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Eine Boeing 737-Max-8 der Tui Fly. © dpa / Dirk Waem

Nach dem Absturz einer Boeing 737 Max 8 der Ethiopian Airlines am Sonntag und einer Lion-Air-Maschine des gleichen Typs im vergangenen Oktober ist die neueste Version des Boeing-Mittelstreckenjets fast überall auf der Welt wegen Sicherheitsbedenken gegroundet.

Für Boeing drohen die beiden Abstürze jetzt zum finanziellen Desaster zu werden, denn die 737 Max ist der Verkaufsschlager des Konzerns. Seit 2017 erhielt Boeing über 5100 Bestellungen für die verschiedenen Versionen der Max-Modelle, rund 380 Maschinen lieferte der Konzern bislang aus.

Die Fluggesellschaften können ihre neuen Flugzeuge nun nicht wie geplant einsetzen und müssen sich teuer Ersatz besorgen. Tui beziffert den Schaden durch das Grounding ihrer bislang 15 Max-Flugzeuge auf rund drei Millionen Euro pro Woche. Norwegian hat bereits angekündigt, den Hersteller auf Schadenersatz zu verklagen.

Die Kosten für das Grounding der 737 Max könnte den US-Flugzeughersteller zwischen einer und fünf Milliarden Dollar kosten, wie die Analysten "Melius Research" sowie "Jefferies" aus Basis eines dreimonatigen Flugverbots ermittelt haben. Allerdings könnte Boeing sich den Schaden "leisten", wie es bei "CNN" heißt: Allein im abgelaufenen Jahr hatte Boeing über zehn Milliarden Dollar Gewinn gemacht.

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Für die Boeing-Aktie ging es am Freitag weiter abwärts. Kurz nach Handelsstart in New York sank ihr Kurs erneut um gut ein Prozent. Seit dem Absturz einer Maschine von Ethiopian Airlines am Wochenende hat sie damit fast 13 Prozent an Wert verloren. Seit Jahresbeginn liegt sie aber immer noch klar im Plus.

Boeing produziert weiter, liefert aber keine 737 Max mehr aus

"Dauern die Flugverbote länger an, wäre das für Boeing schon bedenklich", sagt auch Klaus-Heiner Röhl, Luftverkehrs-Experte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Es sei höchst ungewöhnlich, dass binnen kurzer Zeit zwei Flugzeuge eines neuen Modells abstürzen.

Jetzt will Boeing vorerst erstmal keine Maschinen der betroffenen Versionen mehr ausliefern. "Wir setzen die Lieferung der 737 Max aus, bis wir eine Lösung finden", sagte ein Konzernsprecher am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP. Die Produktion des Maschinentyps werde fortgesetzt, "aber wir bewerten unsere Kapazitäten neu".

Im vergangenen Jahr hatte der US-Flugzeugbauer insgesamt 580 Boeing 737 ausgeliefert, das entspricht rund eineinhalb Flugzeugen pro Tag. Darunter waren 226 Flugzeuge der Max-Versionen. 2019 wurden bis Ende Februar 20 Boeing 737 Max ausgeliefert - genauso viele wie von der Vorgänger-Generation 737 NG.

"Dreamliner"-Grounding verursachte nur minimale Kosten

Auf dem Boeing-Flughafen in Everett stehen Ende 2013 etliche halbfertige "Dreamliner". Foto: © AirTeamImages.com, Weimeng

Mit massenweise geparkten neuen Flugzeugen hat Boeing bereits Erfahrungen. Denn auch der Start des "Dreamliner" verlief alles andere als glatt. Nach Konstruktionsproblemen kam damals die Gefahr von Batteriebränden beim neuen 787-Langstreckenjet dazu. 2013 wurden sogar alle rund 50 damals bereits ausgelieferten "Dreamliner" für rund drei Monate gegroundet.

