airliners.de Logo

Aero Days in Berlin: Airbus wirbt für Wasserstoff, Boeing für mehr Effizienz

Bei zwei virtuellen Veranstaltungen treffen Entscheider und technisch verantwortliche aus Politik und Luftfahrtindustrie aufeinander. Für die Transformation des Sektors skizzieren sie unterschiedliche Wege. Am Ende werden wohl alle gebraucht.

Digitale Notizen zu den AeroDays 2020 via Twitter. © DLR

Quer durch die Luftfahrtbranche ist seit Monaten immer wieder zu hören, dass das Bekenntnis zu einer stetig umweltschonenderen Luftfahrt auch mit Corona weiter steht. Trotz des finanziellen Drucks sollen die nötigen Investitionen getätigt werden. Das angestrebte Public-Pivate-Partnership-Modell soll im europäischen Rahmen nicht weniger als den Totalumbau des Energie- wie auch Verkehrssektors zeitigen.

Der Luftfahrt kommt dabei, trotz ihres überschaubaren Gesamtbeitrags an den Treibhausgasemissionen, eine symbolische Rolle zu. Es bedarf neuer, teils disruptiver Technologien und einer Menge politischen Willens, diese marktfähig zu machen. Gleichzeitig entzündet sich an ihr der Klimastreit wie an kaum einem anderen Bereich. Der kommerzielle Betrieb eines emissionsfreien Flugzeuges ließe wenig Ausreden für andere Sektoren, Treibhausgase in die Atmosphäre zu blasen.

Sowohl die Branche als auch die Politik scheinen die mögliche Rolle der Luftfahrt als Triebkraft zu mehr Klimaschutz wohl auch deswegen immer deutlicher anzunehmen. Der Blick nach vorne löst auf Zusammenkünften die Corona-Trübsal ab. So auch beim "Aero Days 2020"-Forum beim "Berlin Aviation Summit". Aufgrund der Pandemie als virtuelle Konferenz veranstaltet, bekannten sich Entscheider aus Wirtschaft und Politik zu ambitionierten Zielen, vor allem dem umfangreichen Einsatz synthetischer Treibstoffe und dem kommerziellen Betrieb eines Wasserstoff-Flugzeuges bis Mitte der 2030er.

Im tiefen Tal der fehlenden Milliarden

Der erste Tag am Dienstag wurde jedoch zunächst für eine recht düstere, wenn auch nicht neue Bestandsaufnahme genutzt. Die Größe der Aufgabe im Angesicht der Krise Thema der hochkarätig besetzten Reihe von Video-Interviews mit unter anderem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und EU-Verkehrskommissarin Adina Valean.

Wie stets in den vergangenen neun Monaten mit desaströsen Zahlen gerüstet, mahnte der scheidende Iata-Chef Alxandre de Juniac entschiedenes Handeln an. Der internationale Passagierverkehr liege derzeit neunzig Prozent unter Vorjahresniveau. Die kommerzielle Luftfahrt werde 2021 "weltweit sechs Milliarden Dollar pro Monat verbrennen. Unser Ziel ist es, die Menschheit wieder zu vernetzen, dafür können wir nicht komplett auf die Wirkung eines Impfstoffs warten." Neben Grenzöffnungen auf Basis eines "Trusted Test System" mit weltweiter gegenseitiger Anerkennung müssten Anstrengungen unternommen werden, die Öffentlichkeit vom geringen Risiko einer Reise zu überzeugen.

Auch Airbus-Chef Guillaume Faury ließ es sich nicht nehmen, vor einem "harten Winter" zu warnen und ein einheitliches Testregime in Europa und in der Folge weltweit, anzumahnen. Die Luftfahrt hinke bei der Erholung hinterher, obwohl sie bestens geeignet sei, durch Konnektivität Vertrauen und Dynamik herzustellen.

Sir Michael Arthur, "International President" bei Boeing, wollte sich nicht weiter "mit dem Tal, durch das wir nur gemeinsam kommen" aufhalten. Der Appetit sei da, "sobald wir eine Impfung haben wird eine Riesennachfrage zurückkehren". Die Zuversicht des Boeing-Vertreters speiste sich hörbar auch aus der Nachricht wenige Stunden vorher, dass die 737 Max in Europa ab Januar wieder fliegen darf: "Great News!"

Auch Easa-Chef Patrick Ky lenkte den Fokus auf die 737 Max, man habe alle kritischen Systeme des Flugzeugs, nicht nur die problematische Software einer intensiven Prüfung unterzogen und ein tiefes Verständnis entwickelt, von dem was passierte. Die hohe Sicherheitskultur sei auch in der Transformation der Branche entscheidend.

