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Zwei Flugzeuge mit Kondensstreifen © AirTeamImages.com / Carlos Enamorado

Die UN-Luftfahrtorganisation Icao kann inmitten der Corona-Krise Fortschritte bei der technischen Ausgestaltung des internationalen CO2-Kompensationsprogramms Corsia erzielen, doch die Fluggesellschaften wollen angesichts der Corona-Krise die Regeln für die Berechnungsgrundlagen ändern.

Eigentlich werden in diesem Jahr die sogenannten "Baseline-Emissions" der Airlines bestimmt. Sie melden über die Icao-Mitgliedstaaten ihren CO2-Ausstoß für die Jahre 2019/2020. Davon ausgehend muss dann ab 2021, das darüber hinaus ausgestoßene CO2, also das Emissionswachstum, kompensiert werden. Mit dem monatelangen Grounding der großen Airlines werden die Emissionen für 2020 jedoch weit geringer ausfallen als gedacht. Und dafür 2021 umso stärker wachsen.

BDL will nur 2019 als Basisjahr

Für den internationalen Airline-Verband Iata, derzeit kaum um Superlative verlegen, wird Corsia, sollten die derzeitigen Baseline-Regeln beibehalten werden, angesichts der wirtschaftlichen Verwerfungen zur "Überlebensfrage" für die Fluggesellschaften. Die Baseline-Regeln müssten dringend an die derzeitige Situation angepasst werden. Andernfalls drohe der Rückzug großer Staaten aus Corsia.

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Das dürfe jedoch keinesfalls passieren, sagte ein Sprecher des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) gegenüber airliners.de. "Corsia wird nur gelingen, wenn es auch in solchen Ländern weiter Akzeptanz findet, die dem Abkommen aufgrund der damit verbundenen Belastungen des Luftverkehrs eher reserviert gegenüberstehen." Daher sei es wichtig, dass die Staatengemeinschaft den Mechanismus zur Festlegung des Basiswerts nachjustiert. Der BDL unterstütze den Vorschlag, einzig das Jahr 2019 als Grundlage für die Baseline-Emissions heranzuziehen, so könne ein durch die Corona-Krise verzerrtes Bild vermieden werden.

Der globale Kompensations-Ansatz von Corsia ist der weltweit erste für eine ganze Branche und wird häufig angeführt, wenn Klimaschützer monieren, dass Corsia nicht weit genug gehe. Neben dem Ausgleich von Emissionswachstum müsse eigentlich auch ein Mechanismus zur Emissionsreduktion existieren, wolle die Luftfahrt nur ansatzweise die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen, so die Kritiker.

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Von einem neuerlichen Aufschnüren der Baseline-Regeln wollen Umweltorganisationen wie der langjährige amerikanische Corsia-Verfechter "Environmental Defense Fund" (EDF) denn auch nichts wissen. Die bestehenden Corsia-Regeln würden den Regierungen der Mitgliedsländer genügend Flexibilität bieten, um "die Baseline im Jahr 2020 anzugehen, ohne dass die Vereinbarungen in einer langwierigen politischen Diskussion neu verhandelt werden müssten".

Die ersten sechs Kompensationsstandards sind ausgesucht

Schließlich konnten sich die Icao-Mitglieder nach zähen Verhandlungen nun endlich auf sechs Offset-Programme für die Corsia-Pilotphase (2021-2023) einigen, in denen einzelne Kompensationsprojekte zertifiziert sind. Man habe die Entscheidung, welche Programme Aufnahme finden von den Empfehlungen des Technical Advisory Board (TAB) der Icao abhängig gemacht, teilte die UN-Behörde mit. Grundlage dafür wiederum seien die Einhaltung der Corsia-Kriterien für Emissionseinheiten (Emissions Unit Eligibility Criteria, EUCs) gewesen. So soll sichergestellt werden, dass die Zahlungen der Airlines für das Wachstum ihres CO2-Ausstoßes auch wirklich zu CO2-Einsparungen führen.

Die Verabschiedung dieses ersten "Carbon Offset Register" ist laut Icao ein großer Schritt für den globale Kompensationsmechanismus. Für die Airlines sei es nun möglich, mit der strategischen Planung zu beginnen und einzelne Projekte auszuwählen oder auch schon zu unterstützen. "Mit der Zustimmung des Rates zu den zulässigen Emissionseinheiten hat die ICAO nun alle Voraussetzungen für die Umsetzung von Corsia geschaffen," so die stellvertretende Icao-Umweltdirektorin Jane Hupe.

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Die US-Rechtszeitschrift "National Law Review" kommt nach einer Begutachtung der sechs anfänglichen Programme zu dem Schluss, "dass jedes etablierten Methoden oder Protokollen für die Ausstellung von Emissionsgutschriften folgt, sowohl in den USA als auch anderswo." So seien die drei in den USA beheimateten Register für internationale Kompensationsprojekte, das American Carbon Registry, die Climate Action Reserve und der Verified Carbon Standard allesamt hoch angesehen. Sie würden wie der in der Schweiz ansässige Gold Standard, der bei Corsia ebenso von Anfang dabei ist, seit Jahren verlässliche Emissionsgutschriften für Märkte und Unternehmen bereitstellen. Das fünfte Programm, das chinesische "China GHG Voluntary Emission Reduction Program" sei zwar ein jüngerer Player im Kompensationsmarkt, habe aber durch die verstärkten Bemühungen Chinas zu mehr Klimaschutz deutlich an Dynamik gewonnen.

Icao-Mitglieder versuchen, Schwellenländern entgegenzukommen

Einen Sonderfall stellt das sechste Programm, der "Clean Development Mechanism", dar. Ursprünglich infolge des Kyoto-Protokolls Ende der 1990er Jahre entstanden, folgt er teils noch gänzlich anderen, in Augen von Kritikern viel zu weichen Kriterien für Ausgleichsgutschriften. Zudem liefen die allermeisten CDM-Projekte seit Jahrzehnten und würden dies auch ohne Corsia weiter tun, wie das "New Climate Institute" in einer Studie festhält. Corsia müsse jedoch vor allem auf neue Projekte setzen, um eine Klimawirkung zu erzielen.

Die Aufnahme des CDM in das Kompensationssystem für die Luftfahrt ist wohl als Zugeständnis an die große Kritik der Schwellenländer an Corsia zu verstehen. Einerseits verfügen sie noch über viele Emissionsgutschriften aus CDM-Projekten, die nun womöglich angerechnet werden, zum anderen werden zwei Drittel der CDM-Projekte in Indien und China umgesetzt.