Autothrottle trotz defektem Radio-Altimeter

Zwischenbericht zu Turkish-Airlines-Unfall in Amsterdam veröffentlicht

04.03.2009 - 19:37 0 Kommentare

Der Absturz einer türkischen Boeing 737 vor einer Woche in Amsterdam ist wahrscheinlich Folge einer Verknüpfung von technischem und menschlichem Versagen. Das teilten die Unfallermittler in einem ersten Zwischenbericht mit. Demnach gab es Probleme mit einem Höhenmesser. Zugleich bemerkte die Crew den Zusammenhang mit der aktivierten automatischen Schubkontrolle offensichtlich nicht.

Pieter van Vollenhoven, Chef des Dutch safety research council - © © dpa -

Pieter van Vollenhoven, Chef des Dutch safety research council © dpa

Die Auswertungen des Stimmenrekorders und der Flugdatenschreiber hätten Unregelmäßigkeiten beim Sinkflug der Boeing 737 ergeben, erläuterte der Chef der niederländischen Sicherheitsbehörde, Peter van Vollenhoeven, am Mittwoch in Den Haag. Das Autothrottle-System bekam offensichtlich im Landeanflug auf Amsterdam falsche Höhendaten. Die bei dem Unfall ums Leben gekommene dreiköpfige Crew bemerkte dabei den Zusammenhang mit der aktivierten automatischen Schubkontrolle offensichtlich nicht.

Den heute veröffentlichten Ermittlungsergebnissen zufolge hatte die Crew trotz einer Fehlfunktion des Radio-Altimeters (misst die Höhe über Grund) das Autothrottle-System (automatische Schubkontrolle) nicht deaktiviert und später die Geschwindigkeit des Flugzeuges außer Acht gelassen. In der Folge flog das Flugzeug viel zu langsam und stürzte ab.

Details zum wahrscheinlichen Unfallhergang

Nach vorläufigen Untersuchungsergebnissen konnten die Ermittler in den Daten der Flugschreiber eine Fehlfunktion des linken Radio-Altimeters ablesen, der in knapp 2.000 Fuß Höhe über Grund plötzlich eine Höhe von -8 Fuß anzeigte. Mit dieser Fehlanzeige überschneidet sich dann eine vom Autothrottle-System veranlasste deutliche Reduzierung des Triebwerkschubs. Das Flugzeug "dachte" in diesem Moment, sich in der letzten Flugphase dicht über dem Boden zu befinden und reduzierte daher automatisch den Schub in den "Retard"-Modus, der eigentlich das Ausschweben kurz vor der Landung einleitet.

Die Stimmrekorder-Aufzeichnungen zeigen den Ermittlern zufolge, dass eine Fahrwerks-Warnung die Crew auf die falsche Altimeter-Anzeige aufmerksam machte. Allerdings nahmen die Piloten diese Warnung nicht als größeres Problem wahr. Die Crew handelte auch in den nächsten knapp 100 Sekunden nicht, obwohl das Flugzeug nach der automatischen Schubreduzierung auf Idle (kein Schub) schnell an Geschwindigkeit verlor.

Das Flugzeug sackte unter den normalen Gleitweg, während der Capitän mit dem fliegenden ersten Offizier die "Before Landing Checkliste" durchging. Erst nachdem der aktivierte Stickshaker in 490 Fuß Höhe einen nahenden Strömungsabriss signalisierte, wurden die Schubhebel auf Vollschub gestellt. Da sich das Flugzeug aber noch im "Retard"-Modus befand wurde der Schub automatisch wieder auf Idle reduziert. Sechs Sekunden später bemerkte die Crew den Umstand und wollte erneut Schub geben - zu spät, um die Maschine noch abzufangen. Das Flugzeug schlug mit dem Heck zuerst mit gerade noch 95 Knoten Geschwindigkeit auf einem Acker auf und zerbrach in drei größere Teile.

Probleme mit Radio-Altimeter bestanden schon vorher

Die Untersuchungen der Flugdatenschreiber zeigten den Ermittlern zufolge auch, dass der Radio-Altimeter der Unglücksmaschine bereits vor dem Unglücksflug zweimal während der letzten acht aufgezeichneten Landungen einen ähnlichen Fehler produzierte. Turkish Airlines hatte Reparaturen an der Maschine bestätigt, allerdings war bislang in diesem Zusammenhang nie die Rede von Problemen mit dem fehlerhaften Radio-Altimeter.

Die Ermittlungen konzentrieren sich nun weiter auf die Verbindung zwischen dem linken Radio-Altimeter und dem Autothrottle-System der Boeing 737, teilten die Ermittler weiter mit. Die Ermittler forderten Boeing auf, in den Handbüchern noch genauer auf die Rolle des Radio-Höhenmessers im Zusammenspiel mit dem Autothrottle-System einzugehen.

Es gäbe im Übrigen keinerlei Hinweise auf Treibstoffprobleme, Vogelschlag, Vereisung oder Wake-Turbulenzen vorausfliegender Maschinen.

Die Maschine auf dem Flug von Istanbul nach Amsterdam mit fast 130 Passagieren und sieben Besatzungsmitgliedern an Bord war vor einer Woche auf einem Feld in der Nähe des Flughafens abgestürzt und in drei große Teile zerbrochen. Dabei kamen neun Menschen ums Leben. 28 der insgesamt 86 Verletzten befanden sich am Mittwoch noch im Krankenhaus.

Von: dpa, AFP, airliners.de
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