Deutschland einig Luftfahrtland

Dreimal mehr Passagiere, neue Fluggesellschaften und gefallene Monopole: Seit dem Mauerfall im Jahr 1989 haben sich viele Dinge verändert. Was vor 30 Jahren im deutschen Luftverkehr noch alles anders war - in Ost und West.

10. August 1989: Lufthansa nimmt den deutsch-deutschen Linienverkehr auf. © Lufthansa
Passagiere beim Einstieg in eine Tu-134 der DDR-Fluggesellschaft Interflug um 1980. © Flughafen Dresden
Der Flughafen Berlin Schönefeld im Jahr 1992. © Flughafen Berlin Brandenburg GmbH
Der Flughafen Berlin-Tegel 1986 © Flughafen Berlin Brandenburg
Boeing 737-200 der Air Berlin USA, 1980 aufgenommen in Berlin-Tegel. © Air Berlin
Flughafen München (Riem) im Jahr 1989. © Flughafen München GmbH / Peter Bock-Schroeder FMG
Boeing 737 der EuroBerlin, einem Joint Venture der Lufthansa und Air France. © AirTeamImages.com / Carl Ford
Am Flughafen Frankfurt Hahn kann man 2007 noch sehr deutlich die ehemalige Militärbasis erkennen. © Public Domain
Ryanair flog zur Zeit des Mauerfalls mit Regionalflugzeugen und BAC1-11 und wurde erst kurz darauf zur ersten europäischen Billigairline. © GNU / Torsten Maiwald
Emirates wurde 1985 gegründet und flog zunächst mit zwei Boeing 727. © CC / Ken Fielding
Airbus feierte im Februar 1987 den Erstflug des A320. © Airbus

Zum Tag der Deutschen Einheit blicken in diesem Jahr alle zurück auf 1989. Vor 30 Jahren fiel die Mauer - und Deutschland veränderte sich. Das gilt auch für die Luftfahrtbranche, und zwar in Ost und in West. Was zuvor in Sachen Luftfahrt streng getrennt war, wuchs nun zusammen.

Dabei gab es die ersten Luftfahrt-Annäherungsversuche schon vor dem Mauerfall: Die erste Linienverbindung zwischen der BRD und der DDR startete bereits am 10. August 1989 - also drei Monate vor dem Fall der Mauer. Damals landete eine Lufthansa-Boeing auf dem Flughafen Leipzig/Halle.

Fliegen musste die Airline allerdings noch einen Umweg über die Tschechoslowakei - denn Lufthansa-Flugzeuge durften vor der Wende noch nicht die innerdeutsche Grenze überfliegen. Später sollte die Lufthansa dennoch sagen, sie habe wohl ein Loch in den Eisernen Vorhang geflogen. Und dieses "Luftloch" hatte durchaus große Konsequenzen für den Luftfahrtstandort Deutschland.

© Lufthansa, Lesen Sie auch: Mauer mit Luftloch: Erinnerung an deutsch-deutsche Linienflüge

Nicht nur im Osten war 1989 alles anders

Während sich die Dinge zwischen Ost und West entwickelten, gingen die Lichter bei der ehemaligen DDR-Staatsairline Interflug schon kurz nach der Wiedervereinigung aus. In der DDR hatte die Interflug noch Technik, Flugbetrieb und alle Flughäfen der DDR unter einem Dach vereint. Sie hatte das Monopol - in der anbrechenden neuen Zeit aber gab es keine Chance mehr für staatlich verordnete Planwirtschaft im Himmel. Eine Übernahme durch die Lufthansa scheiterte aber nicht nur an den Kartellbehörden. Einzige Überbleibsel der Interflug sind heute noch die Airbus A310 der Luftwaffe.

Das allerdings mussten auch etliche andere ehemalige Staats-Airlines im Westen spüren und sich neu aufstellen. Die Lufthansa Group, heute größter europäischer Airline-Verbund, gab es 1989 genauso wenig wie den Zusammenschluss von Air France und KLM oder die International Airline Group um British Airways und Iberia. Bis 1994 war Lufthansa sogar noch der offizielle staatliche Flag-Carrier Deutschlands. Erst seit 1997 ist die Deutsche Lufthansa AG vollständig privatisiert.

