24.000 Vorfeldführerscheine und ein Punktesystem wie in Flensburg

Auf dem Vorfeld des Frankfurter Flughafens gelten eigene Verkehrsregeln, zum Beispiel Tempo 30 für Autos und "Vorfahrt" für Flugzeuge. Was es zu beachten gilt und wie Verstöße geahndet werden, erläutert der Bericht vom Vorfeld.

Rollverkehr am Frankfurter Flughafen © Fraport AG
Pushback am Frankfurter Flughafen © Fraport AG
Mobiler Getränkeservice am Flughafen Frankfurt. © Fraport

Im Seitenspiegel beobachtet Maximilian Fiedler den Gepäckwagen hinter sich, dessen Fahrer ungeduldig winkt. Fiedler bleibt mit seinem Fahrzeug dennoch stehen, den Blick auf ein Flugzeug gerichtet, das in Rollposition zu seiner rechten Seite steht. "Wenn der sich jetzt in unsere Richtung bewegt, sind das keine 125 Meter mehr, wenn ich jetzt vorwärts fahre. Ich bleibe hier stehen", betont er. Der Fahrer des Gepäckwagens sieht das wohl anders, er zieht links vorbei, was Fiedler mit einem Kopfschütteln quittiert.

Denn indem er stehenblieb, hat sich Fiedler an die Verkehrsregeln auf dem Vorfeld des Frankfurter Flughafens gehalten. 125 Meter Sicherheitsabstand gelten für Fahrzeuge, die sich hinter einem rollenden Flugzeug mit laufenden Triebwerken befinden. "Wenn ich näher rankäme, würde das Auto zwar nicht zu wackeln beginnen, aber man riecht die ganzen Gase", sagt Fiedler, der seit etwa einem Jahr als Fahrerausbilder arbeitet. Denn für Fahrzeuge, die auf dem Vorfeld des Flughafens unterwegs sind, gibt es einen eigenen Führerschein.

"Ähnlich wie draußen gilt auch hier die Straßenverkehrsordnung - allerdings mit einigen Ausnahmen, weil wir hier eben auch Flugzeuge haben", sagt Martin Bülow, als Safety Manager der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (Easa) am Flughafen Frankfurt auch für das Thema Verkehrssicherheit zuständig. "Der ganze Verkehr ist darauf ausgerichtet, dass wir Flugzeuge fahren lassen, nicht beschädigen, nicht behindern." Flugzeuge haben daher grundsätzlich Vorrang, selbst vor den Fahrten von Rettungsfahrzeugen - es sei denn, es handele sich um einen "Flugzeug in Not"-Einsatz.

Vorfeld ist Tempo-30-Zone

Geschwindigkeitsregeln gibt es auch: Das gesamte Vorfeld ist eine Tempo 30-Zone, jedenfalls für Fahrzeuge. Das mache auch Sinn, betont Jens Peters, stellvertretender Leiter der Fahrerausbildung. "Die Fahrer benötigen an manchen Positionen einen 360 Grad-Blick. Wenn sie schneller fahren würden, könnten sie die ganzen Eindrücke gar nicht verarbeiten."

Es könne immer wieder geschehen, dass ein Fahrer wie an einer normalen Kreuzung nach rechts und links blicke, und dann komme doch schon mal überraschend ein Flugzeug von der Seite in die Quere. "Natürlich kommt es auch vor, dass einer noch schnell rüberfährt und die Situation unterschätzt", sagt Bülow über die sogenannten Rollbehinderungen für Flugzeuge. Dann gebe es auch seitens der Piloten Beschwerden. "Darauf reagieren wir auch, unter anderem deshalb haben wir den Punktekatalog eingeführt", betont Bülow.

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Als besonders gravierend und mit drei Punkten geahndet wird dabei das unerlaubte Betreten oder Befahren des Rollfelds, Verstöße gegen die Sicherheitsbestimmungen bei der Betankung von Flugzeugen und die Behinderung oder Gefährdung von Flugzeugen. Wer keine Warnweste trägt oder am Steuer mit dem Handy telefoniert, riskiert einen Punkt - und ab sechs bis sieben Punkten ist ein Auffrischungskurs bei der Fahrerausbildung vorgeschrieben.

Mit acht Punkten ist erst einmal vier Wochen lang Schluss mit dem Fahren auf dem Vorfeld. "Wir haben den Punktekatalog jetzt seit eineinhalb Jahren, und acht Punkte sind bis jetzt nicht zustande gekommen", zeigt sich Bülow zufrieden.

Auch auf dem Vorfeld wird geblitzt

Kontrolliert werde auch auf dem Vorfeld: "Wir haben Blitzgeräte vor Ort", erzählt Bülow. Die Airport Security sei draußen auf dem Vorfeld auch für Geschwindigkeitskontrollen zuständig - und viermal im Monat gebe es eine Verkehrsaktion, bei der "alle Kontrollorgane einschließlich der Luftaufsicht, auch sehr sichtbar über das Vorfeld fahren und kontrollieren".

"Es könnte sogar ruhig mehr kontrolliert werden", meint Fahrerausbilder Fiedler angesichts von Temposündern oder Dränglern auf dem Vorfeld. Denn bei manchem der etwa 24.000 Fahrer, die im Besitz des "Vorfeldführerscheins" sind, schleiche sich mit der Routine eben auch Nachlässigkeit ein. Umgekehrt bräuchten die Vorfeld-Fahranfänger eine Weile, bis sie alles, was sie in dem zweitägigen Fahrkurs Vorfeldführerschein gelernt haben, auch richtig in die Praxis umsetzen - auf die auf den Boden gemalten Markierungen und Verkehrszeichen zu achten, die Positionen und Bewegungen der Flugzeuge richtig einzuschätzen.

"Das setzt einen vor allem am Anfang schon unter Stress", räumt Fiedler ein. Hinzu kommen die Fahrwege: "Den groben Überblick hat man nach ein bis zwei Monaten, aber bis man alles kennt, kann es auch ein Jahr dauern", meint der Ausbilder, der früher beim Rettungsdienst des Flughafens arbeitete.

Bei der Fahrprüfung werde den Führerscheinanwärtern jedenfalls nichts geschenkt. "Es bringt nichts, mit Prüflingen auf Wegen zu fahren, auf denen nichts passiert", sagt Fiedler. "Wir müssen sagen können, ob die Teilnehmer das schaffen oder nicht". Deshalb würden auch so neuralgische Punkte angefahren wie die Rollbahnen "November 5" und "November 6", wo buchstäblich von allen Seiten sowohl andere Fahrzeuge als auch Flugzeuge kommen können. Die Durchfallquote bei der praktischen Fahrprüfung liege dennoch nur bei etwa drei Prozent.

Von: Von Eva Krafczyk, dpa

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