Airbus hängt Boeing bei Bestellungen und Auslieferungen ab

Im ersten Halbjahr 2019 kann Airbus Boeing bei den Auslieferungen deutlich davoneilen. Die Zahl der Neubestellungen bei beiden Konkurrenten liegt jedoch weit von Rekordwerten entfernt.

Airbus-Flotte im Flug © Airbus / S. Ramadier

Im ewigen Duell zwischen Airbus und Boeing verschieben sich die Kräfteverhältnisse durch die Krise bei den Amerikanern. Das Grounding der 737 Max macht Boeing bei den Auslieferungszahlen schwer zu schaffen. Die Vertrauenskrise wegen des Verdachts auf zu schnelle Entwicklung und Pfusch bei der Zulassung des neuen Modells drückt derweil auf die Stimmung, die Neubestellungen gehen zurück.

Die Boeing-Probleme beziehen sich aber nur auf das kleine Brot- und Buttermodell 737. Bei den größeren Marktsegmenten haben die Amerikaner, zumindest was die Auslieferungen angeht, die Nase vorn.

Die Auslieferungen im Detail

Airbus konnte im ersten Halbjahr 2019 insgesamt 389 Flugzeuge an Kunden übergeben. Im Vergleich zu den 303 Maschinen im Vorjahreszeitraum ist das eine Steigerung von fast 29 Prozent. Laut Herstellerangaben kamen 315 Maschinen aus dem Bereich Single Aisle, also Flugzeuge mit einem Gang. Aus der Baureihe A220 wurden 21 Maschinen ausgeliefert, aus der A320-Familie 294 Maschinen.

Boeing konnte in den ersten sechs Monaten des Jahres dagegen nur 239 Flugzeuge ausliefern, wovon 113 aus der 737-Familie mit einem Gang kamen. Im ersten Halbjahr 2018 waren es noch 378 Flugzeuge gewesen, wovon 269 vom Typ 737 waren. Damit hat Boeing insgesamt einen Rückgang von gut 37 Prozent zu verkraften. Betrachtet man die 737 einzeln, kommen die Amerikaner sogar auf ein Minus von 58 Prozent.

Seit dem Grounding 737 Max kann Boeing nur noch Maschinen der Vorgängerversion "Next Generation" ausliefern. Produziert werden die Max-Typen von Boeing allerdings auch weiterhin, um sie nach der Aufhebung des Grounding möglichst schnell an die Kunden ausliefern zu können.

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Boeing-Widebodies laufen gut

Bei den Großraumflugzeugen ist hingegen nichts von der Krise zu spüren. Hier hat Boeing die Nase vorn. Mit 78 Auslieferungen führt das modernste Modell 787 die Statistik an. Danach kommen 767 und 777 mit jeweils 22 Auslieferungen. Darüber hinaus wurden vier 747-Jumbojets ausgeliefert. Insgesamt kommt Boeing damit auf 126 Widebody-Auslieferungen.

Dass das in die Jahre gekommene Modell 767 immer noch auf so viele ausgelieferte Flugzeuge kommt, liegt einerseits an der Beliebtheit als Frachter. Kunden sind hier Fedex und UPS. Daneben zählt Boeing aber auch 14 Maschinen in der ansonsten rein zivilen Statistik, die als Tanker an die US Air Force geliefert wurden. Eigentlich kommt der Hersteller deshalb nur auf 225 Auslieferungen ziviler Flugzeuge.

Im Bereich Großraumflugzeuge steht Airbus mit 74 Maschinen, die an Kunden übergeben werden konnten, deutlich hinter Boeing zurück. Ähnlich wie beim großen Konkurrenten liegt auch bei den Europäern der modernste Großraumjet bei den Auslieferungen vorn. Von der A350 wurden 53 Stück übergeben, davon 45 kleinere -900 und acht der größeren Variante -1000. Die ältere A330 kommt auf 17 Auslieferungen. Der größte Airbus, die A380, kommt wie der Jumbo aus den USA auf nur noch vier ausgelieferte Exemplare.

Bemerkenswert ist der Hochlauf der A330-Neo-Produktion. Mit 13 Flugzeugen des Typs A330-900 kommt die neue Version bereits auf deutlich mehr Auslieferungen als die A330-200 und -300 mit jeweils zwei Stück. Beim A320-Programm sieht es ähnlich aus: 163 A320 Neo und 71 A321 Neo wurden ausgeliefert, während die Ceo-Typen des Programms insgesamt nur noch auf 60 Übergaben kommen. Beim kleinen A220 dominiert mit 15 Exemplaren die kleinere Version -100 vor der größeren -300 mit sechs Auslieferungen.