Die Liberalisierung des europäischen Luftverkehrs vollzog sich mit der schrittweisen Umsetzung und Implementierung von insgesamt drei "Liberalisierungspaketen" (1987 bis 1992). Damit brachten die Wendejahre in ganz Europa neue Voraussetzungen und neue Konkurrenz: Ryanair nutzte die historische Gelegenheit und entwickelte sich von einer kleinen Regional-Airline zum paneuropäischen Billigflug-Giganten. Easyjet wurde erst 1995 gegründet.

Pan Am statt Eurowings

Neben den in Deutschland großen Lufthansa, LTU und Condor flogen im Jahr des Mauerfalls stattdessen weitere, zum Teil längst vergessene Fluggesellschaften im Inlandsverkehr: Euro Berlin beispielsweise war ein Joint Venture zwischen Air France und Lufthansa für den West-Berlin-Verkehr. Zu Mauerzeiten durfte Lufthansa nämlich nicht nach West-Berlin fliegen. Das war ausschließlich Fluggesellschaften der Siegermächte erlaubt.

Aus diesem Grund waren 1989 Kurzstrecken-Jets etwa der Pan Am überall ein normaler Anblick auf den Flughäfen der Bundesrepublik, wie dieses Zeitzeugen-Video einer Flugreise von Frankfurt nach Berlin-Tegel und München-Riem mit Abstecher nach Ost-Berlin inklusive einem Besuch am Flughafen Schönefeld zeigt:

Die inzwischen untergegangene Air Berlin war vor der Wende noch amerikanisch registriert. Sie flog mit einer einzigen Boeing 737 von Berlin-Tegel zu Ferienorten rund um das Mittelmeer. Erst nach dem Mauerfall folgte die Expansion "in die Fläche", der Mallorca- und Cityshuttle sowie etliche Übernahmen bis hin zur Oneworld-Allianzmitgliedschaft und dem zuletzt so wichtigen Partner Etihad. Es erscheint schon fast unwichtig, zu erwähnen, dass es vor 30 Jahren noch keine großen Golf-Carrier gab.

1989 lag der Flughafen München noch woanders

Nicht nur in der Luft sondern auch am Boden sah die Luftfahrt vor dem Mauerfall in Deutschland dabei noch ganz anders aus: Wer etwa von München aus fliegen wollte, fuhr bis kurz nach der Wende nach Riem. Den heute zweitgrößten Flughafen der Republik im Erdinger Moos gibt es nämlich erst seit 1992. Seitdem hat sich der Standort zu einem wichtigen Lufthansa-Drehkreuz entwickelt.

Die Vorfahrt zum Flughafem München-Riem im Jahr 1989. Foto: © Flughafen München GmbH, Werner Hennies

An vielen heutigen Regionalflughäfen gab es zudem vor der Wende noch keinen Passagierbetrieb - zum Beispiel Frankfurt-Hahn, Weeze oder Memmingen. Alle diese Plätze waren bis zum Abzug der Alliierten reine Militärflugplätze, die im aufkommenden Billigflieger-Boom eine Chance für sich sahen.

Seitdem sind die Passagierzahlen in Deutschland tatsächlich extrem gestiegen: 1989 zählte man in West-Deutschland 70,4 Millionen Fluggäste, am Zentralflughafen der DDR in Berlin-Schönefeld wurden rund drei Millionen Passagiere abgefertigt. Alle anderen Flughäfen der DDR kamen zusammen auf rund eine Million Fluggäste.

Die knapp 75 Millionen Passagiere aus dem Jahr 1989 wirken aus heutiger Sicht kaum noch real. Mittlerweile fertigt der Flughafen Frankfurt allein rund 70 Millionen Fluggäste pro Jahr ab. Insgesamt zählten die deutschen Flughäfen im vergangenen Jahr über 244 Millionen Passagiere. Das sind mehr als dreimal so viele wie vor dem Mauerfall.