Zuvor hatten die verbauten Lithium-Batterien in einigen Flugzeugen geschmort oder sogar Feuer gefangen. Unter anderem war auch damals ein werksneuer "Dreamliner" von Ethiopian Airlines von einem Brand betroffen. Glücklicherweise kam bei den Zwischenfällen kein Mensch ums Leben.

Langfristiger Image-Schaden möglich

Der große Unterschied zwischen dem Boeing-787-Grounding und dem der 737 Max liegt nun in der Tatsache, dass deutlich mehr 737 Max bereits ausgeliefert sind und dass das Imageproblem wegen der tödlichen Umfälle tendenziell nachhaltiger wirken könnte als das "Dreamliner"-Problem, dessen finanzielle Auswirkungen Boeing damals als "minimal" bezeichnet hatte.

Röhl hält es nun sogar für "nicht unwahrscheinlich, dass Fluggesellschaften zu Airbus wechseln". Mit Garuda Indonesia hat sogar bereits eine Airline angekündigt, eine Stornierung ihrer 50 bestellten 737 Max zu erwägen, wie "Reuters" berichtet.

Dabei hängt Boeing auf der Kurz- und Mittelstrecke schon jetzt hinter Airbus zurück, denn die direkte Konkurrenzmodellfamilie um den Airbus A320 neo läuft mit rund 6500 Bestellungen und rund 690 Auslieferungen seit 2016 ohnehin schon besser als die 737 Max - wobei auch Airbus Probleme mit ihren neuen Mittelstrecken-Jets hat(te), und zwar mit den Triebwerken.

Dennoch: "Airbus war einfach schneller im Markt und hat daher einen Vorteil", fasst Röhl zusammen. Boeing habe nur noch auf die A320-neo-Familie reagieren können. Dabei hätten viele Experten zunächst Zweifel gehegt, ob sich die alte 737-Serie nicht nur wegen ihres kurzen Fahrwerks überhaupt würde modernisieren lassen.

MCAS-System soll neuen Max-Schwerpunkt ausgleichen

Tatsächlich musste Boeing die verbrauchseffizienteren, aber auch größeren und schwereren Triebwerke der neuen 737 Max anbringen. Dadurch veränderten sich Aerodynamik und Schwerpunkt der Maschinen. Der Flugzeugbauer führte daraufhin das Flugkontrollsystem MCAS ein, das Strömungsabrisse verhindern sollte - und jetzt womöglich für die Abstürze verantwortlich gewesen sein könnte.

Nach dem Unfall vom Oktober habe Boeing die Piloten eigentlich darüber unterrichtet, wie sich das System bei Fehlern außer Kraft setzen lasse, erläutert Röhl. Es müsse jetzt geklärt werden, ob "die Flugzeugführer das nicht versucht haben oder ob es nicht funktioniert hat".

Die US-Luftfahrtbehörde FAA hatte ihr Startverbot für die 737 Max am Mittwoch mit neuen Erkenntnissen zum Absturz in Äthiopien aus per Satellit übertragenen Flugparametern begründet. Es gebe Hinweise auf Ähnlichkeiten zum Crash in Indonesien. Diese Informationen würden weitergehende Untersuchungen erfordern, ob es sich möglicherweise um dieselbe Absturzursache gehandelt habe, hieß es in einer Dringlichkeits-Anordnung der FAA.

© dpa, Igor Kovalenko Lesen Sie auch: So ist das Vorgehen bei Flugunfalluntersuchungen geregelt Hintergrund

Entscheidend für Boeing und mögliche Regressforderungen wird die Klärung der Ursache des Absturzes vom Sonntag in Äthiopien sein. Am Donnerstag sind die beiden Flugdatenschreiber der verunglückten Maschine bei der französischen Luftsicherheitsbehörde Bureau d'Enquêtes et d'Analyses (BEA) eingetroffen. Die BEA hatte zuvor mitgeteilt, die äthiopischen Behörden hätten bei der Untersuchung der Flugschreiber um Unterstützung gebeten. Am Freitag sollen die Arbeiten zur Auswertung beginnen.

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