Boeing 737-NG-Problem womöglich größer als bislang bekannt

Die Probleme mit Struktur-Rissen an der Boeing 737 NG weiten sich möglicherweise aus, auch weniger belastete Maschinen müssen überprüft werden. Australische Ingenieure fordern bereits ein Grounding der Flugzeuge bei Qantas.

Boeing 737-800 im Aborigini-Lack © Qantas

Boeings Probleme nehmen kein Ende: Inmitten der Krise um den Unglücksflieger 737 Max sorgt nun auch das Vorgängermodell 737 NG für größere Schwierigkeiten. Die australische Fluggesellschaft Qantas will nach der Entdeckung eines Risses im Rumpf einer solchen Maschine mehrere baugleiche Flugzeuge einer Inspektion unterziehen.

Derzeit können bis zu 50 Maschinen weltweit nicht abheben. Ein Boeing-Sprecher sagte, bei weniger als fünf Prozent von 1000 weltweit untersuchten Flugzeugen hätten Prüfungsergebnisse dazu geführt, dass die Maschinen vorerst nicht abheben könnten. Die US-Luftfahrtaufsicht FAA hatte Anfang des Monats bereits eine dringliche Sonderprüfung angeordnet. Doch womöglich hat das Problem eine deutlich größere Dimension als bislang angenommen.

"Wir haben einen Riss entdeckt. Diese Maschine wurde zur Reparatur außer Dienst gestellt", sagte ein Qantas-Sprecher am Donnerstag der dpa. Insgesamt sollen jetzt allein bei der australischen Airline 33 Passagierflugzeuge vom Typ 737 NG kontrolliert werden.

Brisant ist, dass es sich dabei wohl auch um Jets der Baureihe handelt, für die die FAA bislang keine raschen Inspektionen vorgeschrieben hatte. Denn die Maschinen haben mehr als 22.600 Starts und Landungen hinter sich, die FAA bezog sich zunächst nur auf solche mit mehr als 30.000.

Das Risiko von Rissen besteht bei wichtigen Bauteilen zur Befestigung der Tragflächen am Flugzeugrumpf. Im Luftfahrt-Jargon werden die Teile "Pickle Forks" genannt, weil sie an Gurkengabeln erinnern. Unter hoher Belastung können diese sich bei der 737 NG offenbar schneller als angenommen abnutzen. Boeing erklärte zu dem Problem bislang nur, Kunden aktiv bei den Untersuchungen der 737 NG zu unterstützen. Allen Betreibern seien detaillierte Anweisungen gegeben worden, auch bei erforderlichen Reparaturen beteilige man sich.

Australischer Ingenieursverband fordert 737-NG-Grounding bei Qantas

Nach Angaben eines Verbands von Flugzeug-Ingenieuren (Australian Licensed Aircraft Engineers Association) wurde jüngst noch an einem weiteren Qantas-Flugzeug ein Riss entdeckt. Der Verband appellierte an die Fluggesellschaft, alle insgesamt 77 Maschinen diesen Typs am Boden zu lassen. Von Qantas gab es für die Entdeckung eines zweiten Risses keine Bestätigung. Die Fluglinie bezeichnete die Erklärung des Verbands als "völlig verantwortungslos". "Wir würden niemals ein Flugzeug starten lassen, das nicht vollkommen sicher ist."

Eine FAA-Sprecherin wies auf Nachfrage darauf hin, dass die Behörde bereits Anfang Oktober auch für neuere 737 NG mit weniger Starts und Landungen Prüfungen angeordnet habe. Allerdings mussten nur ältere Maschinen mit besonders hoher Belastung innerhalb von sieben Tagen auf Risse gecheckt werden. Daran solle sich zunächst auch nichts ändern. Als Ergebnis der dringlichen Sonderprüfung waren bei rund fünf Prozent der untersuchten Jets Risse festgestellt worden. Sie müssen repariert werden und dürfen vorerst nicht mehr abheben.

Europas größter Billigflieger Ryanair, dessen Flotte komplett aus 737-NG-Maschinen vom Typ 737-800 besteht, zeigte sich trotz der Nachrichten aus Australien entspannt. "Ryanair überprüft ihre Flugzeuge weiterhin in Übereinstimmung mit den Lufttüchtigkeitsanweisungen und erwartet keine Auswirkungen auf unsere Verbindungen oder Flottenverfügbarkeit", teilte die Fluglinie auf Anfrage mit.

© AP/dpa, Andrew Harnik Lesen Sie auch: Boeing-Chef im Kreuzfeuer der Kritik

Die Boeing 737 NG ist das Vorgängermodell der 737 Max. Die 737-Max-Modelle sind seit Mitte März wegen zwei Abstürzen mit insgesamt 346 Toten mit Flugverboten belegt. Als eine entscheidende Unglücksursache gilt das fehlerhafte Flugsteuerungssystem MCAS. Ob und wann die Maschinen wieder abheben dürften, ist von internationalen Aufsichtsbehörden abhängig und derzeit unklar.

Von: dk, hr, afp, dpa

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