Passagiere an deutschen Verkehrsflughäfen
Jahr Passagiere
1989 74400000
1990 78400000
1991 77700000
1992 86500000
1993 93100000
1994 99800000
1995 108400000
1996 111300000
1997 118400000
1998 124200000
1999 133000000
2000 142200000
2001 140600000
2002 136700000
2003 141900000
2004 155700000
2005 165500000
2006 174200000
2007 184700000
2008 191000000
2009 182200000
2010 190700000
2011 198200000
2012 200400000
2013 201800000
2014 207939568
2015 215986217
2016 223236075
2017 234755266
2018 244300717

Entwicklung der Passagierzahlen in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren. Quelle: ADV, (1989: 70,4 Mio Pax BRD + 4 Mio. PAX DDR)

Berlin wächst zum drittgrößten Luftverkehrsstandort

Am besten sieht man die Veränderungen in Berlin: Hatte Tegel 1989 rund sechs Millionen Fluggäste, sind es heute mit rund 22 Millionen fast vier Mal so viele. Ähnlich stark war das Wachstum in Schönefeld. Zu DDR-Zeiten zählte der "Zentralflughafen" in Berlin zuletzt drei Millionen Passagiere, heute sind es rund zehn Millionen mehr pro Jahr.

Nach der Wiedervereinigung gingen die Zahlen in Schönefeld im Zuge der Interflug-Abwicklung zunächst stark zurück, der Flughafen erholte sich aber bald. Schönefeld war der Mittelpunkt der DDR-Luftfahrt. Alle anderen DDR-Verkehrsflughäfen wie Barth, Dresden, Erfurt, Karl-Marx-Stadt und Leipzig spielten eine untergeordnete Rolle. Von Berlin aus ging es derweil vor allem ins kommunistische Ausland. Man flog bis in die Karibik und nach Fernost - wenn man denn reisen durfte. Das allerdings durften die allerwenigsten DDR-Bürger. Gegen Devisen flog die Interflug daher auch West-Berliner günstig in den Türkei-Urlaub.

Passagiere an den Berliner Flughäfen
Jahr Tegel Schönefeld Tempelhof
1990 6500000 3000000 400000
1991 6715402 1069886 404048
1992 6641634 1446933 831866
1993 7000168 1572361 1124822
1994 7234345 1804490 1032922
1995 8186512 1861674 767944
1996 8298736 1766452 711020
1997 8622359 1870213 875590
1998 8810476 1876209 932149
1999 9543437 1861385 838286
2000 10268325 2133919 754681
2001 9909453 1851377 774152
2002 9879888 1615171 612744
2003 11104106 1684384 451116
2004 11047954 3325348 441558
2005 11532302 5026115 544494
2006 11812623 6026228 633493
2007 13357741 6313343 350172
2008 14486610 6638162 0
2009 14180237 6797158 0
2010 15025600 7297911 0
2011 16919820 7113989 0
2012 18164203 7097274 0
2013 19591838 6727306 0
2014 20688016 7292517 0
2015 21005215 8526268 0
2016 21253959 11652922 0
2017 20455278 12865312 0
2018 22000430 12725937 0

Entwicklung der Passagierzahlen am Luftverkehrsstandort Berlin.Quelle: ADV, Flughafengesellschaft, div. Publikationen

Ein Berliner Flughafen wurde derweil schon wieder geschlossen: 18 Jahre nach dem Abzug der Amerikaner gingen die Lichter 2008 in Tempelhof aus. Dennoch hat sich die Hauptstadtregion zum drittgrößten Flughafenstandort der Republik nach Frankfurt und München gemausert - und das ohne den schon gleich nach der Wende geplanten und bis heute noch nicht eröffneten neuen Hauptstadtflughafen BER.

Nach der Wende ereilte vor allem im Osten einigen hoffnungsvoll wieder eröffneten Flughäfen ein ähnliches Schicksal, wenn auch aus anderen Gründen. Zum Passagier- oder Frachtbetrieb umgerüstet, gibt es an Plätzen wie Altenburg oder Cottbus heute keinen Linienflugverkehr mehr.

Aber es gibt auch abseits von Schönefeld Erfolgsgeschichten im Osten: So hat sich nach der Wende am Flughafen Leipzig/Halle ein bedeutender Luftfrachtstandort in Deutschland entwickelt und mittlerweile sogar Köln/Bonn vom Platz zwei hinter Frankfurt verdrängt. Rund um Leipzig und Dresden ist zudem nicht nur die Mitteldeutsche Flughafen Holding sondern auch ein wichtiger Standort für die Luftfahrtindustrie entstanden.

Von: dh

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