehen die Aktionäre der corona-geplagten Lufthansa. An diesem Donnerstag (12.00 Uhr) stimmen sie auf einer außerordentlichen Hauptversammlung darüber ab, ob dem Bund im Zuge der angepeilten Rettung ein Anteilspaket von 20 Prozent und weitere Bezugsrechte zugestanden werden.

Alle Blicke richten sich dabei auf den Selfmade-Milliardär Heinz Hermann Thiele, der als größter Aktionär mit einem Anteil von 15,5 Prozent den Staatseinstieg alleine verhindern könnte. Grund ist die geringe Beteiligung von weniger als 38 Prozent der Stimmrechte an der im Internet stattfindenden Aktionärsversammlung, die Thiele an diesem Schicksalstag eine Sperrminorität verschafft.

Ein deutscher Selfmade-Milliardär und "Steinzeitkapitalist"

Der 79 Jahre alte Heinz Hermann Thiele gehört zu den reichsten Deutschen, auf gut 16 Milliarden Dollar schätzt die Nachrichtenagentur Bloomberg sein Vermögen. Aber Thiele hat es nicht geerbt - er ist Selfmade-Milliardär.

Als 28-Jähriger fing der Mainzer nach seinem Jurastudium 1969 bei dem Münchner Mittelständler Knorr-Bremse an, als Sachbearbeiter in der Patentabteilung. 1979 wurde er Vertriebschef, 1985 übernahm er die Firma. Der damalige Firmenerbe wollte alles verkaufen und sich nur noch der Religion widmen, die Geschäfte liefen schlecht, "hier stimmte gar nichts", erklärte Thiele später in einer Firmenschrift. Als sich kein Käufer fand, sicherte sich Thiele die angeschlagene Firma auf Pump: "Ich habe aus der Not eine Tugend gemacht."

Den Rat einer Unternehmensberatung, das Bremsengeschäft abzustoßen und sich auf Industriepneumatik zu spezialisieren, schlug er in den Wind und tat das Gegenteil. Aus dem Sanierungsfall Knorr-Bremse machte er so einen profitablen Weltmarktführer für Zug- und Lkw-Bremsen mit mehr als sechs Milliarden Euro Umsatz.

Mit 75 Jahren legte Thiele den Aufsichtsratsvorsitz nieder, mit 79 kehrt er jetzt wieder in das Gremium zurück. "Er ist der klassische Patriarch. Noch nie ist eine Entscheidung ohne ihn gefallen", heißt es aus Unternehmenskreisen. Seine Tochter Julia ist ebenfalls im Aufsichtsrat, die beiden halten über die KB-Holding etwa 65 Prozent der Aktien an dem MDax-Konzern. Sein Sohn Henrik leitete das Asiengeschäft und sollte 2015 eigentlich die Bahnsparte übernehmen - schied dann aber aus persönlichen Gründen komplett aus.

Als das "Manager Magazin" Thiele in seine "Business Hall of Fame" aufnahm und als "hervorragenden Unternehmer und Antreiber" würdigte, war die Auszeichnung Knorr-Bremse im Geschäftsbericht 2017 ganz vorne die erste Doppelseite wert. Thiele sagte dem Magazin: "Ich bin Unternehmer und werde bis zum letzten Atemzug unternehmerisch tätig sein."

Die Rezession nach der Finanzkrise 2008 nutzte sein Unternehmen zu Übernahmen und zur Expansion in Asien. Er selbst stieg 2011 privat bei dem Schienenausrüster Vossloh ein und sicherte sich nach einem Machtkampf mit der Gründerfamilie 50 Prozent.

Als Knorr-Bremse 2017 ein kleines Werk in Berlin schloss, griff ihn der IG-Metall-Bezirkschef als asozialen "Steinzeitkapitalisten" an, der Arbeitsplätze vernichte aus bloßer Gier. Einen Tarifvertrag mit der Gewerkschaft hat der Konzern bis heute nicht. Auf der anderen Seite ist Thiele Ehrenbürger von Aldersbach in Niederbayern und Kecskemét in Ungarn, wo er neue Werke und Arbeitsplätze schuf.

Seit Anfang März ist Thiele Großaktionär bei Lufthansa. Über seine Investmentgesellschaft KB Holding hatte er zunächst am 5. März die Meldeschwelle von drei Prozent überschritten. Damals kostete die Aktie rund elf Euro. Knapp zwei Wochen später stockte Thiele dann für rund neun Euro je Papier auf gut zehn Prozent der Lufthansa auf. Seit Mitte Juni gehören dem Vielflieger genau 15,52 Prozent der Lufthansa Group.

Rettungspaket aus vielen Bestandteilen

Thiele beklagt nun, dass das Lufthansa-Management intensiver über die Bedingungen des Rettungspakets hätte verhandeln können. Sogar mit dem Bundesfinanzminister dem Wirtschaftsminister und Lufthansa-Chef Carsten Spohr gab es seitdem ein Treffen. Seine Entscheidung hat Thiele nach seinem Gespräch mit den Bundesministern Scholz und Altmaier zunächst weiter offen gelassen.

