Airbus fliegt Boeing in dessen schwerer Krise davon

Airbus sammelt mehr Bestellungen und Vorverträge als Konkurrent Boeing und will den US-Amerikanern auch ihren einzigen Großauftrag noch streitig machen. Kassenschlager ist die in Paris vorgestellte A321 XLR.

Ein Airbus A350-1000 fliegt während der 53. Internationalen Pariser Luftfahrtausstellung auf dem Flughafen Le Bourget bei Paris. © dpa / Michel Euler

Der europäische Flugzeugbauer Airbus hat seinen US-Rivalen Boeing auf der Pariser Luftfahrtmesse in dessen schwerer Krise ausgestochen. So sammelte Airbus bis Donnerstagnachmittag Bestellungen und Vorverträge über 383 neue Flugzeuge ein, rund 100 mehr als der bisher weltgrößte Hersteller Boeing. Der neue, kleine Langstreckenjet Airbus A321 XLR verkaufte sich glänzend - sogar in den USA.

"Das war keine typische Air Show", resümierte Boeing-Verkaufschef Ihssane Mounir am Donnerstag. Angesichts der Ausnahmesituation wollte er diesmal nicht vorrechnen, wie viele Flugzeuge Boeing auf der Messe verkauft hat. Den Veröffentlichungen seit Montag zufolge kam Boeing auf Vereinbarungen über 272 Jets.

Le Bourget-Bestellungen 2019
Hersteller Anzahl
Airbus 383
Boeing 272

Die Grafik zeigt die Bestellungen von Airbus und Boeing auf der diesjährigen Paris Air Show.Quelle: dpa

Der größte Deal für Boeing entfällt ausgerechnet auf 200 Exemplare des Krisenfliegers 737 Max. Die Order ist bisher aber nur eine Absichtserklärung. Der Mutterkonzern von British Airways, die International Airlines Group (IAG), hatte die Großbestellung am Dienstag überraschend in Aussicht gestellt. IAG-Chef Willie Walsh, selbst ausgebildeter 737-Pilot, sprach Boeing und den Max-Jets persönlich sein Vertrauen aus.

Airbus will um IAG-Deal kämpfen

Die Airbus-Spitze macht sich allerdings Hoffnung, Boeing den Großauftrag abzujagen, bevor er fix ist. Er freue sich, um den Deal zu ringen, sagte Airbus-Chef Guillaume Faury. Der Konzern schickt dazu seine A320-Neo-Maschinen ins Rennen. Die Reihe hat sich bisher noch besser verkauft als die "Max" und trägt trotz anfänglicher Kinderkrankheiten nicht den Ruf eines Krisen-Jets.

Boeing selbst denkt inzwischen laut darüber nach, der 737 Max einen neuen Namen zu verpassen. "Unsere Kunden entscheiden, wie sie das Flugzeug nennen", sagte Boeing-Manager Mounir. So preist Großabnehmer Ryanair den Jet bereits als "737 Gamechanger" an, und IAG sprach bei der Ankündigung am Dienstag lediglich von den Varianten 737-8 und 737-10 - bei denen es sich freilich dennoch um "Max"-Jets handelt. Laut Boeing-Finanzchef Greg Smith ist der Konzern auch für eine offizielle Umbenennung offen, falls dies nötig sei, um das Image des Fliegers wieder aufzumöbeln.

Unterdessen punktete Airbus auf der Air Show vor allem mit seinem neuen, kleinen Langstreckenjet A321 XLR - und setzt Boeing damit zusätzlich unter Druck. Gleich elf Kunden entschieden sich für den Flieger, den Airbus seit Montag als neue Variante des Mittelstreckenjets A321 Neo anbietet. Größter Abnehmer ist mit 50 Exemplaren die US-Fluggesellschaft American Airlines aus Boeings Heimat USA. Bis Donnerstagnachmittag summierten sich die mehr oder weniger verbindlichen Verträge für den neuen Airbus-Typ auf 249 Exemplare. Bei 112 davon schrieben Kunden jedoch bestehende Bestellungen auf die neue Variante um. Die letzten Aufträge gingen noch im Laufe des Donnerstags ein - unter anderem von der US-Fluggesellschaft Jetblue.

Die A321 XLR - das Kürzel steht für "Extra Long Range" - soll dank eines großen Zusatztanks Strecken von bis zu 8700 Kilometer bewältigen können und es dadurch etwa von der Mitte Europas bis nach Amerika schaffen. Die Maschine soll etwa 30 Prozent weniger Sprit verbrauchen als die aus den 1980er Jahren stammende Boeing 757, die bisher häufig auf vergleichbaren Verbindungen eingesetzt wird.

797 immer noch nicht beschlossen

Boeing plant selbst eine Neuentwicklung für dieses Segment. Seit Jahren lotet das Management die Absatzchancen für ein mittelgroßes Flugzeug aus, das von Größe her zwischen den Mittelstreckenjets der 737-Reihe und den Großraum-Langstreckenjets wie dem "Dreamliner" Boeing 787 liegen soll. Dieses "New Midsize Aircraft" (NMA), das inoffiziell bereits den Namen Boeing 797 trägt, soll voraussichtlich einen breiteren Rumpf haben als der Airbus A321 XLR und damit mehr Komfort für die Passagiere bieten.

Der Airbus-Flieger basiert hingegen auf dem Mittelstreckenjet A321 Neo. Dieser verfügt wie üblich über eine Kabine mit jeweils sechs Sitzen pro Reihe und einem Gang in der Mitte der Kabine. Die Weiterentwicklung des existierenden Flugzeugtyps zu einem kleinen Langstreckenjet erspart Airbus eine Menge Geld und Zeit. So soll die XLR bereits im Jahr 2023 in den Liniendienst gehen.

Rivale Boeing hat - auch angesichts der Krise um die "Max" - noch nicht beschlossen, ob er die voraussichtlich viele Milliarden US-Dollar teure Entwicklung des NMA anschiebt. Konzernchef Muilenburg beteuerte jedoch, der Jet könne weiterhin im Jahr 2025 fertig sein. Und Verkaufschef Mounir sagte, die A321 XLR decke nur einen kleinen Teil des Marktes ab. Airbus setzt dafür allerdings auch auf seinen kleinsten Großraumjet A330 Neo, von dem er auf der Messe 24 Exemplare losschlug.

Mit im Rennen bei den meistverkauften Airbus-Jets ist der Münchner Triebwerksbauer MTU, der auch an dem Getriebefan-Triebwerk für die A320-Neo-Reihe mitarbeitet, das unter Federführung des US-Herstellers Pratt & Whitney gebaut wird. Insgesamt sammelte MTU in Le Bourget - gemessen an den Listenpreisen - Aufträge über 1,3 Milliarden US-Dollar (rund 1,2 Milliarden Euro) ein.

Von: br, dpa

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