Zwischen dem großen Wurf und mehr Effizienz

Airbus-Studie für ein Wasserstoffflugzeug. © Airbus

Dass die kommen wird, war Konsens. Faury positionierte sich eindeutig. Nachhaltigkeit sei mittlerweile das Kernthema aller Zukunftspläne von Airbus. Der Hersteller wolle ein "Zero Emission Aircraft"-Programm 2027 starten und 2035 auf den Markt bringen. Arthur äußerte sich vorsichtiger. Boeing denke "step by step". Für das angedachte Wasserstoff-Flugzeug und den vorgestellten Zeitplan würden noch einige ungeklärte Sicherheitsfragen existieren, es handle sich um eine "sehr große Herausforderung". Boeings Fokus liege auf dem vermehrten Einsatz synthetischer Treibstoffe (SAF), "die Kosten müssen runter, das ist alles entscheidend".

Dabei seien die Staaten unmittelbar gefragt, is de Juniac überzeugt. "Wir wissen, dass SAF der Game Changer werden können. Aber die Kosten sind zu hoch. Die Corona-Krise ist eine Chance das zu ändern." Die weltweiten Konjunkturpakete zur Überwindung der Krise müssten direkt in den Aufbau eines konkurrenzfähigen SAF-Marktes fließen. "Das wäre ein dreifacher Gewinn - neue Jobs, mehr Kliamschutz und ein gangbarer Weg zu einer nachhaltigen Vernetzung der Welt."

Im Endeffekt wird beides benötigt, der ambitionierte Ansatz mit disruptiven Maßnahmen wie dem Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft als auch eine Evolution der bestehenden Antriebstechnologien zu mehr Effizienz und nachhaltigen Treibstoffen. Dass der ambitionierte Ansatz am stärksten in Europa verfolgt wird, zeigte sich noch deutlicher beim ebenfalls stark besetzten "CTO-Panel" der Aero Days am Folgetag.

Zur Entzückung des moderierenden Direktors für Forschung und Innovation der EU-Kommission, Jean-Eric Paquet, adressierten die CTO's der wichtigsten Hersteller die Konferenz. "Hier haben wir tatsächlich jene zusammen, die die technologischen Entscheidungen in der Wirtschaft treffen", so Paquet.

Airbus-CTO Grazia Vittadini bekannte sich wie Faury deutlich zu Wasserstoff. "Wir sehen H2 als vielversprechendsten Weg zu einer sauberen Luftfaht, sowohl für den Transport an Bord als auch als Grundlage für SAF." Grüner Wasserstoff zu stark verringerten Kosten, das sei die Lösung. Der Zeitplan bis 2035 sei eine riesige Herausforderung, schon das Produktdesign werde riesige Kapazitäten binden, die Politik müsse bei Regulierung und Infrastruktur voll mitziehen. "Aber wir müssen es angehen, das sind wir künftigen Generationen schuldig".

Vittadini räumt SAF zwar eine wichtige Rolle ein, doch lässt keinen Zweifel daran, dass Airbus den großen Wurf will. Ihre Branchenkollegen schlagen einen etwas anderen Ton an und rücken SAF in den Mittelpunkt. Chris Raymond von Boeing sagt, man habe beim Thema Wasserstoff durch Demonstratoren zwar viel gelernt, aber "was den Scale Up angeht - mal schauen". Grundlage für Verbesserungen blieben für Boeing vorerst Effizienzgewinne mit bestehender Technologie. Der Kostennachteil der SAF werde mittelfristig fallen, ist er überzeugt. Die Politik müsse dazu noch stärkere Anreize bieten.

Von: Dennis Kazooba

Lesen Sie jetzt

Warum der Markthochlauf für die Wasserstoffwirtschaft so komplex ist

Basiswissen Wasserstoff (4/4) Mit ambitionierten Plänen setzen Politik und Hersteller auf Wasserstoff als Treiber der Energiewende. Die Luftfahrt soll damit deutlich grüner werden. Aber auch andere Branchen schielen auf den grünen Treibstoff. Im vierten Teil unserer Hintergrundserie geht es um die Steuerung von Nachfrage und Angebot .

Warum Herstellung und Transport von Wasserstoff so viel Energie benötigt

Basiswissen Wasserstoff (1/4) Mit ambitionierten Plänen setzen Politik und Hersteller auf Wasserstoff als Treiber der Energiewende. Die Luftfahrt soll damit deutlich grüner werden. Im ersten Teil der airliners.de-Hintergrund-Serie werfen wir einen Blick auf Herstellung und Transport. Denn beides ist aufwändig.

Lesen Sie mehr über

Industrie Politik Rahmenbedingungen Wirtschaft Strategie Management Umwelt Wasserstoff Treibstoffe F&E Technik Kapitalmarkt