Laut einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" will Thiele dem Rettungspaket für die angeschlagene Airline nun allerdings doch zustimmen. Damit würde dem Einstieg des Staates bei der Fluggesellschaft nichts im Wege stehen. "Ich werde für die Beschlussvorlage stimmen", sagte Thiele am Mittwoch der Zeitung. Zuvor hatte er bereits angedeutet, der Rettung nicht im Wege stehen zu wollen.

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Mit rund 300 Millionen Euro ist die Aktienbeteiligung eigentlich der kleinste Part des neun Milliarden Euro schweren Rettungspakets, aber für die Alt-Aktionäre der einzige Hebel. Schließlich würden ihre Anteile durch die neuen Aktien für den Bund verwässert. Sie sollen auch noch zum Vorzugspreis von 2,56 Euro ausgegeben werden, rund ein Viertel des aktuellen Börsenkurses. Ohne die Beteiligung wäre aber auch das gesamte Rettungspaket samt stiller Einlage und KfW-Kredit gestorben.

Fondsgesellschaften wie DWS und Union Investment wollen daher für die Kapitalmaßnahme stimmen, denn im Fall einer Pleite droht der Totalverlust. Auch die Deka-Nachhaltigkeitsexpertin Vanessa Golz erklärt: "Uns Aktionären bleibt nichts anders übrig, als der Kapitalerhöhung für den Einstieg des Staates zähneknirschend zuzustimmen. Ansonsten wäre der Kranich kein Vogel mehr."

Obwohl Thieles Widerstand gegen den Staatseinstieg seit Tagen im Raum steht, erwarten Anleger offenbar, dass die Rettung irgendwie gelingt. Der Kurs der Lufthansa-Aktie, der in der Corona-Krise seit Mitte Februar zeitweise um mehr als die Hälfte auf nur noch gut sieben Euro abgestürzt war, pendelte zuletzt zwischen neun und zehn Euro. Damit war der vor wenigen Tagen in den MDax abgestiegene Konzern an der Börse gerade noch um die 4,5 Milliarden Euro wert - weniger als die Hälfte des geplanten Hilfspakets und weniger als das, was der Staat über neue Aktien und stille Beteiligungen an Eigenkapital zuschießen will.

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In Branchenkreisen wird aber spekuliert, dass Thiele den verborgenen Plan verfolgen könnte, seinen Einfluss bei Lufthansa in einer Insolvenz noch auszubauen. Allein oder mit Partnern könnte er nach einem von ihm verhinderten Staatseinstieg einen Massekredit über mehrere Milliarden Euro anbieten. Damit könnte Thiele entscheidenden Einfluss auf das weitere Schicksal des Konzerns gewinnen, meint unter anderen Analyst Mark Manduca von der Citigroup. Der Profit würde sich für den 79 Jahre alten Thiele bestenfalls sehr langfristig einstellen - nach einer harten Sanierung des Kranich-Konzerns und einer Abspaltung der profitablen Wartungssparte Lufthansa Technik.

Lufthansa bereitet sich auf Schutzschirmverfahren vor

Der Konzern hat sich nach Worten von Vorstandschef Carsten Spohr auf ein mögliches Scheitern des Rettungsplans vorbereitet. "Der Vorstand wird, falls die Stabilisierungsmaßnahmen nicht umgesetzt werden können, versuchen, ein sogenanntes Schutzschirmverfahren zu beantragen", heißt es in der Einladung zur Hauptversammlung. Unbedingt verhindert werden soll der abrupte Stopp des Flugbetriebs, das "Grounding". Über notwendige Überbrückungskredite will Spohr dann schnell erneut mit dem Staat sprechen.

Der Schutzschirm ist die mildeste Form einer Insolvenz nach deutschem Recht und bereits beim Ferienflieger Condor erprobt. Er gäbe dem weiter amtierenden Management freie Hand, sich kostspieliger Verträge mit Lieferanten, Dienstleistern, Vermietern und auch mit dem eigenen Personal zu entledigen. Auch die Passagiere müssten um die Erstattungen für bereits bezahlte Tickets bangen. Der Konzern mit 138.000 Beschäftigten hat zudem nach eigener Einschätzung 22.000 Stellen zu viel an Bord. Bislang soll das Problem noch einvernehmlich gelöst werden, wobei sich die Verhandlungen über Sparbeiträge des Personals hinziehen.

© dpa, Frank Rumpenhorst Lesen Sie auch: Weiterhin keine Einigung mit Gewerkschaften zum Personalabbau bei Lufthansa

Die Arbeitnehmer fürchten bei einer Pleite einen Kahlschlag. Nicht umsonst haben die Gewerkschaften nach eigenen Angaben allein für das fliegende Personal in Deutschland Einsparungen im Wert von mehr als einer Milliarde Euro angeboten, wenn es dafür Jobsicherheiten gibt. Verdi-Vize Christine Behle warnte: "Eine Insolvenz würde die Beschäftigtenstrukturen der Lufthansa zerstören und das öffentliche Vertrauen in die Lufthansa nachhaltig beschädigen. Mit der staatlichen Hilfe können Arbeitsplätze erhalten und Einkommen gesichert werden".

Von: dk, dh mit dpa

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