Schiene, Straße, Luft (14) ( Gastautor werden )

Zwischen Neugier und Nervensägen

02.03.2018 - 07:00 0 Kommentare

"Schicken Sie dem Mayer eine Abmahnung!" Wer hat nicht im ICE Sätze dieser Qualität schon einmal gehört? Sie illustrieren einen Vorteil des Fliegens, der kaum thematisiert wird, so Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

Nicht-stören-Schild im Zug (Foto: Carsten, gepostet auf Flickr, CC-BY-NC-ND 2.0) - © © Carsten -

Nicht-stören-Schild im Zug (Foto: Carsten, gepostet auf Flickr, CC-BY-NC-ND 2.0) © Carsten

Neugier ist dem Menschen vermutlich angeboren. Schon Jäger und Sammler mussten aufmerksam ihr Nahumfeld erkunden, um Beute zu machen oder auch nur, um sich sicher darin bewegen zu können. Ähnlich ist es auch beim Reisen, wo man Neues nicht nur beim Blick aus dem Fenster, sondern auch beim schlichten Hören erfährt. Es muss noch nicht einmal Zuhören sein.

Im Flugzeug hat es sich offenbar durchgesetzt, nicht zu telefonieren oder nur, wenn es wirklich unbedingt nötig ist. Sofern es überhaupt möglich und erlaubt ist. Das ergab eine nicht repräsentative Umfrage unter Freunden und Bekannten. Im Vordergrund steht bei den Ursachen für diese Zurückhaltung die Kostenfrage.

Aber es kamen auch Antworten wie: "Es ist ganz schön, mal nicht zu telefonieren", oder: "Im Kino telefoniere ich ja auch nicht." Darüber hinaus hängt es mit dem Grundrauschen in der Kabine zusammen, das sprachliche Kommunikation doch ein wenig erschwert.

Fußgänger kennen das ...

In allen anderen Beförderungsmitteln ist die Telefonie aber für viele Leute immer noch die Zerstreuungsmöglichkeit ihrer Wahl. Für die Jüngeren: Telefonieren ist Kommunikation mit Sprechen und Hören und einer fernmeldetechnischen Übertragungslinie dazwischen. Allzu oft haben Unbeteiligte dabei den Eindruck, den Beteiligten geht es dabei nicht nur um die Kommunikation miteinander, sondern auch um die Selbstdarstellung gegenüber den Mitreisenden.

Das gilt selbst für den Straßenverkehr: Wer als Fußgänger in Berlin an einer beliebigen Kreuzung die Autos vorbeifahren sieht, erkennt viel zu oft Fahrer mit dem Handy am Ohr. Auch das gesetzliche Verbot samt Drohung mit mindestens 100 Euro Bußgeld haben das noch nicht geändert.

Fernverkehr ist am interessantesten

Im öffentlichen Nahverkehrsmittel lautet neben endlosen Gesprächen in unbekannten Sprachen der Klassiker: "Schatz, ich bin jetzt in der Nähe von [hier Haltestelle einsetzen] und in zehn Minuten da." Nun gut, bei Verspätungen kann das ganz nützlich sein. Am interessantesten ist es aber im Zug, also im Fernverkehr.

Da scheint der Eintritt ins Großraumabteil ohne Smartphone schon fast als unanständig zu gelten, ebenso wie das Lesen in einem Buch anstatt am Laptop. Es gibt nicht mehr die Wand, an die der sprichwörtliche Lauscher das Ohr legt, und er hört in der Regel auch nicht "seine eig'ne Schand'". Und vor allem fallen keine zusätzlichen Kosten an, wofür die Telefonierer und die Surfer aber auch jahrelang gekämpft haben.

Gleichwohl kennt jeder Bahnfahrer den verzweifelten dritten und vierten Versuch, den einfachen Satz: "Der Zug hat jetzt schon 20 Minuten Verspätung" auf der tunnelreichen Neubaustrecke Hannover-Würzburg mit einer akustischen Telefonverbindung erfolgreich zu übermitteln. Geheimtipp: Nachricht tippen. Das Smartphone merkt sie sich und schickt sie, wenn es wieder funktioniert. Meistens.

Vertraulichkeit in der 1. Klasse

Wenn es also funktioniert, ermöglicht oder erzwingt der Großraum allzu oft etwas, wogegen sich die Beteiligten in anderen Situationen massiv zur Wehr setzen würden: das Mithören. Menschen, die sich im Small-Talk mit Journalisten nach zwei Minuten versichern lassen, sie würden auf keinen Fall zitiert werden, vergessen im Zug, dass hinter oder vor ihnen Informationshungrige aller Art sitzen könnten. Meist erteilen sie besonders in der 1. Klasse stundenlang ihren Untergebenen Anweisungen, die nach allgemeinem Compliance-Verständnis durchaus vertraulich sein sollten.

Ein Bekannter erzählt gern, wie er nach der unfreiwilligen Teilnahme an einem solchen Gespräch dem "Manager" beim Aussteigen zu dessen Verblüffung erklärt habe: "Bei Ihnen möchte ich aber nicht arbeiten."

In der 2. Klasse sind familiäre Telefonate häufiger. Abendliche Auseinandersetzungen über die Frage, wer die Kinder ins Bett bringt und die anschließende Abschiednahme von den lieben Kleinen in angepasster Sprache gehören da zu den langweiligen Erfahrungen; interessant wird es bestenfalls bei Beziehungsfragen.

Telefonieren beim Fliegen unüblich

Im Flugzeug - wir reden hier nur von Economy - muss sich der Reisende in der Regel mit den Bordunterhaltungs-Möglichkeiten zufriedengeben oder gar einnicken. Fluggesellschaften sind offenbar auch wenig geneigt, das Telefonieren in der Kabine, selbst wenn es technisch und regulatorisch möglich und erlaubt ist, weiter zu erleichtern.

Die Airlines geben damit indirekt zu, dass die Passagierhaltung aufgrund der knappen Platzverhältnisse nicht immer artgerecht ist. Für Nachbarn wird das Weghören dann doch recht schwierig.

Die Airlines könnten auch darauf hinweisen, dass Telefonieren ohnehin ziemlich 20. Jahrhundert ist. Der junge, dynamische Kommunikationsprofi chattet via Tastatur, whatsappt oder nutzt sichere Nachrichtenkanäle.

Das ergab im Übrigen auch die oben genannte Umfrage, bei der kritisiert wurde, dass die Internetverbindung im Flieger, wenn überhaupt, dann höchstens für wenige Minuten kostenlos ist. In der Luft hat es sich - ebenso wie bei manchen Hotels - eben noch nicht durchgesetzt, dass Internetversorgung zu den Grundbedürfnissen des Reisenden gehört.

Das lustigste Ergebnis der Umfrage war die Antwort: "Ich habe schon mal mit dem Handy im Segelflugzeug telefoniert." Aber auch hier war "der Empfang nicht allzu berauschend …, obwohl eine Sichtlinie zum Sendemast besteht. Vermutlich sind die Antennen auf horizontale Ausrichtung optimiert." Wenn das mit der Ausrichtung doch nur bei den Ohren möglich wäre.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de
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