Auftragszahlen bei beiden Herstellern im Sinkflug

Bei den Bestellungen bietet sich ein ähnliches Bild wie bei den Auslieferungen: Airbus liegt deutlich vor Boeing, wenn auch auf vergleichsweise geringem Niveau. Die Europäer konnten im ersten Halbjahr 2019 insgesamt 213 Bestellungen verbuchen. Dagegen stehen 125 Abbestellungen, was zu 88 Netto-Neuaufträgen führt.

Im Vorjahreszeitraum hatte Airbus noch Nettoaufträge von 206 Flugzeugen verbucht. Wenn man dazu bedenkt, dass die diesjährigen Bestellungen der Paris Air Show schon mit eingerechnet sind, während die Aufträge der Farnborough Air Show 2018 noch nicht mit in die erste Hälfte des Vorjahrs zählten, fällt der Unterschied noch deutlicher aus. Hier offenbart sich eine gewisse Abkühlung des Marktes.

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Beststeller in den ersten beiden Quartalen 2019 waren für Airbus die A320 Neo mit 94, die A321 Neo mit 57 und die A350-900 mit 29 Bestellungen. Von diesen 29 Orders sind allein 20 Bestellungen von der Lufthansa und weitere drei von Lufthansa Technik. Letztere sollen die neue Langstreckenflotte der deutschen Bundesregierung werden. Das erste der der drei Flugzeuge soll nächstes Jahr an Lufthansa Technik ausgeliefert werden und dann seine VIP-Ausstattung bekommen.

Interessanterweise stechen auch bei den Abbestellungen zwei der Bestseller heraus: Von der A320 Neo wurden 33 Stück gecancelt und von der A350-900 40 Stück. Daneben musste auch der Riesenjet A380 mit 31 Abbestellungen Federn lassen.

Boeing rutscht ins Minus

Die Airbus-Zahlen sind für den Hersteller schon unerfreulich, die Zahlen von Boeing sehen hingegen noch düsterer aus und dürften in den USA für schlechte Stimmung sorgen. Insgesamt verbucht der Hersteller im ersten Halbjahr 2019 zwar noch 108 Neubestellungen. Dem stehen allerdings 87 Abbestellungen, oder wie Boeing es nennt, Vertragsänderungen, gegenüber. Dementsprechend gibt es netto nur 21 Neuaufträge. Werden darüber hinaus noch die im vorigen Jahr neu eingeführten Buchhaltungsstandards berücksichtigt, ergibt sich gar ein Minus von 119 Maschinen.

Wie in der derzeitigen Vertrauenskrise zu erwarten, muss Boeing 71 Abbestellungen der 737 Max hinnehmen. Gleichzeitig gibt es nach wie vor Interesse an den älteren Modellen der 737-NG-Baureihe, hier kommen 22 Bestellungen neu hinzu. Die gesamte 737-Baureihe kommt mit allen Ab- und Neubestellungen und unter Berücksichtigung der neuen Buchhaltungsstandards auf ein Minus von 180 Maschinen.

© dpa - Bildfunk, epa Rain Lesen Sie auch: Boeing verliert ersten Großauftrag an Airbus

Größter Verkaufsschlager ist die 787 mit 40 Nettobestellungen und zwei Stornierungen. Mit der neuen Buchhaltungsregeln stehen auch hier nur noch 29 Netto-Orders. Auch die 777 verkauft sich noch gut. Die große Boeing kommt auf 22 neue Verträge, davon 18 für das neue Modell 777X und vier für die bisherige Variante. Abbestellungen gibt es beim 777-Programm nicht.

Airbus könnte 2019 größter Flugzeugbauer der Welt werden

Insgesamt scheinen Airbus und Boeing die fetten Jahre der Bestell-Flut erst einmal hinter sich zu haben. Läuft das zweite Halbjahr 2019 in ähnlicher Art und Weise, so könnte Airbus seinen größten Konkurrenten bei Orders und Deliveries überholen und sich damit zum weltgrößten Flugzeugbauer aufschwingen.

Für Boeing wird es umso dringlicher, endlich Fortschritte bei der 737 Max verkünden zu können und das Grounding der Maschinen zu beenden. Eine Rückkehr des Vertrauens in Hersteller und Überwachungsbehörden könnte nicht nur den Boeing-Kunden und ihren Passagieren, sondern auch auch den Bestellzahlen des Herstellers gut tun.

© Boeing, Lesen Sie auch: Flugzeugbauer: Boeing behauptet 2018 knapp Spitzenposition

Von: hr

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